Es war der nationalliberale Pastor und Sozialpolitiker Friedrich Naumann, den an der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert Zweifel am Sinn des von Bismarck gegründeten Reiches überfielen: Was das alles, einschließlich der Sozialpolitik, für einen Zweck habe, wenn eines Tages die Kosaken kämen . . .

Jahrhundertwenden, Jahrtausendwenden gar, regen, intensiver noch als jedes Neujahrsfest, zu Besinnlichkeit, mildem Pessimismus und verhaltenem Optimismus an gelegentlich sind diese Daten sogar Anlaß für apokalyptische Ängste. Dabei scheint die Meditation der Vergänglichkeit stets einen Index auf eine andere, bessere Zukunft in sich zu tragen - einen Index, der in verschiedenen Gestalten erscheint: als Messias oder Paraklet, als göttliches Kind oder eben - in politisierter Form - als "Barbar". Mit ihm ist seit alters her die Gewißheit des Untergangs verbunden, ebenso wie die Hoffnung auf einen neuen Aufgang. Umgekehrt aber scheint zu gelten: Wer auf neue Zukünfte setzt, ist offensichtlich bereit, zuvor den katastrophalen Untergang alles Bestehenden in Kauf zu nehmen. Daher ist dem Auftreten der Barbaren und dem Lob des Barbarischen gegenüber äußerstes Mißtrauen geboten.

Von den Zinnen eines alexandrinischen Elfenbeinturms herab rüttelt uns der Literaturwissenschaftler Manfred Schneider mit einem furiosen Weckruf und einer brillanten Hermeneutik des Verdachts auf. Am Ende des Jahrtausends will er uns um der Kultur und Bildung willen lehren, Skins und Punks ebenso argwöhnisch zu beäugen, wie Adorno und Schönberg zu mißtrauen vor allem aber geht es ihm darum, im Herzen der abendländischen Kultur, im Christentum, jenen Sprengsatz zu identifizieren, der noch allemal Blutbäder angerichtet hat.

Was also haben der einäugige Polyphem und die aufrichtige Antigone, was haben Joseph Beuys, Jesus Christus, Martin Luther, Friedrich Nietzsche, Ernst Jünger, der Wandervogel Hans Breuer und endlich die Sex Pistols miteinander gemeinsam? Sie alle sind in der einen oder anderen Weise Chiffren oder Propheten eines auf das Neue drängenden Untergangs, Totengräber so gut wie Geburtshelfer. Das Abendland freilich, das in seinen frühesten Anfängen, bei den Hellenen, noch wußte, worum es geht, und darum Odysseus über den Kyklopen Polyphem siegen ließ, hat spätestens mit dem römischen Christentum das Barbarische in sich hereingeholt und damit das katastrophale Scheitern all seiner zivilisatorischen Bemühungen vorprogrammiert.

Manfred Schneiders "Der Barbar - Genealogie der Endzeitstimmungen" ist ein Buch, das mehr enthält als nur die funkelnd und ironisch erzählte Story eines Begriffs, der die abendländische Kultur als ihr Schatten von Anfang an begleitet hat. Was sich auf den ersten Blick als Geschichte eines literarischen Topos darstellt und auf den zweiten Blick als Analyse eines geschichtsphilosophischen Deutungsmusters erscheint, entpuppt sich schließlich als eine materiale "Dialektik der Kultur". Diese Dialektik der Kultur kann auf weite Strecken als Gegenentwurf zu Horkheimers und Adornos "Dialektik der Aufklärung" gelesen werden. Damit liegt eine aus dem Geist hellenischer Bildung und jüdischer Gesetzeshermeneutik beflügelte Überbietung der "Dialektik der Aufklärung" vor. Wo bei Horkheimer und Adorno die von der Vernunft mißhandelte Natur rächend wiederersteht, folgt bei Schneider der Hinweis, daß genau diese und ähnliche Argumentationsfiguren das, was sie beklagen, selbst erwirken. Wer die Barbaren - und sei es auch nur als rhetorische Figur - beschwört, holt sie sich auch in Wirklichkeit ins Haus.

In diesem Fall würden die Boten des Unheils, der Floskel zum Trotz, zu Recht verurteilt.

Das Barbarentum - so zeigt uns Schneider in seinen stets präzisen und historischen Exkursen - ist zwar einerseits nur eine selbstkritische und selbstverliebte rhetorische Figur gerade der Gebildetsten, die sich in Selbsthaß und Verzweiflung verzehren. Da aber andererseits das Unbehagen an der Kultur - wie wir seit Freud wissen - jederzeit in blanke Zerstörungswut umschlagen kann und noch stets umgeschlagen ist, sind die Barbaren zugleich eine höchst reale Möglichkeit jeder Kultur. Den Befürwortern der Barbaren - vom Platon des "Phaidros" und dem Tacitus der "Germania" über die Kirchenväter Tatian und Tertullian bis zu Martin Luther, Gottfried Benn und Johnny Rotten von den Kreuzfahrern, die Byzanz in Schutt und Asche legten und den Bilderstürmern der Reformation bis zu rassistischen Skinheads und Fußball-Hooligans - ging es immer nur um das eine: die Sprache zu ordnen, die Mehrdeutigkeit zu verbieten, das Gesetz zu vereinfachen, Geld zu entdifferenzieren, kurz: einen Neuen Menschen zu schaffen.

Barbarei, das zeigt Schneider überzeugend, besteht in ihrem Kern im "Recycling des Vergessens", im Wunsch, auf den Trümmern des überrannten Römischen Reiches ein neues Gesetz der Eindeutigkeit und Einfachheit, ein nicht mehr bemerkbares Gesetz der Natur aufzurichten, das nur in einer kollektiven Neurose enden konnte. Der Prophet dieser Neurose, der Prototyp dessen, der der wirklichen Barbarei Tür und Tor öffnet, kann - das liegt in der Logik der Sache - niemand anders als der Apostel Paulus sein: "Auf diskrete, aber wirkungsvolle Weise sorgt die christliche Tradition dafür, daß sich das Gesetz über das Vergessen zur Geltung bringt, während die Strafe bekanntlich das Erinnern in Anspruch bringt. Das Subjekt soll dem Gesetz zwar folgen, dies aber ohne bewußte Hilfe des Gedächtnisses . . . Als ob das Gesetz nicht erinnerungswürdig wäre, oder als ob es sich von selbst in Erinnerung bringt wie der Tod."

Schneiders beharrliches Plädoyer für ein bewußtes Gesetz und eine vieldeutige, an Bildern reiche Kultur gerät spätestens dann ins Schlingern, wenn er sich dem jüdischen Gesetz des Bilderverbots und - in dessen Fluchtlinie - mit Adornos Entwurf einer Ästhetik nach Auschwitz zuwendet. Wo der Moses des Buches Exodus noch gut wegkommt, da er trotz der zerschlagenen Urschrift von Gottes Gesetz dieses über Tradition aufrechterhält, verfällt Adornos Wort "nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben ist barbarisch" der Kritik und einer Retourkutsche. Auschwitz sei von Adorno - so der doch weitreichende Vorwurf - lediglich zum Vehikel eines lange vor diesem desaströsen Ereignis erdachten puristischen Glaubensbekenntnisses, desjenigen der Zweiten Wiener Schule, die ihre Wurzeln tief in der Aufklärung hat, geworden: "Ihr gemeinsames Gesetz verlangt: Alle Zeichen an den Rand der Unlesbarkeit, alle Töne an den Rand der Unsichtbarkeit! Dieses Erhabene des Unlesbaren, des Unhörbaren, des Unsichtbaren muß dann doch immer wieder semantisiert werden.

Das lehrt die Erfahrung der jüdischen Gesetzgebung. Das lehrt die Erfahrung des Ikonoklasmus."

Spätestens hier wird aber deutlich, daß der alexandrinische Verteidiger der vieldeutigen Kultur entgegen seinen Absichten nicht wahrhaben will, daß die Welt bereits untergegangen ist, und zwar in einer Weise, die jede bisher bekannte Barbarei überboten hat. Indem Schneider am Ende die Barbarei als immerwährende Begleitung jedweder Zivilisation bezeichnet und ausdrücklich darauf beharrt, daß sie nicht eine Erfindung der Moderne sei, gerät Auschwitz zu einem Fall von Barbarei unter anderen.

Dieses verharmlosende Ende ist kein Zufall. Wem die Geschichte zu einer Abfolge von Topoi und Deutungsmustern zusammenschnurrt, wer an ihre Betrachtung mit dem Vorurteil herantritt, daß alles Neue nichts anderes sei als die Kehrseite des Barbarischen und alles Barbarische nur die Kehrseite des Neuen, dem fehlt ein Sensorium für das, was die Konventionen unserer Kultur im guten wie im bösen überschreitet. Daß es Schlimmeres als "Barbarei" geben könnte, ist dann ausgeschlossen. Im löblichen Willen, die Komplexität der vieldeutigen Welt gegen die destruktiven Kräfte der schrecklichen Vereinfacher zu retten, geht der Blick für die Möglichkeit verloren, daß die vieldeutige Welt tatsächlich voll des Unheils ist. Die Realgeschichte des jetzt zu Ende gehenden zwanzigsten Jahrhunderts bestätigt das nachdrücklich. Ist, wer diese Erfahrung unversöhnt beglaubigt, ein Prophet der Barbarei? Stößt, wer bestätigt, daß wir in diesem Jahrhundert eine Endzeit hinter uns haben, einen Weckruf für die "Barbaren in uns allen" aus?

Manfred Schneider:

Der Barbar - Genealogie

der Endzeitstimmungen

Carl Hanser Verlag, München 1997

341 S., 45,- DM