Wer kennt sie nicht: die Klage darüber, unsere Gesellschaft werde von einem bindungslosen Individualismus und rücksichtslosen Egoismus zerstört? Konservative und sozialdemokratische Politiker stimmen sie ebenso an wie Gewerkschaftler und liberale Zeitkommentatoren, Kirchenmänner ebenso wie sozialistische Systemkritiker, grüne Umweltschützer ebenso wie ostdeutsche Bürgerrechtler. Als Therapie wird uns die Rückkehr zu "Gemeinschaftswerten" und zu mehr "Gemeinsinn" empfohlen. Die Ideen einer aus den USA stammenden Denkrichtung, die als "Kommunitarismus" bezeichnet wird, finden auch hierzulande immer mehr Befürworter.

In einem 1994 veröffentlichten Manifest haben die amerikanischen Kommunitaristen ihr Credo verkündet:

"Gemeinschaften" seien "reiche Ressourcen für Stimmen der Moral". Sie förderten den "Gemeinsinn", während die liberale westliche Gesellschaft "immer stärker vom Verlust aller moralischen Normen bedroht ist, zur Selbstsucht neigt und von Raffgier, egoistischen Interessen und einem ungebrochenen Machtstreben getrieben ist".

Die Diskussion über das Spannungsverhältnis zwischen individueller Freiheit und gesellschaftlichem Gemeinwohl hat eine lange Geschichte. Schon vor 150 Jahren warnte der politische Philosoph Alexis de Tocqueville in seiner Schrift "Über die Demokratie in Amerika" vor den Entfremdungserscheinungen einer individualistischen Bürgergesellschaft: "Jeder steht in seiner Vereinzelung dem Schicksal aller anderen fremd gegenüber; (. . .) was die übrigen Mitbürger angeht, so steht er neben ihnen, aber er sieht sie nicht; er berührt sie, und er fühlt sie nicht; er ist nur in sich und nur für sich allein vorhanden."

Für viele Kulturkritiker steht fest, daß dieses Warnbild dem Zustand unserer heutigen Gesellschaft entspricht, ja, von unserer Wirklichkeit noch übertroffen wird. So diagnostiziert der Essayist Rüdiger Safranski "Selbstsucht", "Zerstörung des Gemeinsinns" und "Konsumismus" als hervorstechende Übel der Zeit und bemerkt, zu diesen "Verwüstungen", die "Tocqueville teilweise schon antizipierte", sei noch die "beispiellose Verrohung und Entleerung" getreten, "welche die moderne Medienwelt im Inneren der Menschen angerichtet hat".

Solche düsteren Beschreibungen unserer gesellschaftlichen Realität sollen uns davon überzeugen, unsere individuellen Freiheiten durch die Stärkung gemeinschaftlicher Bindungen zu ergänzen und zu begrenzen. Nur so könne ein fortschreitender "Werteverfall" aufgehalten werden. Angesichts steigender wirtschaftlicher und sozialer Unsicherheit und der damit einhergehenden Angst, aus der Wohlstandsgesellschaft ausgestoßen zu werden, finden solche Appelle bei vielen Menschen Resonanz. Es ist ja auch nicht zu bezweifeln: Gerade in schweren Zeiten vermitteln gemeinschaftliche Bindungen, sei es in der Familie, in der Nachbarschaft, im Freundeskreis oder in Vereinen, ein Gefühl der Sicherheit und Beruhigung. Es scheint daher plausibel zu sein, enger zusammenzurücken und für den Selbsterhalt notfalls die individuelle Unabhängigkeit zu opfern.

Doch die Forderung, moralische Konflikte in der Gesellschaft durch mehr Gemeinschaftsgeist zu überwinden, führt in eine Falle. Der Gemeinschaftlichkeit werden damit positive Eigenschaften und Wirkungen zugeschrieben, die sie gar nicht besitzt. Egoismus wird durch Gemeinschaftsbindung keineswegs aufgehoben, sondern häufig sogar erst wirklich zerstörerisch. Umgekehrt verstellt die Verdammung des Egoismus den Blick darauf, daß egoistische Ansprüche von Individuen nicht nur legitim, sondern in vielfacher Hinsicht auch die wichtigste Triebkraft für die Förderung des Allgemeinwohls sind.

"Gemeinschaftswerte" sind nicht per se von positiver Wirkung für den moralischen Zusammenhalt einer Gesellschaft. Denn gemeinschaftsdienliches Verhalten ist keineswegs gleichbedeutend mit moralisch richtigem Verhalten. So ist es zum Beispiel ein großer Unterschied, ob eine Gemeinschaft von ihren Mitgliedern verlangt, fremden Menschen beizustehen und sie zu integrieren, oder ob sie von ihnen fordert, sie auszuschließen oder zu verfolgen. Die Freiwillige Feuerwehr bildet ebenso eine "Gemeinschaft" wie der Ku-Klux-Klan. Bürgerinitiativen kann man sowohl für die Sicherheit von Kindern im Straßenverkehr gründen wie gegen die Errichtung von Asylantenheimen oder psychiatrischen Kliniken im eigenen Wohnviertel. Entscheidend für die moralische Qualität individuellen Verhaltens ist nicht, ob der einzelne mit den Werten einer "Gemeinschaft" konform zu gehen versteht, sondern welchen Inhalts die Werte sind, mit denen er sich jeweils identifiziert. Alle Gemeinschaften beruhen auf Wertentscheidungen von Individuen und nicht auf einem naturwüchsig im Menschen angelegten, per se wertvollen "Gemeinsinn".

Dies gilt nicht nur für Religionsgemeinschaften, Vereine oder Nachbarschaften, sondern auch für die Familie, die heute vielfach wieder - so etwa von Wolfgang Schäuble in seinem Buch "Und der Zukunft zugewandt" - als "Fundament von Staat und Gesellschaft" angepriesen wird. Sicherlich erfüllt die Familie eine zentrale Funktion bei der Einübung sozialer Verhaltensweisen. Das sagt jedoch noch nichts über die moralische Qualität dieses Sozialverhaltens aus. In Familien kann man - betrachtet man ihre Wirklichkeit und nicht ihr Idealbild - Unterdrückung von Schwächeren ebenso lernen wie Toleranz und Mitgefühl. Gewiß, kleine Gemeinschaften wie die Familie oder die Kirchengemeinde sind für den sozialen Rückhalt von Individuen von großer Bedeutung. Die Normen, nach denen sich familiäre oder religiöse Gemeinschaften richten, sind jedoch auf den Wertekanon einer freiheitlichen Gesellschaft nicht ohne weiteres übertragbar. Denn sie beruhen auf persönlichen Abhängigkeitsverhältnissen und vorgegebenen Hierarchien, etwa der Erziehungsgewalt von Eltern über ihre Kinder oder dem Interpretationsmonopol von Priestern über heilige Texte. Die liberale Bürgergesellschaft richtet sich dagegen an Rechten und Pflichten aus, die von gleichgestellten einzelnen ausgehandelt werden.

Darüber hinaus ist der Zusammenhalt im Familienverband für das gesellschaftliche Allgemeinwohl keineswegs in jedem Fall förderlich. Je stärker sich ein Individuum den partikularen Ansprüchen seiner Familie verpflichtet fühlt, desto weniger wird es sich um das Schicksal jener kümmern, die diesen Interessen nicht dienlich sind. Das Beispiel asiatischer "Tigerstaaten" wie Hongkong, Taiwan oder Singapur zeigt, daß sich festgefügte Familienstrukturen sehr gut mit einer Ideologie unbeschränkter Profitmaximierung vertragen. Dort stützen sich die erfolgreichsten Wirtschaftsund Finanzmagnaten zumeist auf reine Familienunternehmen mit einem extrem ausgeprägten Zusammengehörigkeitsgefühl. Die Kehrseite ist, daß es in diesen Gesellschaften keinerlei öffentliche soziale Fürsorge für die Vereinzelten, Schwachen und Benachteiligten gibt. Warum gibt es sie aber ausgerechnet in den angeblich so atomistischen, egoistisch entwurzelten westlichen Gesellschaften? Weil erst der Individualismus das Bewußtsein dafür geschaffen hat, daß jedes einzelne Individuum einen Wert an sich darstellt und daher einen Anspruch auf Hilfe von Staat und Gesellschaft hat, auch wenn es niemandem Nutzen bringt. Bei der heutigen Diskussion um den Sozialstaat und seine angebliche Bedrohung durch den "Liberalismus" wird häufig vergessen, daß erst die Idee des liberalen Individualismus ihn überhaupt denkbar macht.

Daher ist es vorschnell, den Individualismus für die mangelnde Bereitschaft vieler Bürger verantwortlich zu machen, sich für öffentliche Angelegenheiten einzusetzen. Engagement für die Allgemeinheit verlangt einen hohen Grad an Unabhängigkeit gerade gegenüber den partikularen Ansprüchen der eigenen Gemeinschaft. Wenn sich politische, soziale oder karitative Betätigung tatsächlich auf das Wohl der ganzen Gesellschaft beziehen und nicht nur den Interessen der eigenen Gruppe dienen soll, muß sie fähig sein, sich von der Fixierung auf den nächsten Lebensumkreis zu lösen. Damit Engagement wirklich potentiell jedem Mitglied der Gesellschaft, also auch Fremden, zugute kommen kann, muß es von persönlichen und gemeinschaftlichen Bindungen abstrahieren können. Das setzt ein hohes Maß an Individualisierung voraus.

Ebensowenig wie die Orientierung auf "Gemeinschaftswerte" automatisch der gesellschaftlichen Moral förderlich ist, sind egoistische Interessen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in jedem Fall von Nachteil. Ein vereinzeltes Individuum, das sich nur der Mehrung seines privaten Wohlstands verpflichtet fühlt, wird sich kaum für die Diskriminierung von Menschen anderer Herkunft oder Religion engagieren: Ihm wird es gleichgültig sein, woher sein Konkurrent stammt. Diskriminierung läßt sich dagegen nur zu leicht aus der "Verantwortung für das Ganze" heraus begründen. Ein Individuum mit schwachem Rückhalt in einer Gemeinschaft tendiert auch nicht dazu, andere zu übervorteilen oder zu demütigen. Wer sich dagegen durch den Rückhalt in einem starken Kollektiv gesichert fühlt, macht sich bei der Suche nach seinem Vorteil weit weniger Gedanken darüber, wieviel Zorn und Neid er auf sich zieht. "Die größte Gefahr für den sozialen Zusammenhalt", schreibt der amerikanische Politikwissenschaftler Stephen Holmes, "geht nicht vom Individualismus aus, sondern von kollektiven Leidenschaften, ideologischen Konflikten und ererbten Rivalitäten zwischen sich bekämpfenden Gruppierungen. Wo Zwietracht zwischen verschiedenen Gruppierungen herrscht, ist Solidarität eher ein Problem als eine Lösung."

Jüngste soziologische Untersuchungen belegen, daß die Aggressivität türkischer Jugendlicher gegenüber der deutschen Gesellschaft in dem Maße ansteigt, wie sie sich in die geschlossene Identität "islamische Gemeinschaft" zurückziehen. Diese beunruhigende Entwicklung ist wiederum eine Folge der Erfahrung, aufgrund bloßer Herkunft aus der deutschen Gesellschaft ausgeschlossen zu sein und angefeindet zu werden. Weit mehr als einem verantwortungslosen Individualismus einzelner ist die drohende Spaltung unserer Gesellschaft dem wachsenden Bedürfnis geschuldet, sich in gleichgesinnten Gemeinschaften abzuschotten.

Die Kritiker des Individualismus werden freilich einwenden, es gehe ihnen bei der Wiederbelebung "echter" Gemeinschaftswerte gerade darum, solchen pervertierten Formen von Gemeinschaft den Boden zu entziehen. Doch es wäre ganz widersinnig, Angehörige rechtsradikaler Gruppen oder von Sekten wie der Scientology Church dadurch zum Ausbruch aus ihrer Abhängigkeit bewegen zu wollen, daß man an ihren "Gemeinschaftsgeist" appelliert. Denn ebendiesen suchen sie in Strukturen mit einer radikal antiindividualistischen Ideologie. Und diese Gruppen sind der Überzeugung, im Sinne des "Gemeinwohls" zu handeln. Um einen Menschen aus ihrem Zugriff zu befreien, muß man zunächst sein Bewußtsein für individuelle Autonomie wecken.

Überdies: Wo existieren in der Realität eigentlich jene "wahren Gemeinschaften", die von Gruppenzwang und Gruppenegoismus frei sind und nur auf der gemeinsamen Hingabe an höhere Werte beruhen? Ist es überhaupt wahr, daß unsere Gesellschaft immer individualistischer wird?

Betrachtet man die Wirklichkeit unserer Gesellschaft näher, stellt man rasch fest, daß wir keinesfalls zuwenig, sondern eher zuviel Gemeinschaftsorientierung haben. Zentrale gesellschaftliche Bereiche wie die Wirtschaft und die Politik werden nicht, wie oft behauptet, von einem nackten Leistungs- und Konkurrenzprinzip, sondern vom Beharrungsvermögen gemeinschaftsförmiger Strukturen beherrscht. Der Karriereaufstieg über "Seilschaften", die sich auf persönliche Loyalität gegenüber einer Leitfigur gründen und nach dem Prinzip "Privilegien gegen Treue" funktionieren, hat solch massive Formen angenommen, daß die Soziologen Erwin K. und Ute Scheuch von einer "Feudalisierung des politischen Systems" sprechen. Vorstände und Aufsichtsräte großer Unternehmen pflegen einen Korpsgeist, der es zum Ausnahmefall macht, daß ein Manager, der einmal dorthin aufgestiegen ist, selbst bei größeren professionellen Fehlleistungen wieder aus dem "Machtadel" (Scheuch) herausfällt. Innerhalb solcher interessegeleiteter Gemeinschaft herrscht keineswegs die vielbeschworene "Kälte" in den persönlichen Beziehungen vor, sondern ein dichtes Netzwerk sozialer Bindungen und Abhängigkeiten. Ein einzelgängerisches Individuum, das nur an seinen eigenen Vorteil denkt und seine Ansprüche nicht an die Erfordernisse des Kollektivs anpassen kann, hat in diesen Strukturen kaum eine Chance, in Spitzenpositionen aufzusteigen.

Generell ist die zeitgenössische liberale Gesellschaft weit davon entfernt, immer mehr "Vereinzelung" zu produzieren. Was vielmehr wächst und durch eine auf Individualismuskritik fixierte Öffentlichkeit geschürt wird, ist die Angst vor der "Vereinzelung", die zu Unrecht mit Einsamkeit und Ausgeliefertheit gleichgesetzt wird. Für jedes Problem, mit dem sich ein Individuum im Verlauf seines Lebens konfrontiert sehen könnte, findet sich heutzutage - neben einem weitreichenden Angebot öffentlicher sozialer Dienste - eine Unzahl von spirituellen und therapeutischen Angeboten, Initiativ- und Selbsthilfeorganisationen, von Sekten aller Spielarten ganz zu schweigen. Neuerdings organisieren sich zum Beispiel Leute, die darunter leiden, daß sie zu Hause keine Ordnung halten können, als "Anonyme Messies". Solche Einrichtungen versprechen ihren Klienten nicht nur Erleichterung von ihrem Leidensdruck, sondern vor allem auch Geselligkeit und das beruhigende Gefühl, einer Gruppe von Menschen anzugehören, mit denen sie ein gemeinsames Identitätsmerkmal teilen. Es gibt kaum ein Problem, das noch als ein rein individuelles und privates begriffen wird und der Vergemeinschaftung entgeht.

Auch die These, unsere Gesellschaft sei vom Verlust aller moralischen Normen und Werte bedroht, hält einer näheren Prüfung nicht stand. Der einzelne wird heute mit Forderungen nach moralisch richtigem Verhalten konfrontiert, die die Definition gemeinwohlschädigenden Verhaltens immer weiter ausdehnen. Die Bürger werden dazu angehalten, zum Wohle der allgemeinen Gesundheit und des Umweltschutzes auf das Rauchen, das Autofahren oder auf zu fettes Essen zu verzichten, die Wasserspülung sparsam zu benutzen oder den Müll zu trennen. Daß unsere Gesellschaft durch eine zügellos ausgelebte Freiheit bestimmt werde, ist eine Legende. Der Zugriff des "Gemeinsinns" ist durch die Schwächung traditioneller Institutionen wie der Familie oder der Kirche nicht unbedingt schwächer geworden. Er sucht sich nur neue Formen und Wege, um sein Regiment weiterzuführen.

Es sind in erster Linie auch die Medien, die sich an der Moralisierung aller öffentlichen und privaten Bereiche beteiligen. Was unter dem Druck einer solchen neuen Tyrannei des "Gemeinsinns" wächst, ist freilich nicht die Moral, sondern nur die Heuchelei. Wenn dagegen der liberale Individualismus die egoistischen Interessen einzelner als legitim anerkennt, propagiert er damit den Egoismus nicht als Ideal. Er hat vielmehr erkannt, daß egoistische Interessen in das Gemeinwohl besser integriert werden können, wenn sie offen ausgesprochen und zugelassen werden, als wenn sie sich unter dem Deckmantel der Gemeinschaftsorientierung verstecken. Es ist die Gemeinschaftsideologie, die individuelle Verantwortlichkeit unsichtbar macht und damit die Definition der ethischen Maßstäbe einer freien Gesellschaft erschwert. Die Fixierung auf den "Gemeinsinn" produziert oft erst das stereotype Gefühl, das soziale Fehlverhalten von Individuum nehme immer mehr zu. Das Bewußtsein dafür schwindet, daß eine offene Gesellschaft mit einem großen Ausmaß von sozialem Fehlverhalten auskommen muß und kann.

So kommt es, daß jede aufgedeckte Steuerhinterziehung sofort ein öffentliches Lamento über die "Krise der Moral" nach sich zieht. In Wirklichkeit ist es ein von jeher übliches Verhalten von Bürgern, zu versuchen, sich den Steuerlasten durch alle möglichen legalen und illegalen Mittel soweit es geht zu entziehen. Wenn Steuerhinterziehung und Steuerungerechtigkeit zunehmen, ist dies noch kein Indiz für eine "moralische Krise", sondern für ein reformbedürftiges Steuersystem. Die Gemeinschaftsideologie verlangt aber von jedem einzelnen die Entwicklung einer persönlichen Ethik des Steuerzahlens und verzweifelt an dem vorhersagbaren Resultat, daß eine solche Forderung bei niemandem verfängt.

Verantwortungsbewußtsein und zivile Formen im Umgang mit anderen können nur aus der selbstverantwortlichen Ausübung individueller Freiheit entstehen. Erst das Bewußtsein, ein "vereinzeltes" Individuum mit allen positiven und negativen Anlagen zu sein, macht es überhaupt erst möglich, den anderen in seiner eigenen Individualität anzuerkennen und ihn nicht bloß als Repräsentanten eines Kollektivs zu betrachten. Alle maßgeblichen Theoretiker des Liberalismus, von Adam Smith über John Stuart Mill bis zu John Rawls, haben es bei aller kritischen Distanz zur "Gemeinschaft" vermieden, ihrerseits "das Individuum" zu idealisieren. Selbstverständlich waren sie nie der Meinung, daß die individuelle Freiheit unbegrenzt sein sollte. Sie glaubten aber auch nie daran, daß Egoismus und Willkür durch den verordneten oder freiwilligen Verzicht auf individuelle Autonomie entschärft werden könnten.

Der liberale Theoretiker Reinhold Niebuhr hat das Credo des Liberalismus in die Formel gefaßt: "Die Fähigkeit des Menschen zur Gerechtigkeit macht Demokratie notwendig." Der Liberalismus glaubt also zwar an die Fähigkeit jedes einzelnen, gegenüber allen anderen Gerechtigkeit zu üben; das heißt, er glaubt an die Einsichtsfähigkeit jedes einzelnen, bestimmte Regeln des friedlichen Zusammenlebens als die Voraussetzung für gesellschaftliche Freiheit zu akzeptieren. Der Liberalismus verläßt sich jedoch nicht auf diese grundsätzlich optimistische Einschätzung des Menschen, sondern trägt dessen Neigung Rechnung, gegenüber anderen ungerecht, selbstsüchtig und gewalttätig zu sein. Auf beide gegenläufigen Anlagen der Menschen hat der Liberale aber die gleiche Antwort parat: die Demokratie. Nur dieses System einer selbstverantworteten Freiheit bietet die Möglichkeit, die positiven Seiten des Individuums zur Entfaltung zu bringen; es ist aber zugleich auch das einzige Mittel, seine negativen Anlagen auf humane Weise zu kontrollieren und ihre destruktiven Auswirkungen zu begrenzen.

Diese Balance kann nur in einem ununterbrochenen Diskussionsprozeß freier Bürger hergestellt werden. Eine wirklich tragfähige moralische Grundlage der Gesellschaft entsteht aus der Erfahrung der einzelnen, daß Übereinkünfte und Kompromisse zwischen widerstreitenden moralischen Auffassungen von Gruppen und Individuen möglich und für alle nützlich sind. Der Verweis auf angeblich ursprüngliche Werte der Gemeinschaft suggeriert einen einfachen Ausweg aus diesem schwierigen Prozeß der moralischen Selbstdefinition einer pluralistischen Gesellschaft. Anstatt die Individuen dazu zu ermutigen, ihre Interessen und Ansprüche zu artikulieren, eine Auseinandersetzung über die richtige Lebensführung selbst zu verantworten, verspricht die Gemeinschaftsideologie die trügerische Sicherheit eines festliegenden Wertekanons, dem man sich nur unterordnen müsse, um unumstößliche Antworten auf ethische Grundsatzfragen zu erhalten. Der redundante und larmoyante Ruf nach der "Gemeinschaft" ist darauf angelegt, den einzelnen Angst vor der Freiheit einzujagen. Damit erreicht er das Gegenteil von dem, was er vorgibt: Er fördert Passivität, Mißtrauen, Absonderung und die Tendenz, die Verantwortung für das eigene Handeln auf vermeintlich schützende Kollektive zu übertragen.