Kann man mit dem Einrennen offener Türen noch Skandal machen?

Man kann - wenn diese Türen ins Innere der Theologie führen. Es genügt, daß ein Bibelwissenschaftler seine Bibel einmal beherzt beim Wort nimmt und sie an dem mißt, was für sie, seit es sie gibt, reklamiert wird: Wahrheit und Göttlichkeit.

Nanu? staunt der Zeitgenosse. Daß die Bibel von Menschen gemacht, daß sie, milde gesagt, nicht frei von Irrtümern und alles andere als Wort für Wort göttlich inspiriert ist, das wissen wir doch seit mehr als zweihundert Jahren. Ja, damals war es ein Skandal, so etwas auszusprechen, aber heute betreibt doch die Theologie selbst historisch-kritische Forschung, analysiert und rekonstruiert die Entstehung und Bedeutung von Bibeltexten mit allgemein anerkannten wissenschaftlichen Methoden, ist sogar, als sie damit begann, eine Art Vorreiter moderner Geschichtswissenschaft gewesen und hat selbst die Grundzüge einer allgemeinen Textauslegungslehre entworfen. Was wäre die Hermeneutik ohne den Theologen Schleiermacher?

In gewisser Hinsicht ist Gerd Lüdemanns Büchlein "Das Unheilige in der Heiligen Schrift", worin der Göttinger Bibelwissenschaftler die Gedanken weiterspinnt, die ihm bereits die Prüfungsberechtigung bei der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover gekostet haben, tatsächlich bloß eine Reprise. Es enthält nichts, was unbefangene Bibelleser wie Reimarus oder Nietzsche nicht längst schon bemerkt oder zumindest geargwöhnt hätten. Aber Lüdemann beansprucht solchen Freigeistern gegenüber auch gar nicht besondere Originalität, zitiert sie vielmehr an Schlüsselstellen und faßt sich gleichsam an den Kopf, wie wenig sie in die Bibelwissenschaft eingedrungen sind. Womit schlagartig die Dringlichkeit dieser Reprise deutlich wird. Denn historisch-kritische Erforschung von Dokumenten, die weiterhin vorab als Heilige Schrift feststehen sollen, kann nur darauf hinauslaufen, mit den Mitteln neuzeitlicher Wissenschaft alle Peinlichkeiten in diesen Dokumenten zu verharmlosen und den Zweifel an ihrer grundsätzlichen Heiligkeit zu verhindern. Gelehrte Theologieprofessoren und Bischöfe reden denn auch weiterhin ungeniert vom Wort Gottes, welches die Bibel auch in der erbärmlichsten Hülle menschlicher Fehlbarkeit selbstredend darbiete. Historische Kritik soll es aus dieser Hülle herausarbeiten, es sozusagen frisch machen für moderne Predigt, aber sich nicht erfrechen, es selbst auf den Prüfstand zu heben. In Kirchensprache: Sie soll sich "nicht absolut setzen".

Nimmt man sie aber "absolut", das heißt beim Wort, ohne sie fahrenzulassen, wo sie ans Eingemachte geht, dann stellt sich heraus, was auch so manchen Illusionslosen noch einmal schlucken läßt: daß in der Bibel nicht nur reichlich Verleumdung, Mord und Totschlag vorkommen, sondern daß selbige mit zentralen theologischen Kategorien verwachsen sind. Erwählung, so sagt uns die Logik, ist ein Selektionsvorgang.

Wo Erwählung ist, ist auch Verwerfung. Aber es ist etwas anderes, ob man dies nur abstrakt weiß - Begriffe ohne Anschauung sind leer - oder ob man von Lüdemann plastisch am Text gezeigt bekommt, daß die alttestamentliche Vorstellung von der Erwählung Israels gar nicht anders konnte, als feindselig nach außen zu sein. Wenn nur dieses Volk von Jahwe erwählt war, wenn nur ihm das Land, wo Milch und Honig fließen sollte, zustand, dann mußten alle andern daraus verschwinden. Die Inbesitznahme dieses Landes ist denn auch von den entsprechenden alttestamentlichen Texten als ein Eroberungszug dargestellt und gefeiert worden, der günstigstenfalls Vertreibung der dort ansässigen Völker bedeutete, gewöhnlich aber ihre Vernichtung: Genozid.

Haarsträubend, wie zahlreich die Textstellen sind, in denen Israel an den Besiegten "den Bann" vollstreckt, das heißt alles Lebendige tötet und alle Habe in den "Schatz Jahwes" tut. Der Bann gehört zur tiefsten und dunkelsten Schicht des isrealischen Kults: Jahwe ist "Kriegsheld" alle Beute gehört ihm. König Saul fällt nicht etwa wegen Tyrannei und Grausamkeit in Jahwes Ungnade, sondern weil er den göttlichen Befehl, "Mann und Frau, Kinder und Säuglinge, Rinder und Schafe" nach dem Sieg über Amalek zu töten, mißachtet und "das Mastvieh und die Lämmer und alles, was von Wert war" schont. Im Neuen Testament setzt sich der Erwählungsglaube unrühmlich fort. Nun sind die Erwählten die Christen, die Juden aber, die ihren eigenen Christus, ihren Messias nicht annehmen wollten, die Verworfenen.