Star Wars , der Plastikmythos: wer auch immer sich über George Lucas' dreiteilige Weltraumoper äußert - vom kritischen Kritiker bis zum begeistert stammelnden Camp-Fanatiker -, betont die Künstlichkeit des Phänomens. Die Science-fiction-Trilogie ist zum Symbol schlechthin für die Artifizialität der Popkultur geworden - eine gigantische Assemblage aus Versatzstücken, von einem dreisten Plünderer aus Märchen und Mythen, aus Filmen und Comics zusammengeklaubt.

Es hat mir nie recht eingeleuchtet, weshalb soviel Aufhebens davon gemacht wurde, daß man es hier mit einem synthetischen Produkt zu tun hat, als hieße das: mit etwas Sekundärem. Jetzt aber weiß ich endlich, warum. Ich habe "Krieg der Sterne" wiedergesehen, und plötzlich war die Macht mit mir, mit den Worten des weisen Obi-Wan Kenobi gesprochen. Ich hatte mein Madeleine-Erlebnis, wenn auch nicht mit Eiergebäck und Tee, sondern mittels Nacho-Chips und Bier: Ein Zeitfenster öffnete sich, und mit mehrfacher Warp-Geschwindigkeit reiste ich zurück ins Jahr 1978.

"Star Wars" war das letzte große Kinoerlebnis meiner Kindheit. Als der Film endlich auch im Gloria-Palast der nahen Kleinstadt aufgeführt werden sollte, fieberte der Dreizehnjährige, der ich damals war, ihm mit Erwartungsangst und Erscheinungsschrecken entgegen, wie es eine Begegnung mit dem ganz Anderen verlangt. Man würde - so das Glücksversprechen, das dem Film vorauseilte - Dinge sehen, die kein Menschenauge je zuvor erblickt hatte, einmal abgesehen von den paar Millionen kleiner Jungs in der Zielgruppe, die das Glück hatten, in großen Städten mit Premierenkinos zu wohnen. Und, was soll ich sagen: genau so kam es dann auch. Ich war verzaubert von dem haarigen Hund-Menschen Chewbacca, den zwergwüchsigen Jawas, den vermummten Sandleuten, den sprechenden Robotern, den widerwärtigen Zwischenwesen in der Raumfahrerkneipe von Mos Eisley, der schwarzglänzenden Bosheit des gepanzerten Finsterlings Darth Vader.

Nie wäre mir damals in den Sinn gekommen, die Authentizität und Ursprünglichkeit dieser Welt in Frage zu stellen und nach Zitaten, Vorbildern, Abwandlungen zu suchen. Es hätte mich schlicht nicht interessiert zu erfahren, daß der Androide C-3PO eine Reprise der Robotrix aus "Metropolis" und des Blechmannes aus dem "Wizard of Oz" ist. Ich hätte auch nicht wissen wollen, daß Obi-Wan Kenobi eine Legierung aus Merlin, Kung-Fu-Lehrer und Castanedas NewAge-Zauberer war und in der Figur des Darth Vader Klischees von James-Bond-Bösewichten, Samuraikämpfern und SS-Schurken miteinander verschmolzen. Und die filmhistorische Auskunft, daß der eklige, krötenhafte Gangster Jabba eine augenzwinkernde Reverenz an Sidney Greenstreets Rolle als Casper Gutmann im "Malteser Falken" war, hätte mich ebenfalls kaltgelassen. Das Universum von "Star Wars" war unmittelbar ein Teil meiner individuellen Mythologie geworden; es war so plötzlich erschienen wie ein Asteroid und direkt aus dem Pophimmel in meine kleine Welt eingeschlagen.

Aber das war vor langer, langer Zeit, in einer Galaxie, weit, weit entfernt. Beim Wiedersehen nach zwanzig Jahren wird deutlich, daß nichts so schnell altert wie die Zukunftsvision von gestern, die George Lucas uns als vergessene Vorgeschichte der Menschheit präsentiert. Man sieht jetzt überdeutlich, wie tief dieser Film in den siebziger Jahren verwurzelt ist. Das fängt mit dem Shaun-Cassidy-Haarschnitt des Helden Luke Skywalker (Mark Hamill) an und hört mit der überall durchdringenden Hippie-Philosophie noch lange nicht auf: "Vertraue deinen Gefühlen! Laß dich von der Kraft, die alles Lebendige miteinander verbindet, durchströmen!" So verkündet der verschmitzt lächelnde Weisheitslehrer Obi-Wan Kenobi (Alec Guinness) dem jungen Luke die Essenz des Jedi-Rittertums.

In welchem Winkel des Universums der Planet Tatooine auch liegen mag, er kann gar nicht so weit entfernt vom Flower-power-Eldorado Haight Ashbury sein. Man vermag jetzt nicht mehr zu verdrängen, daß die alberne Frisur der Prinzessin Leia (Carrie Fisher) an seitwärts am Kopf befestigtes Gebäck, Donuts oder Bagels, gemahnt. Man hört das Klappern der Dialoge, wenn Han Solos (Harrison Ford) Raumschiff wieder einmal Probleme mit der doppelten Lichtgeschwindigkeit hat und die Insassen sich schnarrend Brocken von Pseudo-Technosprache an den Kopf werfen. Man merkt dem obsessiven Geballere mit Strahlenwaffen an, daß es einer Welt entstammt, die von der heutigen Allgegenwart von Laserstrahlen in banalen Hausgeräten noch Lichtjahre entfernt war. Und das bedeutungsvolle Geblinke der Computer-Kontrollampen verrät, daß die Phantasie, die diese Bilder ausgebrütet hat, sich die baldige Trivialisierung und Verramschung der mythischen Maschine als PC nicht hat ausmalen können.