Eine junge Frau lächelt optimistisch in die Zukunft. Ihr Baby trägt sie nach der Sitte westlicher Großstädter im Snuggly, und im Hintergrund leuchten, mit dem Weichzeichner aufgenommen, ihre Träume: ein zweistöckiges Haus und ein großer Mercedes-Benz. Darüber steht fett und irdisch der Wahlspruch der Demokratischen Partei: Me ne fitojne te gjithe - Mit uns gewinnen alle.

Überall im albanischen Chaos hängen noch die zehn Monate alten Wahlplakate der Demokratischen Partei von Präsident Sali Berisha an den bröckelnden Hauswänden.. Mit "gewinnen" ist erst in zweiter Linie der Wahlsieg gemeint zunächst wird das Verb "fitoj" ganz materiell verstanden - als "verdienen" oder "Gewinn machen". Andere Slogans hat man vor der Parlamentswahl im vergangenen Mai nicht gesehen: Oppositionsparteien durften nirgends frei wahlkämpfen und schon gar nicht plakatieren. Der beziehungsreiche Wahlspruch der Demokraten war für alle da. Er wurde geglaubt, weil sich seine Wahrheit über vier Jahre hinweg jeden Monat aufs neue erwies: In Tirana war kaum eine Familie zu finden, in der nicht einer, stellvertretend für alle, Geld bei der Vefa-Holding angelegt hatte.

Man brachte sein Geld dorthin, in Lek oder in Dollar, bekam einen Beleg, und wer ihn an einem bestimmten monatlichen Stichtag an einer der Vefa-Filialen in Tirana vorwies, bekam seinen Zins ausgezahlt wie ein Gehalt oder eine Rente, jeden Monat acht, später zehn Prozent vom eingelegten Kapital. Alle machten mit: ein albanischer Ökonomieprofessor mit Harvard-Stipendium ebenso wie der frühere sozialistische Premierminister Yllir Bufi. Wozu noch Wahlkampf?

Mit Sali Berisha gewannen doch alle!

Ein Dreivierteljahr später, als alle alles verloren hatten, wollte Berisha nicht mitverlieren. Der Volksaufstand setzte noch nicht seiner Amtszeit, aber seiner Herrschaft ein Ende - mit den gleichen Zerstörungen und anarchischen Szenen, wie sie genau sechs Jahre vorher das Ende des Kommunismus begleitet hatten.

Wie 1991 mit der Statue des Enver Hodscha auf dem Skanderbeg-Platz fiel auch jetzt wieder ein System: Die Vefa, die mit dem Slogan "Das albanische Wunder" warb, war nur die größte Geldsammelstelle im Land: Gjallica, Kamberi, Silva, M. Leka, Cenaj, Dschaferri, Populli - an die dreißig "Gesellschaften" und "Stiftungen" warben zum Schluß um das Geld der Albaner. Zentralbank-Gouverneur Kristaq Luniku, eine der wenigen seriösen Quellen, schätzt, daß 65 Prozent des im Lande zirkulierenden Geldes, ob in Lek oder US-Dollar, durch eine dieser Firmen gingen. Mit den mysteriösen "Pyramidenspielen" in Rußland und Rumänien oder dem "King's Club" in Deutschland hatte das System nur das mathematische Prinzip, nicht die Bedeutung gemein. Sie waren Bank, Renten- und Arbeitslosenversicherung in einem und spiegelten ganz Albanien einen Reichtum vor, den es nicht gab. Die meisten haben auch nicht als "Pyramidenspiele" begonnen, sondern als ganz normale Firmen: Weil es in Albanien bis heute keine Privatbanken gibt und die staatliche Sparkasse mit der Kreditvergabe an private Firmen überfordert ist, blieb den neuen Unternehmern nichts anderes übrig, als sich das Geld für ihre Investitionen von den Mitbürgern zu leihen. Deren Ersparnisse stammten aus dem Ausland.

Die Geschichten sind immer gleich: 2000 Dollar hat Arben, ein Mann aus Lushnja, vom Tomatenpflücken aus Griechenland mitgebracht.