Es giebt mir eine unglaubliche Satisfaction, daß ich Dir heut einmal von einem Ort erzählen kann, der Deinem Fuß unzugänglich ist", so Ida Hahn-Hahn in einem Brief an ihren Bruder im Jahr 1843. Und dann breitet sie ein delikates Thema aus, nämlich einen Haremsbesuch. Mit deftigen Worten und eindeutigem Urteil schildert sie die Herabwürdigung der Frau zum "Vieh". Später wird sie ihre orientalischen Reiseschilderungen veröffentlichen und eine berühmte Frau werden.

Daß Frauen den Orient gern besuchten, weil er ihnen die "Aussicht auf ein exklusives Reisethema" bot, ist eine These des Buches "An den süßen Wassern Asiens - Frauenreisen in den Orient". Annette Deeken und Monika Bösel lassen über zwanzig Frauen aus dem deutschen Sprachraum wiederauferstehen, die sich im 19. Jahrhundert in die Länder ihrer Träume begeben haben. Es waren alleinreisende Pilgerinnen, Diplomatengattinnen mit Gefolge, selbstbewußte Witwen, Literatinnen und Gouvernanten, die bei allen Unterschieden einige Gemeinsamkeiten hatten: Sie taten sich unendlich schwer, sich entgegen den Konventionen jener biederen Zeit eigene Reisewünsche zu erfüllen. Aber alle schafften es, ihre räumlichen und gesellschaftlichen Spielräume zu erweitern. Sie schrieben im orientsüchtigen 19. Jahrhundert über Themen, zu denen Männer keinen Zugang hatten, nämlich über ihre Erlebnisse in orientalischen Frauenwelten.

Diese reisenden Damen nutzten weibliche Nischen für ihre eigene Unabhängigkeit. Harem, Frauenbad, Sklavinnenmarkt, die Ausflugsgesellschaften an den süßen Wassern des Bosporus. Ihre Wege ließen keine der damals begehrten Attraktionen aus. Gazetten wie die Gartenlaube waren begierig nach authentischem Material aus Frauenhand. Und die reisenden Schreiberinnen gaben es ihnen. In persönlichen Ansichten schilderten sie "exotische" Zustände, begutachteten Orientalinnen, wenn sie denn mal unverschleiert angetroffen wurden, und wetterten gegen "barbarische" Sitten und "despotische" Männer, die ihre Frauen "kasernieren".

Sie lieferten eine informative und unterhaltsame Lektüre, die zweifellos zum kulturellen Verständnis für den Orient beitrug.

Doch ihre Sicht war dem herrschenden Zeitgeist geschuldet, meinen Deeken und Bösel. Die Berichte waren, milde gesagt, nicht objektiv.

Gerade Gräfin Hahn-Hahn soll ihre emanzipatorische Attitüde mit europäischer Arroganz verquickt haben. Denn zu Hause, so bemerken die beiden Autorinnen, habe sich die Gräfin ganz und gar nicht frauenbewegt gegeben. Im 19. Jahrhundert war es offenbar üblich, über die Rückständigkeit im Orient zu schimpfen.

Üblich war allerdings auch, exotischen Bedürfnissen nachzugeben und schließlich dem Charme des Morgenlandes zu erliegen. Deeken und Bösel behaupten, daß die reisenden Damen etwas "Paradoxes" leisteten, nämlich "gleichzeitig ein negatives und ein positives Orientbild zu geben". Daß der angenehme Eindruck letztendlich siegte, erklären die Autorinnen aus der konsequenten Subjektivität der Reisenden: "Während ganz Europa dem Osmanischen Reich Unfreiheit attestierte, hatten die Frauen ausgerechnet diesen Raum als Freiraum erlebt, und genau so wollten sie den Orient in Erinnerung behalten."