Das Fräulein kommt selbst in Frankreich aus der Mode. Doch Mademoiselle Perot bleibt Mademoiselle Perot. In ihr kleines Kabuff im Pariser Außenministerium führt der erste Gang jedes Frankreich-Korrespondenten. Ohne die gestrenge Dame mit der Hornbrille kein Presseausweis und ohne Presseausweis kein Zugang zu den Mächtigen. Nicht auszudenken!

Der zweite Pflichtbesuch führt ins Labyrinth des Innenministeriums. Ein unauffälliger Herr vom Inlandsgeheimdienst stellt Fragen. Ob der Journalist denn wirklich ein solcher sei. Oder ob er mit subversiven Absichten komme. Es folgt die Vorsprache bei der Polizeipräfektur in Sachen Aufenthaltsbewilligung. Danach stellt sich der Korrespondent bei der deutschen Botschaft vor, wird Mitglied der Presse Présidentielle, der Auslandspressevereinigung, und im Press Club de France, schreibt sich ein in der Bibliothek des Instituts für politische Wissenschaft, bekommt Einladungen von Parteien und Verbänden, geht mit Pressereferenten und Vertrauensleuten déjeunieren, sucht die deutsch-französischen Altmeister Alfred Grosser und Joseph Rovan auf, nimmt teil an Plapperrunden im Fernsehen . . . Kurz, der Neuankömmling ist mitten drin im Pariser Zirkel, kaum hat er seine erste Baguette gegessen und einen Bummel im Jardin du Luxembourg gemacht.

Er wird schwer wieder herausfinden aus diesem verführerischen, teuflischen Kreis. Das ist nur zum Teil seine Schuld. Denn auch in seiner Heimatredaktion herrscht die Meinung, der Mann oder die Frau in Paris habe in erster Linie im gekiesten Innenhof des Elyséepalastes auszuharren oder die Klinken des Außenministeriums am Quai d'Orsay zu putzen, um bei aktueller Gelegenheit sofort Vertrauliches aus seinen Konfidenten herauszupressen. Bricht er einmal aus dieser Routine aus, tönt es sogleich: Was treibt der Kerl bloß in Vitrolles oder Vanves? Im traditionellen Korrespondentenbericht hat nun mal Monsieur Chirac vorzukommen und nicht der Auto-Arbeiter in Aulnay oder der Rapper in Aubervilliers.

Der Reporter bleibt also in Paris. Erkundet er aber doch einmal das flache Land, dann häufig im Troß eines wahlkämpfenden Politikers, geschützt von Leibwächtern, gefüttert auf "republikanischen Banketten", geleitet durchs Protokoll. Fremde Welt, fremdes Land, wird er vielleicht denken. Keiner hat all das schärfer kritisiert als der Schriftsteller und ebenfalls Paris-Korrespondent Niklaus Meienberg: "Wer liest, was Frankreich-Korrespondenten über Frankreich schreiben, der staunt. Der fragt sich, wie so viele so regelmäßig so gouvernemental über ein Land schreiben können, das so unablässig subversive Themen anbietet." Meienbergs Vorschlag: Jeder Journalist muß ein paar Monate bei Renault oder in einer Werft arbeiten und in der Vorstadt wohnen: "Die Überlebenden schreiben einen Erfahrungsbericht."

Dürfen wir uns also wundern, daß Frankreich noch immer als merkwürdiges Land erscheint und die Franzosen unverstandene Wesen bleiben? Hinzu kommt das Sprachproblem. Hüben wie drüben wird die jeweils andere Sprache immer schlechter gesprochen. Jahrzehnte der zweimal jährlichen Politgipfel, des Jugend-, Studenten- und Diplomatenaustauschs, der Goetheinstitute, der Städte- und Länderpartnerschaften, der Wirtschaftsräte, der Militär- und Kulturzusammenarbeit enden in der tristen Erkenntnis: Eigentlich kennen wir dieses Land nicht. Ob die Franzosen nun streiken oder demonstrieren, ob sie jubeln oder jammern - stets kommt es für uns unerwartet, bleibt es unbegreiflich. Wie können sie nur! Was bewegt sie? Droht eine Revolution? Die Abspaltung von Europa?

Die Frage stellt sich: Wer ist der Franzose? Am einfachsten tun sich Briten und Amerikaner mit einer Antwort. Von keiner Pflicht zur Rücksichtnahme gebremst, lassen sie ihren Vorurteilen freien Lauf. Franzosen? Die Störenfriede Europas! Die Parfüms mögen ja okay sein, Paris wonderful und die Küche great (Bouillabaisse oder Innereien ausgenommen), aber die Menschen! Eitel, stur, überempfindlich, schmutzig (deshalb die Parfüms!) und im Bett weit überschätzt. Trotz Ariane, TGV und Minitel sind die "Frogs" eben Zukunftsfeinde und Globalisierungsgegner und deshalb stets für Proteste zu begeistern. Ist nicht das jüngste Erfolgsbuch von Viviane Forrester "Der wirtschaftliche Horror" der beste Beweis? Schon ist das (Zerr-)Bild fertig, einprägsam und urteilsstark. Den Franzosen bleibt, sich zu ärgern und süffisant zu fragen, warum der angelsächsische Korrespondent ausgerechnet in diesem widerwärtigen Land mit seinen unmöglichen Bewohnern ein Schlößchen gekauft habe . . .

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