Spätestens seit Ende der Sechziger ist der Begriff der Emanzipation die Monstranz in der Prozession aller rechtgläubigen Pädagogen und Soziologen. In schulischen Richtlinien findet er sich bei der Formulierung von Erziehungszielen unangefochten auf den oberen Rängen. Daß er mit der Heilsbringermentalität eines pädagogischen Gesalbten unvereinbar ist, wird dabei regelmäßig übersehen. Von höherer Weisheit getrieben und ausgestattet mit den Werkzeugen ausgeklügelter Didaktik und Methodik, sind wir Lehrer nämlich eher geneigt, zu konditionieren als loszulassen, zu bearbeiten als arbeiten zu lassen, zu belehren als lernen zu lassen. Dazu zwei Beispiele.

Erste Szene: Das Schulzentrum, in dem ich arbeite, verteilt sich auf zwei gegenüberliegenden Seiten einer vielbefahrenen Landstraße.

Eine Fußgängerbrücke schützt die Schülerinnen und Schüler vor der Gefahr des Autoverkehrs. Die Haltebuchten der Schulbusse allerdings befinden sich aus Gründen der Geometrie auf der Höhe der Landstraße.

Wer also aussteigt und die gegenüberliegende Seite risikolos erreichen will, muß zwanzig Stufen erklimmen. Er kann dann die sichere Brücke benutzen - ein Angebot an die Unversehrtheit des Leibes.

Doch die Nachfrage ist begrenzt. An jedem Morgen stürzen Horden von Schülern durch das Gewimmel der Fahrzeuge über die Straße.

Und die Schule wird nicht müde, ihren Kunden mit Appellen und guten Worten, mit Verkehrsunterricht und Lehrfilmen, mit einem Medienzippzapp ohnegleichen die Gefahren des Straßenverkehrs nahezubringen. Doch es verfängt nichts. Die Horden hetzen weiter.

Zweite Szene: Bevor ich auf das Klopfen an meiner Tür antworten kann, stürzt eine Kollegin herein. Sie schiebt einen Oberstufenschüler vor sich her, zittert, ist kaum imstande, ihre Entrüstung in Worte zu fassen. Der flaumbärtige Flegel wollte tatsächlich mitten in der schönsten Unterrichtsstunde den Klassenraum verlassen und zum Arzt gehen. Nicht, daß ihm schlecht geworden wäre. Nein, er war ganz einfach der Ansicht, daß dies der günstigste Termin sei und er auf diese Weise keine wertvolle Freizeit mit Warten vergeuden müsse. Ich unterbinde den Arztbesuch mit direktorialer Autorität.