Bei uns nennt man es seit über dreißig Jahren "Aufarbeitung der Vergangenheit", wenn Gerichte sich mit einer bösen Zeit beschäftigen, die noch in die Gegenwart reicht. Also "Drittes Reich" und DDR.

"Aufarbeitung" des Mittelalters gibt es nicht. Bei der Erforschung der Geschichte der DDR steht allerdings weniger die allgemeine Entwicklung im Vordergrund des Interesses. Da gibt es Standardwerke, die schon vor der Wiedervereinigung geschrieben sind. Wie Hermann Webers Buch von 1988. Jetzt geht es ums Detail, und am meisten interessieren Staatssicherheit und Justiz. Für die Staatssicherheit hat die Behörde des Bundesbeauftragten Joachim Gauck eine Reihe von Veröffentlichungen veranlaßt. Sehr schnell gemacht, sehr unprofessionell.

Die Rechtsgeschichte wird unkoordiniert erforscht, aber auch weniger von Rechtshistorikern oder Juristen, eher von Soziologen und Politologen, zum Teil im Auftrag des Bundesjustizministeriums, das dazu vor drei Jahren eine ganz gute Ausstellung organisiert hat mit Katalog und wissenschaftlichem Begleitband. Also, Rechtsgeschichte der DDR hat Hochkonjunktur mit einer großen Zahl von Büchern und Aufsätzen und Tagungen. Nicht immer sehr objektiv. Meistens wird nur - wie von Ronald Reagan - das Reich des Bösen beschrieben.

Aber es gibt Ausnahmen. Zum Beispiel das Buch von Andrea Feth - einer jungen Juristin - über Hilde Benjamin. Es ist fair und gut.

Hilde Benjamin, geborene Lange. In der ersten Halbzeit des Versuchs, einen ostdeutschen Sozialismus aufzubauen, hatte sie neben Walter Ulbricht im Westen den schlechtesten Ruf. "Die rote Hilde". In den zwanziger Jahren war das liebevoll gemeint. So wurde die kommunistische Rechtsanwältin von kommunistischen Arbeitern genannt, für die sie im Berliner Wedding gearbeitet hat. In den fünfziger Jahren wurde im Westen daraus ein Kampfbegriff, der auf Terror- und Todesurteile anspielte, die sie zu verantworten hatte als Vorsitzende des politischen Strafsenats des Obersten Gerichts der DDR.

Noch vor kurzem ist sie von Rudolf Wassermann mit Roland Freisler verglichen worden. Aber Andrea Feth zeigt, daß es Unterschiede gibt. Der Blutrichter Hitlers hat 2400 Todesurteile gesprochen, mit gutem Gewissen. Hilde Benjamin hat zwei Todesurteile verkündet, mit eher schlechtem Gewissen, wie sich beweisen läßt. Während Freisler in seinen Verhandlungen tobte und schrie und Angeklagte beleidigte, blieb Hilde Benjamin bewußt ruhig und korrekt, "eine gebildete ältere Dame mit guten Umgangsformen". Ihre Zuchthausstrafen waren allerdings barbarisch hoch.

Das war übrigens eines ihrer Probleme in der DDR, die gebildete Dame mit den guten Umgangsformen. Sie hat zwar eine große Karriere gemacht als Vizepräsidentin des Obersten Gerichts und Ministerin für Justiz. Aber es fehlte der proletarische Stallgeruch. Sie war eine bürgerliche Studierte und den meisten in der Führungsspitze auch intellektuell überlegen. Das hat man nicht gern. Und so konnte sie die Höhen des Politbüros nie erklimmen. Hier liegt, vermutet Andrea Feth zu Recht, einer der Gründe für ihre stramme politische Haltung, nämlich der Makel einer Herkunft aus der falschen Klasse.