Es ist eine Welt für sich. Mit Vorsitzenden, die das Sagen haben, und Untergebenen, die mitreden wollen. Mit Orten, an denen man sich trifft und berät - und die mit statistischer Ausgewogenheit über das ganze Land verteilt sind: Von den 356 Auszeichnungen für Literatur, die das um Vollständigkeit bemühte "Handbuch der Kulturpreise" aufführt, wird der überwiegende Teil in Klein- und Mittelstädten wie Aurich, Bayersoien oder Merseburg vergeben.

Sie werden gestiftet von Vereinen, Landräten oder literaturbeflissenen Fabrikanten. Über ihre Vergabe entscheiden Jurys, denen Gymnasiallehrer, Kommunalbeamte oder überhaupt verdiente Bürger angehören. Und sie gehen an junge Dichter, die für ein prämiertes Manuskript leichter einen Verleger zu finden hoffen, an ältere Hobbyschriftsteller, die für ihr Schreiben eine sei's noch so kleine Öffentlichkeit suchen, und manchmal auch an Profis, von Preis zu Preis, von Stipendium zu Stipendium sich hangelnde Poeten, die mitnehmen, was sie kriegen können, denn vom Verlagshonorar allein läßt sich schwer leben.

Gestiftet von einer Trierer Buchhandlung, benannt nach einer Mundart-Dichterin, vergeben erstmals 1992 an den Trierer Schriftsteller Werner Becker, eine zweite Vergabe soll in diesem Jahr folgen: Der Cläre-Prem-Preis ist eine der Auszeichnungen, bei denen es neben der Literatur auch um die Heimat geht, um die Pflege des Brauchtums und um das stolze Bewußtsein, ein Moselfranke, Uckermärker oder Niederbayer zu sein. Der ideale Preisträger ist in der betreffenden Region geboren, hat sie nie verlassen und in seinem Werk so ausführlich beschrieben wie Werner Becker den Raum Trier in seinen Büchern "Wat ons lief o wert öß", "Wu mer derhaam sein" und dem mit 5000 Mark prämierten "Wie aanem der Schnaowel wächst - Heiter-besinnliche Mundartverse über Trierer Art und Gemüt". Mit solchen Preisen ehren die Stifter und Juroren auch sich selbst: Indem sie die Literatur ihrer Region materiell unterstützen, zeigen sie, daß ihre Region der Literatur zum Material taugt.

Nicht immer mit einem glücklichen Ergebnis. Oft ist die Auswahl unter den eingesandten Texten gering - und groß die Not, einen preiswürdigen zu finden. Eine Jurorin des Hans-Henning-Holm-Preises für niederdeutsches Hörspiel - gestiftet von einer Krankenhaus-Betriebsgesellschaft in Bad Bevensen, gewidmet dem Andenken an den ehemaligen Leiter der niederdeutschen Redaktion des NDR - berichtet von "Kompromissen", die die Jury zuweilen eingehen müsse. Achtzehn Einsendungen habe es auf die letzte Ausschreibung gegeben, einige seien schon aus formalen Gründen ausgeschieden, so habe ein Bewerber statt eines Hörspiels Gedichte eingeschickt.

Mit Hilfe des Hans-Henning-Holm-Preises soll gegen die Verdrängung des niederdeutschen Hörspiels aus den Rundfunkanstalten gestritten werden. Würde sich die Jury auf Kompromisse nicht einlassen und die Vergabe aussetzen, hätte das Unternehmen sein rundfunkpolitisches Ziel verfehlt.

Einmal verliehen und dann für zehn Jahre ausgesetzt wurde der Dormagener Federkiel. 6000 Mark wollte die Stadt Dormagen 1980 an Autoren vergeben, die am Niederrhein leben die eine Hälfte des Betrags sollte sofort ausgezahlt werden, die andere Hälfte nach Ablieferung einer Auftragsarbeit. Der Preisträger Klas Ewert Everwyn entschied sich für das Thema "Die Expansion der chemischen Industrie" und schrieb eine Science-fiction-Geschichte über die Allmacht des Dormagener Bayer-Werks und die Knechtschaft der Dormagener Bevölkerung - und über einen Rentner, der schließlich das Werk in die Luft sprengt, was zu einer Verseuchung der Gegend im Umkreis von 150 Kilometern führt.

Everwyns Manuskript wurde entgegen einer Zusicherung der Stadtväter nicht publiziert, dann von einer Bürgerinitiative doch publiziert, was zur Folge hatte, daß die Bayer AG den Autor jahrelang mit Klagen überzog. Erst 1990 wagte man, den Dormagener Federkiel erneut zu verleihen: Er ging an die Lyrikerin Ingeborg Drews, auf ein Auftragswerk wurde und wird bis heute verzichtet.