Nimmt man es ernst, ist es zum Lachen. Seit Wochen schon amüsiert sich die freudlose Nation in ihrem Stimmungstal über eine Filmkomödie, die alles ist, nur nicht lustig. Auf den ersten Blick zeigt Helmut Dietls "Rossini" Deutschlands geliftete Klasse, wie sie leibt und bleibt. Sie langweilt sich über ihre Langeweile und zergeht an der inneren Armut ihres Reichtums. Doch bei Licht betrachtet, zeichnet der Film ein Sittenbild der Wohlstands- und Zuwachsgesellschaft. Er zeigt das Standbild der alten Bundesrepublik, den Rossini-Deutschen. Dieser geht häufiger in die Therapie als der Pastor in die Kirche. Alle Rätsel sind gelöst, und alles ist verhext. Keine Sehnsucht, keine starken Gefühle, keine Überzeugungen. Die große Liebe lebt im kleinen Werbespot, zwischen Instantkaffee und Leichtmetallfelge. Dieser Deutsche will nichts mehr glauben, sondern nur noch wissen: "Wer schlief mit wem?" Sonst ist alles gesagt.

Über Nacht hat das Wort vom Rossini-Deutschen Karriere gemacht. Für jungkonservative Kulturkritiker ist das erschöpfte Lebensgefühl, das ganze wunschlose Unglück dieser Gesellschaft ein gefundenes Fressen. Wurde nicht das linksliberale Zeitalter gültig ins Bild gesetzt, die Sinnkrise und der Moralverzehr der alten Bundesrepublik? Zeigt sich darin nicht die graumelierte Luxusdepression eines Publikums, das im Wohlstandspark groß und gestaltlos geworden ist?

Die kulturkritische Diagnose hat ein leichtes Spiel. Enttäuscht, sagt sie, ist der Rossini-Mensch, weil er mental noch in der Vergangenheit lebt: im Illusionsraum der siebziger Jahre zwischen Jägerzaun und Volkshochschule. Der Rossini-Deutsche hängt an den Lippen der Utopie, dem dreistrophigen Sirenengesang von Gerechtigkeit und Frieden und Fortschritt. Deshalb versteht er, so die konservative Kulturkritik, nichts von der "Nation". Unruhig träumt er vom geistigen Komfort der BRD: von der vaterlandslosen und untragischen Selbstverwirklichung im sozialdemokratischen Zeitalter. Das aber ist vorüber, und traurig wird das vollversicherte Herz.

Das Kunstmärchen von der alten Sozialstaatsidylle ist groß in Mode. Vom Hochsitz der konservativen Kulturkritik aus betrachtet, erscheint die Republik als geistige Lebensform, mit der eisgekühlte Menschen ihr schicksalsloses Leben im Sektkübel ertränken. Zum Glück, so heißt es, sei der kurze Sommer der Apathie vorüber, die Epoche der egalitären Konsensgesellschaft mit jenem allfürsorglichen Sozialstaat, der dem Menschen die Daseinsnot aus der Hand genommen und ihn trügerisch mit dem Schicksal versöhnt hat. Heute dagegen bewege sich die Welt wieder in den alten, verschlungenen Bahnen historischer Normalität: unversöhnt, unberechenbar und meistens tragisch. Weil der westliche Sozialstaat jahrzehntelang darüber hinweggetäuscht hat, daß die Weltgeschichte ein permanenter Ausnahmezustand ist, müsse man Abschied nehmen vom Traum der Gerechtigkeit, der Kultur für alle und dem Wohlstand für jeden. Nach 1989, mit der Wiedervereinigung, ist das Schicksal in den Alltag der passionslosen Moderne zurückgekehrt. Jeder ist seines Glückes Schmied. Oder auch nicht.

Dort, wo der konservative Einwand trifft, wiederholt er einen alten Vorwurf der Linken. Es war in der Tat eine kuriose Vorstellung, das sozialstaatliche Projekt könne unter den Bedingungen der Marktwirtschaft den einzelnen mit den ökonomischen Zwängen oder dem riskanten Leben versöhnen. Zwar setzte der Sozialstaat kein Sinnversprechen in die Welt, aber seine Aussichten konnten durchaus trügerisch sein. Ein Schleier der Sekurität legte sich über die Zerbrechlichkeit der Verhältnisse und den Wankelmut von Lebensentwürfen. Dann mochte man sich wirklich täuschen über die Bürden einer verantwortlichen und unvertretbaren Freiheit, zumal da die Konsumgesellschaft auch noch glauben machte, mit dem Zauber des Geldes und dem Götzendienst am Wohlstand seien alle Daseinsrätsel gelöst.

Damit enden aber auch schon die Gemeinsamkeiten zwischen den Jungkonservativen und den Altlinken samt ihrem aus dem Geist von Sartre und Marcuse ausgesprochenen Vorbehalt gegen die sozialstaatliche Befriedung der Gesellschaft. Unterdessen bevorzugen die konservativen Sozialphilosophen eine erstaunlich einfältige Therapie: Schritt für Schritt, meinen sie, muß die Mentalität der Anspruchsdeutschen abgerüstet und umgepolt werden. Die künftige "Berliner Republik" muß aus dem Schatten der Bonner Vergangenheit treten und sich des Anspruchs auf Verteilungsgerechtigkeit entledigen. Erst dann würden die verwöhnten Rossini-Menschen zu natürlicher Solidarität finden und ihr Leben in einer wieder fraglosen, von schrecklicher Vergangenheit entlasteten Kulturnation führen: Die staatsvergessene Gesellschaft verwandelt sich in eine unpolitische Gemeinschaft, in eine blühende Landschaft aus Vereinen, die keine Ansprüche stellen an den Staat, höchstens an sich selbst. Das wäre zwar hart fürs Leben, aber gut gegen die Sinnkrise. Die Menschen erzählen wieder, und der Schicksalszeitroman kehrt zurück: als große Prosa vom tapferen Bürger im Kampf gegen die Moderne.

Doch ist es einigermaßen zynisch, wenn ausgerechnet heute konservative Mentalitätsplaner eine Gesellschaft feiern, die nicht mehr vom unwahrscheinlichen Ideal der Gerechtigkeit belastet wird. Will man den Armutsschub schönreden, überhaupt den Skandal der Arbeitslosigkeit, die vorenthaltene Teilnahme am gesellschaftlichen Leben? Zynisch ist der Abschied von der angeblich verwöhnten, leider untragischen, eben: rossinideutschen Bundesrepublik. Denn ungelöst ist das alte Problem der Marktwirtschaft: Wenn die gesellschaftlichen Kosten und die Systemkrise der Wirtschaft nicht auf die einzelnen abgewälzt und zum privaten Schicksal werden sollen, müssen sie sozialpolitisch abgefedert oder in den ohnehin rissigen Netzen der Lebenswelt aufgefangen werden. Sonst ist es allein die Selbstverwirklichung des Geldes, die von gesellschaftlichen Voraussetzungen lebt, die sie ökonomisch nicht schaffen kann.

Demokratie legitimiert sich nicht allein durch ihre Anwesenheit. Auch ein Mentalitätsplaner weiß, daß sie sich durch weitere Leistungen rechtfertigen muß. Ihr moralischer Kredit hängt davon ab, ob Politiker glaubhaft machen können, daß Lebenschancen nicht nur dem Zufall überlassen werden, daß nicht allein die Konkurrenzgesellschaft Schicksal spielt. Wenn das Wirtschaftssystem ungehemmt in Biographien eingreift und buchstäblich existentiell wirkt, kommt jenes kalte, aber gewiß nicht leidenschaftslose Projekt der Demokratie in Verruf, das von der ersten Stunde höhere Ansprüche in Aussicht gestellt hat. Die Stimmung ist danach, nicht nur an Rhein und Ruhr.

Wer alles bloß zum Mentalitätsproblem verwöhnter Bürger erklärt, wer den Aberglauben unters Volk bringt, eine geschickte Politikregie könne die sozialen Verwerfungen bloß "geistig" und kulturell abfedern, der betreibt politische Romantik als Spiel mit dem Feuer. Was soll also die fatale Rhetorik von tragischen Verhältnissen und vom heroischen Abschied? Oder, um marktliberalen Neo-Existentialisten verständlich zu bleiben: Das Leben ist tragisch genug, die Politik muß es nicht auch noch sein. Es ist immer noch das Geld, das Schicksal spielt. Dieses Kardinalproblem liegt keineswegs unter den Steinen der Berliner Mauer begraben. Es ist vielmehr mit ihrem Fall in seinem ganzen Ausmaß vor Augen getreten.