Kraut und Rüben, wir haben das Gericht nie verkostet. Es muß ein besonderes gastronomisches Risiko sein. Anders wäre schlecht zu erklären, wie das Wurzelgemüse zu seiner metaphorischen Karriere kam. Die ganze Epoche ist bekanntlich wie Kraut und Rüben. Catherine David, documenta-Chefin im Planungsfinish, erkennt ein gewaltiges Durcheinander, "enorme Verwirrung", exklusive Orientierungslosigkeit, aus der allenfalls die Künste . . .

Wobei gerade die Bilder von Albert Oehlen ziemlich verkocht und eintopfmäßig aussehen. Die neuen jedenfalls. Bei den älteren waren die Zutaten noch etwas geschiedener: "Selbstporträt mit verschissener Unterhose und blauer Mauritius". Das war damals in den unheimlich starken achtziger Jahren. Und der Kritiker (Wilfried Dickhoff) schrieb, daß es darum gehe, "Malerei wieder möglich zu machen, indem man ihr Inhalte zumutet, die sie gar nicht verkraften kann".

Die wohlgelaunte Dekade ist dahin. Die Malerei so möglich und unmöglich wie zuvor. Und Albert Oehlens "Werk" scheint nicht unbedingt reifer geworden, aber seine Bilder sind doch über ihr punkiges Motiv hinausgewachsen. Seinerzeit war es schon shocking, angesichts der mageren Kurse des Kunstbetriebs als bekennender Bulimist aufzutreten.

Und im Lichte der geltenden Avantgarde-Richtlinien nahm sich eine Malaktion wie "böthe thungen - chlechte tchäne" schon etwas dyston aus. Was dem Erfolg der zugemuteten Inhalte allerdings eher dienlich sein sollte. Es konnte einer noch so überzeugend den Bösewicht geben, der aufgeklärte Zynismus durchschaute alle Rollen. So gesehen hätte sich Oehlen bildnerisch kein zweites Mal die Leibwäsche beschmutzen dürfen.

In mancherlei Werksprüngen hat sich das Oehlensche Bild zu einer Art dicht gewirkter Benutzeroberfläche entwickelt. Es geht nun dort zu wie auf dem Bildschirm. Die Bildebenen lagern nicht in Schichten übereinander, sondern überblenden, mischen sich wie die technisch immateriellen Bilderscheinungen. Da ist eine Zone Malerei, dort eine Passage Siebdruck, und drüber und drunter spulen computergenerierte Linien und Stränge ab. Nach diskursiver Logik sieht das alles nicht aus. Die Maus irrt gleichsam über den Monitor, und die Spuren, die sie dabei hinterläßt, sind nur ein wenig eckiger als die Bleistiftbahn auf dem Papier. Mag sein, daß die Zeichenhand schneller beim Gegenstand oder Gegenstandsrest ist, daß ihr Traumwandeln rasch in einer Figurenassoziation endet. Die elektronische Linie bleibt einigermaßen erfolgreich bei der Kritzelei.

Analysierbar, geschweige denn identifizierbar sind die verknäulten Formenbestände nicht. Das "Geschmiere", mit dem Oehlen die These von der unmöglich gewordenen Malerei als Lehr- und Leersatz einer verbleichenden Avantgarde-Ästhetik diskreditieren wollte, ist noch immer die erste Anmutung. "Postungegenständlich" hat der Maler einmal seine chaotisch, oder soll man sagen: anarchisch besetzten Arbeiten beschrieben. Und der Schritt vom Künstlerouting als Philatelist in deplorablen Shorts zum Maler forcierter Unbedarftheit ist so weit nicht. Bad painting, damals wie heute.

Nur daß sich die Strategie der mutwilligen Geschmacksunterbietung jetzt doch etwas intelligenter erweist, als es die fröhliche Unheiligkeit vermuten ließ. Die Hilflosigkeit ist gut gespielt, und was sich in der Larve des depperten Draufgängers tarnt, sollte nicht mit Bewußtlosigkeit verwechselt werden. Hellwach reagiert die Linie, die nicht Geste, nicht Ausdruck sein will, auf die Linien, die schon immer gezogen sind. Hellwach reagiert die Farbe, die nicht Gefühlsform sein will, auf die Farben, die schon immer gemalt sind. Allemal ist vor dem Oehlenschen Bild ein Nichtoehlensches Bild. Und von nichts anderem erzählen diese Bilder als von den Bildern im Kopf, von diesem pastosen Gemenge - Kraut und Rüben eben, worin das kaum noch hohe Hohe und das kaum noch niedrige Niedrige verrührt sind und das schön Erhabene zum vollends Lächerlichen zermatscht ist und das vollends Lächerliche schön erhabene Blasen wirft.