Eine so peinigende wie peinliche Lektüre erbitternd auch. Gerhart Hauptmanns Tagebücher aus der Zeit des Ersten Weltkriegs - wiederum so hervorragend ediert wie die bisher vorliegenden fünf Bände des Propyläen-Verlags - führen ein finsteres Gemenge aus politischem Hurrapatriotismus und sentimentalem Ewigkeitsgefasel vor: eine unerquickliche Mischung.

Der berühmte Dramatiker, von Fontane entdeckt, von wilhelminischen Satrapen attackiert wie verfolgt, hat ja zeitlebens betont, daß Denken nicht seine Sache sei. Der Beweis liegt hier vor. Er pendelt sich ein zwischen deutschem Trutz und deutschem Stuß: "Welche ungeheuren inneren Conflikte schafft dieser ungeheure Krieg.

Und doch ist er eine eiserne Notwendigkeit gewesen", steht wenige Zeilen über der Einsicht: "Man muss sich inniger als je mit dem unbewegten Göttlichen erfüllen." Gleich darauf die Fanfare: "Wir müssen siegen! oder untergehen." Der Jubel über eine niedergemähte russische Kavallerie-Brigade, über den Sieg zwischen Metz und den Vogesen, über ein vernichtetes französisches Armeecorps, den Fall von Lüttich, über große französische Verluste, eroberte Waffen kulminiert in Notaten wie "Hoffentlich haben wir künftig immer die Übermacht" oder "verzehrender Hass gegen England". (Was bis zu dem törichten "selbst gegen Shakespeares Werk bin ich kühl geworden" führt.)

Das bleiben nicht heimliche Schattenkritzeleien. Anfang August und im November 1914 erscheinen Gerhart Hauptmanns weithin applaudierte "Kriegspoeme", nachgedruckt in zahllosen patriotischen Almanachen und in der gesamten Kriegspresse, rasch und vielfach vertont.

Am gräßlichsten wohl - flankiert von Seelenquark a la "wahre Musik stärkt den Starken" oder Erkenntnissen aus dem deutschen Geschichtsunterricht wie "Von welchem Volk ist das echte Fortschreiten der Welt in den letzten 30 Jahren durchgesetzt? Vom deutschen Volk" - ist dann das Gedicht "Komm wir wollen sterben gehen", das er konzipiert, als Sohn Ivo eingezogen wird, und das er im Frühjahr 1915 veröffentlicht der stolze Vater nahm reimend vorweg, was einen Krieg später "in stolzer Trauer" heißen sollte - hier nur gleichsam als Empfehlung:

Komm wir wollen sterben gehn

in das Feld, wo Rosse stampfen,