Euroskepsis - nein danke! – Seite 1

London Laura Gilbert lacht noch heute, wenn sie an den Tag denkt, an dem sie von den Ossis die Nase voll hatte. Als Achtzehnjährige war sie 1991 für ein Studienjahr nach Leipzig gezogen, trotz hochgezogener Augenbrauen daheim in Yorkshire. Sachsen im Jahr 2 nach der Wende war frostig: Gerade von Älteren schlug ihr oft Feindseligkeit entgegen. Als auch noch der alte Mann in der Tram zischte, sie solle gefälligst auf ihre Insel abhauen, riß Laura die Geduld.

Empört fauchte sie ihn an: "Ich bin eine EU-Bürgerin und habe genausoviel Recht, hier zu sein, wie Sie!" Der Alte sank sprachlos auf seine Bank zurück.

I'm an EU national: So kurz vor der Parlamentswahl am 1. Mai könnte dieses Bekenntnis in London Karrieren beenden. Großbritanniens Rolle in Europa - vor allem der Beitritt zur Wirtschafts- und Währungsunion ab 1999 - ist das Thema der Wahl. "New Labour, New Eurodanger" plakatieren die Tories ihren Anspruch auf die fünfte Amtsperiode. Selbst Oppositionsführer Tony Blair, der Labour einen proeuropäischen Kurs verordnet hat, schwört: keine Einheitswährung ohne Volksabstimmung. Und Volkes Stimme scheint dieser Vorsicht recht zu geben. In einer Umfrage vom Januar verlangten 42 Prozent der Befragten, Großbritannien solle versprechen, daß es das Pfund niemals dem Euro opfern werde 23 Prozent wollten gleich die EU verlassen.

Ganz Albion - von der Euroskepsis infiziert? Nein! In der nachwachsenden Generation der Meinungsmacher und Engagierten - zwischen Mitte Zwanzig und Mitte Dreißig - sind viele, die sich nicht nur als überzeugte Europäer fühlen, sondern auch danach handeln. Sie sitzen noch nicht auf den Chefsesseln, aber oft schon auf Managerstühlen: Deutschlands Kultur der institutionalisierten Unmündigkeit ist der Insel fremd. Die Jungen beraten Mitglieder der Regierung oder des Labour-Schattenkabinetts. Sie gestalten die Marktstrategien von Großunternehmen. Sie nehmen Einfluß auf die politische Debatte, in Think Tanks, Lobbying-Organisationen und Medien.

Zugegeben: In Whitehall und Westminster nach geständigen Europäern zu forschen ist, als frage man zu Zeiten der Katholikenjagd unter Heinrich VIII. nach der nächsten Messe. Kabinettsreferenten, Abgeordnetenhelfer, Studentenpolitiker: alle bekennen sich als Europäer und die Tories unter ihnen versichern eindringlich, es gebe ihrer weit mehr, als der schneidende Ton der Europhoben in der eigenen Partei glauben mache. Aber damit zitiert werden - oh, no, das will nicht einmal der schmächtige Blonde von den Young Conservatives for Europe.

Jenseits von Wahlkampf und Fraktionsdisziplin ist leichter reden.

Maurice Fraser, im Foreign Office Referent dreier konservativer Außenminister, ist inzwischen unabhängiger Berater seiner Partei und der EU-Kommission in Europafragen. Bei Tee mit Milch im staubig-noblen "Travellers' Club" an der Pall Mall, kaum zehn Minuten Fußweg vom Parlament, umschreibt der 36jährige sein Verhältnis zu Europa als profession de foi, als Glaubensbekenntnis: "Europa ist eine Wertegemeinschaft."

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Seit den antieuropäischen Tiraden Margaret Thatchers ist fast in Vergessenheit geraten, daß es jahrzehntelang die Tories waren, die ihre Insel auf dem Kontinent verankern wollten, während Labour grollend abseits stand. "Meine Eltern waren aufgeklärte Konservative", sagt Fraser. "Als ich eingeschult werden sollte, fing die Debatte um den EWG-Beitritt gerade an. Da haben sie mich hier auf das Lycée Français geschickt." Für den Briten mit einer griechischen Mutter und einer in Italien aufgewachsenen Frau ist der Euro nur ein Markstein auf dem Weg zur politischen Union. Eine Minderheitsposition in der eigenen Partei, in der die Europhilen schon lange von den schrillen Kindern Thatchers an den Rand gedrängelt worden sind? Fraser zuckt mit den Schultern. "Die Tories stehen vor der Wahl, eine nationalistische, xenophobe Rechtsaußenpartei zu werden - oder einen pragmatischen, unternehmensfreundlichen und proeuropäischen Kurs einzuschlagen."

Dafür ist es wohl schon zu spät. Jüngste Umfragen geben Labour einen Vorsprung von durchschnittlich zwanzig Punkten. Unter Tony Blair hat sich die Partei von ihren sozialistischen Wurzeln ebenso wie vom Flirt mit der Sozialdemokratie schwedischer oder deutscher Prägung abgekehrt und macht nun den Konservativen die politische Mitte streitig. Das 1988 gegründete Institute for Public Policy and Research (IPPR) ist der Think Tank, der Labour bei dieser parteiintern heftig umstrittenen Kurskorrektur Schützenhilfe geleistet hat Dan Corry ist sein Chefökonom.

Über einem Mineralwasser in den nüchternen Räumen des Instituts in der Southampton Street erklärt Corry, er habe (nach Studienjahren in den USA und Kanada) seine Berufslaufbahn im Schatzkanzleramt begonnen. Als Europaskeptiker. "Aber ich mußte oft zu Verhandlungen nach Brüssel. Und irgendwann hatte ich das Gefühl, ich hätte mit denen mehr gemeinsam als mit meinen eigenen Leuten." Europa ist für den schmalen 37jährigen, dem mit seinem bügelfreien Hemd und der hellgrauen Hose zum Ingenieur nur noch der weiße Kittel fehlt, schlichter Sachzwang: "Wir dürfen den Anschluß an diesen riesigen Wirtschaftsraum nicht verpassen. Und eine streng monetaristische Wirtschaftspolitik in Verbindung mit einem flexiblen Arbeitsmarkt ist heute sowieso die einzige Option. Mit oder ohne Maastricht- Vertrag."

Frohe Kunde für die um ihre Marktanteile auf dem Kontinent bangenden britischen Unternehmer. Nur: Glaubt New Labour eigentlich, es ginge 1998 darum, der alten EWG beizutreten, statt einer sich erweiternden und vertiefenden Union? Nicht doch, erwidert Corry, "aber die Briten haben panische Furcht vor allem, was nach Föderalismus riecht".

Stephen Tindale hat taktische Rücksichten nicht nötig. Nach Etappen im Außenministerium und als Umweltexperte des IPPR ist er gerade Direktor der Green Alliance geworden, die Kennern als "vernünftiger" grüner Think Tank gilt. Der 33jährige hat seine Kindheit "in der ganzen Welt" verbracht der Vater arbeitete für den British Council.

Obwohl samstäglicher Krach durchs Bahnhofscafé hallt - Tindale ist auf dem Weg zu einem Fußballspiel des Londoner Traditionsvereins Tottenham Hotspurs -, erläutert der Oxford-Absolvent seine Vorstellungen so konzentriert, als sei er in einem Seminarsaal.

"Im Gegensatz zu New Labour bin ich kein Anhänger des anglo-amerikanischen Kapitalismus", sagt Tindale. "Ich sehe im geeinten Europa die letzte Hoffnung für ein sozialdemokratisches Grundprinzip: Verteilungsgerechtigkeit."

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Langzeitarbeitslosigkeit, wachsende Verarmung und grenzüberschreitende Umweltzerstörung - alles Probleme, denen der Nationalstaat alleine nicht mehr gewachsen sei, meint Tindale. "Der notwendige Kompetenzzuwachs für die EU-Kommission müßte aber durch ein Mehr an Demokratie ausgeglichen werden - etwa durch Wahl der Kommissare. Hmm. Ich bin wohl ein Föderalist."

"Föderalismus? Was denn sonst, bitte schön?" Jeanie Matthew hat in Edinburgh byzantinische Geschichte studiert und drei Jahre in Istanbul gearbeitet - möglicherweise, lacht sie, eine gute Vorbereitung für ihren heutigen Job: Direktorin einer europaweit agierenden Beratungsagentur, die Unternehmen durch die Untiefen der Brüsseler Bürokratie steuert. "Mein Europa? Vor allem anderen: eine Friedensordnung. Unsere Generation vermag das nicht mehr zu würdigen. Mein Vater konnte nicht studieren, weil er in den Krieg mußte. Mir ist das erspart geblieben."

Der Kolonialbeamte in Nigeria, erzählt die 36jährige im Café ihres Fitnessclubs tief unter dem Pflaster der City, impfte seinen Kindern Vaterlandsliebe und Bürgersinn ein. Und den Glauben an Europa.

1979 kandidierte er in der ersten Wahl zum Europaparlament die Tochter tat es ihm 1994 nach, als Kandidatin der kleinen Liberal Democrats ("Mir fehlten nur 8000 Stimmen - von einer Viertelmillion!").

Matthew fände es "schändlich", wenn das Königreich nicht in der ersten Runde der Währungsunion dabei wäre: "Das Recht zur Kritik haben wir nur, wenn wir mitmachen."

Wertegemeinschaft, Handelsraum, Bollwerk gegen die Globalisierung, Friedensordnung: vier sehr unterschiedliche Vorstellungen vom Projekt Europa. Eines aber verbindet Fraser, Corry, Tindale, Matthew und viele andere ihres Alters und hebt sie von älteren Generationen ab: das selbstverständliche Bewußtsein, nicht nur Briten, sondern britische Europäer zu sein. Und weil ihnen ein parteiunabhängiges Forum für ihre Debatten fehlte, gründeten einige von ihnen - darunter David Miliband, Berater Tony Blairs und Nick Butler, Referent des Vorstandsvorsitzenden von British Petroleum - vor sieben Monaten ihr eigenes Diskussionsforum: das Centre for European Reform (CER).

"Wir sind proeuropäisch, aber kritisch. Uns geht es darum, das Niveau der Diskussion anzuheben - und ein Netzwerk von jungen Gleichgesonnenen quer über den Kontinent zu knüpfen", sagt Butler.

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Das CER hat ein Kuratorium aus klangvollen Namen wie Timothy Garton Ash und Ralf Dahrendorf rekrutiert die Liste seiner Träger liest sich wie ein "Who's who" der britischen Großindustrie.

Umfragen zufolge sind es besonders die Jüngeren, Gebildeteren und wirtschaftlich Bessergestellten, die ihre Zukunft in einem integrierten Europa sehen. Aber nicht nur sie. Eine ganz neue Gruppe von Jungen strömt derzeit in die Landespolitik: Ihre ersten politischen Erfahrungen haben sie in den strukturschwachen Randgebieten Großbritanniens gemacht, die oft von Transferzahlungen der EU und Entwicklungsprogrammen profitieren.

Zum Beispiel Laura Gilbert, der Hartnäckigkeit und Begabung den Weg aus einfachen Verhältnissen nach Oxford bahnten. Heute ist die 24jährige Assistentin des europhilen Labour-Abgeordneten Denis MacShane und ärgert sich darüber, daß ihr Chef Anrufe auf den Kontinent immer über die Telephonzentrale in Westminster anmelden muß. In der ratternden U-Bahn, unterwegs zu ihrem winzigen Büro in einem Parlamentsannex, sagt Laura Gilbert: "We're cutting our nose to spite our face" - "Großbritannien schneidet sich mit seiner europafeindlichen Politik ins eigene Fleisch." Und sie vollzieht einen imaginären Schnitt mit einer Hand, deren nilgrün-metallisch schimmernde Fingernägel weithin Zeugnis ablegen, daß in London auch die Mode wieder cutting edge ist. "Vor dreißig Jahren haben wir schon mal den Zug verpaßt. Das darf nicht wieder passieren!"

Dann grinst sie und fügt in fast akzentfreiem Sächsisch hinzu: "Mr sind doch geene Inselaffn!"