Ein Buch, dessen Autorin durch Selbstmord endete, wird seine Leser zwangsläufig vor die Frage stellen, ob sich das Geschriebene als heimlicher Kommentar zu der vollzogenen Selbsttötung verstehen läßt. Ganz von selbst nimmt man den Gedanken des Endes in die Lektüre mit hinein, entwickelt eine detektivische Aufmerksamkeit, die nach Anlässen, Begründungen sucht.

Sylvia Plaths Roman "Die Glasglocke" scheint hierfür eine Reihe von Erklärungen anzubieten. Wie kaputtgemachtes Spielzeug liegt die Wirklichkeit in Teilstücken herum. Das wäre schon Grund genug, sich aus dem Leben zu stehlen. Dieser Blick, der nichts ernst nimmt außer dem Witz, muß an die Substanz der Schreibenden gehen.

Zu ungeschützt stürzt sich Esther Greenwood, die Heldin des Geschehens, auf Stadt und Land, auf New York und auf Amerika. Zu unverfroren setzt sie ihre Schritte in die Welt.

Aber eine solche Betrachtungsweise gewährt auch Schutz. Gibt es eine bessere Therapie, als freiwillig die große Arbeit der Enttarnung hinter sich zu bringen, in Romanform die kalten Duschen des Lebens über sich ergehen zu lassen: vom Hochsitz des Kunstwerks aus?

Was gibt es nach diesem Kahlschlag noch zu verlieren? Ein solches Sprachwerk, so sollte man meinen, ist geradezu Beweis für die Überlebensfähigkeit seiner Autorin. Es scheint dafür gemacht, den Anrempelungen des Schicksals wirkungsvoll zuvorzukommen. Es trainiert den Absturz, ist imprägniert für den Störfall.

"Die Glasglocke" beginnt mit einem hochriskanten Bild. Es fixiert von Anfang an die Ebene, auf der sich die Beobachtungen der Esther Greenwood, einer nach New York verschlagenen Stipendiatin, abspielen werden. "Es war ein verrückter, schwüler Sommer, dieser Sommer, in dem die Rosenbergs auf den elektrischen Stuhl kamen." Ein Einstieg, der an Hitze, an Entgleisung und Auflösung denken läßt an das Bild verschmorter Nervenbahnen. Plath beschreibt die tiefe Anziehung, die die bevorstehende Hinrichtung der beiden amerikanischen Spione auf ihre Heldin ausübt. In der Tat ist die geschilderte hochtechnologische Tötungsart, das in den menschlichen Körper raffiniert eingeleitete Sterben ein Leitmotiv des

Romans. Und auch der Leser wird den Gedanken daran schwer wieder los, er bleibt an die furchtbare Hypothek des Eingangssatzes geschmiedet.