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Erinnert sich eigentlich noch jemand an die Krise der Germanistik?

Aber ja, ruft da einer und drängt sich nach vorne, seine Haare sind grau und seine Jeans ausgebeult, damals 1968, damals auf dem Germanistentag in Berlin haben wir die Blaue Blume rot gemacht, wir wollten wissen, welchen Interessen die Literatur dient und wer sie zu welchem Zweck schreibt, und dann haben wir die Sozialgeschichte der Literatur neu entdeckt und den herrschenden Kanon als den Kanon der Herrschenden . . .

Hier bricht der Redner mit wirrem Blick ab, kaum einer hört mehr zu, kaum einer weiß mehr, was es mit der Blauen Blume des Novalis auf sich hatte, und wirklich gar keiner will von der Krise der Germanistik etwas hören. Sind Germanistik und Krise nicht ein und dasselbe? Langeweile macht sich breit.

Deshalb die gute Nachricht zuerst: Die Krise der Germanistik ist zu Ende. Nicht etwa, weil es keine Krise gäbe (wir sind notabene in Deutschland), sondern weil es die Germanistik nicht mehr gibt.

Sie hat sich aufgelöst in allerlei Parallelaktionen und davongestohlen in diversen Fluchtbewegungen. Sie hat die Texte dekonstruiert, bis jede Bedeutung verdampfte, sie hat die politische Botschaft entschlüsselt, bis der ästhetische Mehrwert gegen null fiel, und als das vorbei war, als sie ihren Gegenstand wegerklärt und unter tausendundein Dissertationen begraben hatte, emigrierte sie in die Kulturwissenschaft, suchte Zuflucht in der Vergleichenden Literaturwissenschaft und sicherte sich politische Sympathien, indem sie Kommunikationswissenschaft und Medienwissenschaft betrieb, Schreibtraining anbot und Frauenforschung übte, Filme analysierte und den Computer bediente. Da war die Blaue Blume tot.

Obgleich es also die Germanistik nicht mehr gibt, gibt es seltsamerweise germanistische Lehrstühle und Germanistikstudenten. Die Lehrstühle heißen zwar meist anders, und die Studenten stechen hinein in einen Ozean verschiedenster Moden und Methoden wie Seefahrer auf der Suche nach Atlantis. Manche ertrinken, viele desertieren und werden Taxifahrer oder Pizzalieferanten, andere wechseln das Fach, und nur wenige kommen ans Ziel. Aber welches Ziel? Es heißt Magister oder Staatsexamen oder gar Promotion, aber es bedeutet nicht viel. Ob ein gebildeter Arbeitsloser besser dran ist als ein ungebildeter?