WUPPERTAL. - Erich Fried und die Gesamtschule im Stadtteil Ronsdorf verbindet ein mittlerweile fast zehn Jahre andauernder Kampf, den die CDU gegen beide führt. Als wenige Monate vor Frieds Tod, der Dichter starb 1988, ein aus der DDR stammender Lehrer gegen ein im Schulflur ausgehängtes Reagan-kritisches Nicaragua-Gedicht Frieds polemisierte, brachte der CDU-Landtagsabgeordnete und langjährige Wuppertaler Gesamtschulgegner Hans-Jürgen Lichtenberg den Vorfall als kleine Anfrage vor das Düsseldorfer Parlament. Er wollte belegen, wes Geistes Kind die Gesamtschule sei schließlich sei Erich Fried als Terroristensympathisant bekannt. Der damals schon Todkranke reiste von der Themse an die Wupper - nicht um sich zu verteidigen, sondern weil er darüber mit Lehrern und Schülern reden wollte.

Anschließend signierte Erich Fried sein inkriminiertes Gedicht, das seither wie eine Trophäe für die verteidigte Meinungsfreiheit in der Eingangshalle der Schule hängt.

In diesem Frühjahr nun haben die Stadtväter beschlossen, die Gesamtschule Wuppertal-Ronsdorf auf Wunsch der Lehrer und Schüler und nach Rücksprache mit den Erben des Dichters in "Erich-Fried-Gesamtschule" umzubenennen. Schulleiter Gerd Czok begründete den Antrag mit dem persönlichen Kontakt, der sich in der damaligen Diskussionsveranstaltung zwischen Erich Fried und den Schülern ergeben hatte: "Er erschütterte uns durch seine Schlichtheit, seinen Humor, seinen Geist, seine Zärtlichkeit und durch seine ungebrochene Kämpfernatur und Aufmüpfigkeit".

Nicht als Vorbild verdiene es der 1937 als Jude ins Exil getriebene Fried aber, Namenspatron der Schule zu sein, sondern als Begründer eines Vermächtnisses, das alle verpflichten könne.

Die Wuppertaler CDU sieht das noch immer anders. Fried habe sich sein Leben lang als Kommunist bezeichnet, stellte ihr schulpolitischer Sprecher Arnold Norkowsky im Stadtrat fest. Außerdem könne seine Partei die Kritik Frieds am Staat Israel so wenig nachvollziehen wie seine Sympathie für den Terrorismus in der Bundesrepublik Deutschland. Schließlich habe er Ulrike Meinhof als die beste Journalistin und größte Frau seit Rosa Luxemburg bezeichnet. Die CDU werde deshalb dem Namenswunsch der Schulkonferenz nicht zustimmen.

Wer Fried kannte, weiß, daß er tatsächlich ein Sympathisant in der eigentlichen Bedeutung des Wortes war: Einer, der mit jenen litt, die an den Fehlentwicklungen der demokratischen Gesellschaft litten - gleich ob in Deutschland oder in Israel. Fried liebte aus einem tiefen Humanismus heraus wie kein zweiter selbst seine Feinde. Ein Sympathisant des Terrorismus war er nie: Daß er mit den Konsequenzen, die Ulrike Meinhof und ihre Nachfolger aus der staatlichen Politik zogen, so wenig einverstanden war wie mit der Folter israelischer Polizisten an palästinensischen Häftlingen, hat Erich Fried in Gedichten, Interviews und Diskussionen Dutzende Male wiederholt.

Als der SPD-Stadtrat Ulrich Zolldan bedauernd auf die "Heraussäuberung" von Fried-Gedichten aus Schulbüchern in den sechziger und siebziger Jahren hinwies, rief die CDU-Fraktionsvorsitzende Ursula Lietz "Gott sei Dank!" dazwischen. Zolldan warf ihr daraufhin in einem Brief vor, sie diffamiere und verfolge noch über den Tod hinaus einen zu Lebzeiten rassisch und politisch verfolgten Juden: "Das finde ich empörend. Es macht mich hilflos und wütend zugleich!"

"Die Texte eines als Lyriker bisweilen weit überschätzten Brecht-Epigonen", verteidigte Lietz daraufhin ihren Zwischenruf, "halte ich in unseren Schulbüchern für entbehrlich, weil es unser aller Streben sein muß, jungen Menschen demokratische Werte zu vermitteln."

In ihrer eigenen Fraktion hatten diese Bemühungen sogar Erfolg: Der Umbenennung der Gesamtschule in "Erich-Fried-Gesamtschule" stimmte neben den Mehrheitsfraktionen von SPD und Grünen auch der CDU-Stadtverordnete Klaus Kriesche zu.