Gibt es eine Architekturdiskussion außerhalb Berlins? Nein, denn dort herrscht die Demokratie. Irgend etwas hat die geltende Staatsform jedenfalls damit zu tun, daß so viel Unkraut sprießt auf dem unbeackerten und einst ertragversprechenden Feld der Architektur im ehemaligen sozialistischen Osten. Beim Architektentag der sachsen-anhaltischen Kammer im vergangenen Jahr am Dessauer Bauhaus hoben zwei Baudezernenten und ein Denkmalschützer die Hände in einer übereinstimmenden Geste der Machtlosigkeit: Wir können die Flut des Mittelmaßes und der Bausünden nicht aufhalten, denn im demokratischen Rechtsstaat gehen Bauanträge durch keine ästhetische Kontrollinstanz.

Auch der demokratische Staat selbst findet die widersprüchlichsten Formen architektonischer Selbstdarstellung gleichermaßen legitim.

In Schwerin zogen das Parlament, in Erfurt die Staatskanzlei in historische Schlösser - Erfurt baute gar noch ein neobarockes Torhaus dazu. In Magdeburg liegt ein preisgekrönter Wettbewerbsentwurf von Oswald Mathias Ungers zur städtebaulichen Neugestaltung von Regierungsviertel und Elbufersilhouette auf Eis, während die Denkmalpflege Millionen in die Renovierung der ehemaligen preußischen Generalkommandantur steckt, die der in Ungnade gefallene Werner Münch gerne als standesgemäße Staatskanzlei ge-sehen hätte. Transparenz und würdevolle Schlichtheit kennzeichnen dagegen den allseits gepriesenen Neubau des Dresdner Landtages von Peter Kulka. Aber wie gerade dieser Wahlkölner Architekt am Beispiel der Entwicklung seiner Geburtsstadt Dresden bestätigt sieht, ist Architektur auf solchem Niveau wohl das Aushängeschild, aber keineswegs das Merkmal des neuen Bauens im neuen Osten.

Hier treffen die Renditemaximen allgegenwärtiger Großinvestoren mit dem ungeschulten ästhetischen Bewußtsein der örtlichen Bevölkerung und ihrer politischen Repräsentanten zu einer unseligen Konstellation zusammen. Architektonische Willkür macht sich breit in einer zwar alten und heruntergekommenen, aber in ihren Strukturen und Details weitgehend intakten Welt. Immerhin wächst allmählich die Zahl derer, die auf die Entwicklung architektonischer und städtebaulicher Standards Einfluß nehmen wollen. Nicht alle Investoren sind mit Massenkonfektion zufrieden. Die Expo 2000 Sachsen-Anhalt, orientiert am Vorbild der IBA Emscher Park, will auch Zeichen anspruchsvollen Bauens setzen. Doch über das Bild der Städte entscheiden immer noch größtenteils die Baudezernenten.

Angeblich in ihrem Einfluß beschränkt, sehen sie sich oft nicht als Handelnde, sondern als Getriebene. Sie agieren als das Organ einer Verwaltungsbürokratie, in deren Rechtsnormen die urbane Gestaltungsqualität nicht vorkommt. Zwar werden die Entwürfe im Lauf der Genehmigungsverfahren oft Dutzende Male korrigiert, aber das Ergebnis ist meist der laue Konsens, nicht die klare Handschrift.

Um so leichter entziehen sich auch andere der Verantwortung. Die Architekten bezichtigen, off the record, vor dem fertigen Bau alle die, die in den Entwurf hineingepfuscht haben. Die Bauherren wissen gar nicht, wovon die Rede ist, denn sie bringen ja mit ihren Immobilien die Wirtschaft in Schwung. Die Denkmalpfleger halten es für ein Prinzip ihrer Zunft, Architekturkritik zurückhaltend zu formulieren.

Ihre eigene Arbeit erweist sich eher als experimentierscheu. Die lokale Presse vermeidet jedes Urteil. Ein Beispiel illustriert die ganze Hilflosigkeit, mit der dem Bauen als einer öffentlichen Aufgabe begegnet wird. In dem vormaligen Kreisstädtchen Zeitz bei Naumburg, in der bei weitem die Mehrheit der kostbaren Bausubstanz ohne Hoffnung auf eine adäquate neue Nutzung dem Untergang geweiht scheint, genehmigte im Jahr 1992 die Untere Denkmalschutzbehörde den Abriß eines stadtbildprägenden Industriebaus der zwanziger Jahre mit der so bemerkenswerten wie naiven Auflage, ein "gebäudetypisches Anpassungsobjekt" sei an die Stelle zu setzen. Zwar blieb die Abrißgenehmigung zunächst ohne Wirkung, weil sie vorgeschaltete Instanzen übersprungen hatte, aber drei Jahre lang drang nicht nur der Investor, sondern auch der Stadtrat weiter auf Abriß.