Das Leben ist das höchste Gut. Was aber, wenn das Leben nur unter Gefährdung seiner Würde zu erzeugen oder zu verlängern ist? Die moderne Medizin stellt uns vor diese Frage, denn sie hat die Grenzen von Entstehen und Vergehen, von Geburt und Tod empfindlich verschoben. Embryonen können im Labor gezeugt werden, ohne daß Vater oder Mutter zugegen sind. Am Ende des Lebens gestatten Medikamente und Maschinen ein langes, nicht unbedingt schönes Altern und schlimmstenfalls eine schier endlose Agonie.

Solcher Fortschritt darf nicht nur dem Ehrgeiz von Wissenschaftlern gutgeschrieben oder angekreidet werden. Es gibt schließlich genügend Frauen und Männer, die mit allen technischen Mitteln und unter Zerstörung jeder Intimsphäre unbedingt Mütter und Väter werden wollen; eine künstliche Befruchtung ist ihnen allemal lieber als eine hilfreiche Adoption. Die liberale Gesellschaft kennt anscheinend kein Tabu mehr - auch nicht gegenüber Patienten, die ihr Leben um jeden Preis zu verlängern suchen, und werde es dazu in die Apparate gepreßt. An die Stelle des Heils und der Heilung der Kranken - und darauf war der Arzt von jeher verpflichtet - trat der Wille des Patienten. Und sein Wille geschieht, im Hospital wie im Labor. Nicht nur die Medizin hat sich atemberaubend rasch gewandelt, zugleich verschoben sich auch die moralischen Fragestellungen.

Das wird erneut deutlich, wenn an diesem Freitag im spanischen Oviedo 33 Mitgliedstaaten die Bioethik-Konvention des Europarates unterzeichnen; allein der deutsche Vertreter läßt seinen Federhalter im Futteral. In Deutschland ist diese Konvention umstritten, obwohl das Vertragswerk immerhin Mindeststandards setzt, die es vielerorts bisher nicht gab; andererseits ist niemand gezwungen, seine bisher strengeren Gesetze zu lockern.

Drei Punkte erregen Anstoß: der unvollständige Schutz für Embryonen, der erlaubte Eingriff ins menschliche Genom und die Forschung an Personen, die nicht mehr imstande sind, solchen Versuchen zuzustimmen oder ihnen zu widersprechen. Das deutsche Embryonenschutzgesetz von 1990 verbietet jegliche Forschung an lebensfähigen Embryonen. Die britische Praxis hingegen erlaubt sie bis zum vierzehnten Tag nach Verschmelzung der Keimzellen. Die Konvention fordert zwar einen ausreichenden Schutz des Embryos, läßt Forschung aber zu, sofern der Embryo nicht nur zu Zwecken der Wissenschaft hergestellt wurde; ein verräterisches Wort übrigens - von Zeugung mag hier niemand mehr sprechen. Die deutschen Kritiker fürchten sich unter Hinweis auf eine wirtschaftlich-wissenschaftliche "Standortdebatte" - vor einem moralischen Downsizing.

Außer acht gelassen wird allerdings, daß deutschen Medizinern derzeit gesetzlich zwar die eigene Forschung untersagt ist, nicht aber die spätere Anwendung von Ergebnissen, die in anderen Ländern gewonnen wurden. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft tadelt dies als gesetzgeberische Heuchelei: Die moralische "Drecksarbeit" machen die anderen, die deutschen Hände bleiben rein.

Die Briten wissen dabei Pragmatik und Logik auf ihrer Seite. Schließlich ist auf der Insel wie bei uns die Abtreibung weiterhin straffrei, was den Embryo in vielen Fällen weit über jenen 14. Tag hinaus zwölf Wochen lang schutzlos läßt. Aber mit Logik allein ist in moralischen Fragen wenig gewonnen. Der amerikanische Rechtsphilosoph Ronald Dworkin verwies im Streit um die Abtreibung auf eine andere, tiefer liegende Kontroverse - darüber, ob und warum menschliches Leben an sich heilig sei, und darüber, welche Handlungen Ehrfurcht und welche mangelnde Achtung vor dem menschlichen Leben erkennen ließen. An dieses Heilige glauben beileibe nicht nur gottesfürchtige Menschen.