Was war nun das Besondere an ihm? Nachdenkend über Stephan Hermlin, trauernd, fällt es schwer, sein Bild zu schärfen. Ob es die geradezu ergreifenden Widersprüche waren, die den Charakter dieses Mannes wie seine Poesie prägten? Gemeint sind damit nicht die zugekleisterten Löcher in seiner Biographie, so blamabel wie unverständlich. Das wissen wir nun, es wurde hinlänglich erörtert fair nicht immer: auch nicht von mir, der ihm im Laufe der Corino-Debatte fälschlich unterstellte, er habe den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in Prag bejubelt.

Ich glaube, daß die Bedeutung des Menschen und Schriftstellers Stephan Hermlin darin lag, daß er Zeuge und Zeugnis zugleich war: für den Riß, der durch unsere Epoche ging, die manchmal geschönte, manchmal hinausgeschrieene Not - Menschen wie Hermlin waren verratene Verräter, mutige Opfer der Verfolger wie kleinmütig verfolgende Täter. Der eminente Einfluß - man darf das getrost Erfolg nennen - seines schmalen Werks auf eine Generation Schreibender, ob Volker Braun, Christa Wolf oder Günter Kunert der Respekt, den ihm die literarische Welt zollte von Pablo Neruda über Louis Aragon zu Ilja Ehrenburg und Anna Seghers: Derlei hat seinen tiefen Grund nicht in pfeifenrauchend edler Geste der Schweigsamkeit. Da gibt es einen tiefliegenden Kern. Der mag umhüllt gewesen sein - verborgen?

- durch allerlei Mogelei, Attitüde, auch Feigheit wer war schon sein Leben lang nur groß, anständig und mutig? Begabt noch dazu?

Mir scheint, dieser Kern barg das Samenkorn tiefer, auch bitterer Einsamkeit. Die Anekdote, die er mir einmal, zurückkehrend von irgendeinem PEN-Kongreß, über Anna Seghers erzählte, meinte selbstverständlich ihn selber: In Stockholm, am Wasser stehend, habe die Autorin des "Siebten Kreuzes" ganz jäh, ganz unvermittelt, ganz Angst, ausgerufen: "Mein geliebtes jüdisches Volk!" Hermlins Schmucksucht war der Mantel um diese Angst, Hermlins Preissänge auf Solidarität, auf Banner und Marschtritt und Fanal waren - gelegentlich zierliche - Fluchten Bitten um eine "Zeit der Gemeinsamkeit", wie eine seiner schönen Erzählungen heißt. In einer seiner Balladen liest man die flackernde Hoffnung: "Einsam im Siege noch sein / War unsere Wahl. Mit wildem Willen geladen / Nach der unsäglichen Zukunft nur noch - und nie mehr allein." Da lag Not. Elend, wie das mittelhochdeutsche Wort für Fremde heißt. Das haben seine Leser gespürt - einer zum Beispiel, der eben dem Elend entronnen war und der seinen Hunger nach Ernst, nach Trost bei Stephan Hermlin gestillt sah - so muß man Franz Fühmanns Brief an den Kollegen lesen:

"Als ich in den letzten Tagen des Dezember 1949 aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wurde, bekam ich 1 Fahrkarte nach Weimar zu meiner Mutter + 50 Mark. Das war mein Vermögen.

Für die 50 Mark kaufte ich mir als erstes in der nächsten Buchhandlung für etwa die Hälfte ein Buch mit dem Titel "Marx + Engels über Kunst + Literatur". Dann kaufte ich für meine Mutter + Schwester ein Mitbringsel in der HO, ich glaube ein Stück Butter und etwas Wurst. Dann hatte ich noch drei Mark Rest. Die wollte ich sparen, auf daß ein Vermögen daraus wachse.

Dann ging ich nochmals in die Buchhandlung und blätterte.