Es war ein Ritual, wie sonst nur Staatsoberhäupter es pflegen. Händeschütteln im Stehen, Blitzlichtgewitter, dann setzten sich die beiden Männer vis-a-vis und falteten die Hände im Schoß. Winzige Mikrophone wurden ihnen ans Revers gesteckt. Zwanzig Minuten sprach man unter vier Augen.

Der eine Mann trug einen blauen Anzug, eine rote Krawatte und blankgeputzte Schuhe; der andere erschien in einfacher Kluft: graues Hemd, blaugraue Jacke und Hose aus Drillich, Stoffschuhe. Das ist die Anstaltskleidung der Lois M. DeBerry Special Needs Facility, eines Staatsgefängnisses in Nashville für kranke und behinderte Häftlinge.

Der Herr im blauen Anzug war Dexter Scott King, 36 Jahre alt, jüngster Sohn des 1968 ermordeten farbigen Bürgerrechtlers und Pastors Martin Luther King Jr. Er sieht seinem Vater überraschend ähnlich und ist Vorsitzender einer Einrichtung, die im Sinne der friedlichen Bürgerrechtsbewegung der sechziger Jahre die Rassenschranken in Amerika weiter abbauen will. Und er gilt als der Sprecher der Familie King, bestehend aus der Mutter Coretta Scott King und drei Geschwistern.

Der Herr im blaugrauen Drillich war James Earl Ray, 69 Jahre alt, ein vorbestrafter Bankräuber. Er leidet unter einer schweren Leberzirrhose und wird nicht mehr lange zu leben haben. Seinerzeit gestand er, Martin Luther King am 4. April 1968 im "Lorraine Motel" in Memphis erschossen zu haben. Dafür wurde er zu 99 Jahren Haft verurteilt. Kurz darauf widerrief er das Geständnis und behauptete, er habe es lediglich auf Anraten seines Verteidigers abgegeben, um der Todesstrafe auf dem elektrischen Stuhl zu entgehen.

Martin Luther King - die Erinnerung an ihn ist so lebendig wie die an Mahatma Gandhi. In nahezu jeder amerikanischen Großstadt ist eine Hauptstraße nach ihm benannt. Ein nationaler Feiertag erinnert an ihn; nicht einmal John F. Kennedy wurde solche Ehre zuteil. Kein späterer Sprecher der Schwarzen kann sich mit ihm messen. Zweifellos hat er die Integration weiter vorangebracht als jeder andere.

Aber daß einer wie Ray ihn erschossen haben soll, und zwar ohne Mittäter, ohne Drahtzieher, ohne Geldgeber, das wollten schon damals nur wenige glauben. Ray war aus einem Gefängnis in Missouri ausgebrochen und befand sich auf der Flucht. Auf dem Gewehr, das als Tatwaffe galt, ließen sich seine Fingerabdrücke nachweisen. Das Gewehr wiederum wurde neben einer Pension gegenüber dem "Lorraine Motel" gefunden, in der Ray ein Zimmer gemietet hatte. Aber die damals angewandte ballistische Untersuchungsmethode war nicht ausgereift genug, um zweifelsfrei beweisen zu können, daß King mit ebendiesem Gewehr erschossen worden war. Und nach der Tat konnte Ray weiter fliehen - über Atlanta nach Kanada, Portugal und England, wo er schließlich festgenommen wurde. Schon damals sagte ein Freund des Opfers: "Unmöglich, daß ein weißer Ten-Cent-Junge einen schwarzen Millionen-Dollar-Mann allein ermordet."

Zum Treffen erschien Dexter Scott King, der Sohn, verspätet. Mühsam erhob sich Ray aus seinem Rollstuhl, und der junge King gab sich ehrerbietig: "Ich bin froh, Sie kennenzulernen. Vielen Dank, daß ich kommen und über Ihre Zeit verfügen durfte." Ray sprach nicht viel; einmal bemerkte er: "Mein Magen macht nicht immer mit, ich brauche einen kleinen Eingriff. Sonst - na ja, es geht eben so weiter." King füllte die Pausen, redete beiläufig von allem möglichem, nur nicht vom Tod des Vaters. Erst nach einer Viertelstunde tastete er sich vorsichtig an den Grund für die bizarre Begegnung heran. "Ich nehme an, daß unser Schicksal, das meines Vaters und das Ihrige, auf seltsame Weise verknüpft sind." Endlich fragte er rundheraus: "Haben Sie meinen Vater getötet?" Zunächst antwortete Ray ganz direkt: "Nein, nein, ich nicht, nein." Dann aber druckste er herum: "Manchmal sind solche Fragen schwer zu beantworten. So etwas muß man subjektiv bewerten."

Es war der erste Besuch eines Mitglieds der King-Familie bei dem Verurteilten. Zwei Interessen verbinden sich. Ray wünscht sich ein Wiederaufnahmeverfahren, um nun, nach 29 Jahren und kurz vor seinem Tode, doch noch freigesprochen zu werden. Und die King-Familie hofft, daß die vermeintlichen tatsächlichen Täter oder mögliche Hintermänner Rays aufgespürt und verurteilt werden. Viel Zeit bleibt nicht. Kurz nach Weihnachten war Ray schon für kurze Zeit in ein Koma gefallen.

Bislang hat sich auch noch kein Richter gefunden, der einen neuen Prozeß zuließ. Achtmal haben Rays Rechtsanwälte, vornehmlich William Pepper, die Wiederaufnahme beantragt. Der leicht erregbare Pepper ist Autor des Buchs "Orders to Kill" ("Mordbefehle"). Darin gibt er sich als Anhänger einer Verschwörungstheorie zu erkennen, derzufolge beim Mord an King "die Regierung eine Hand im Spiel" hatte. Siebenmal war die Wiederaufnahme rundheraus verweigert worden. Eben erst, Ende Februar, ist es Pepper gelungen, die Tür zu einem neuen Verfahren ein wenig aufzustoßen. Coretta Scott King, die Witwe, half ihm dabei. Zur achten Anhörung erschien sie persönlich, um den Richter am Berufungsgericht in Memphis zu bitten: "Machen Sie uns wenigstens ein bißchen Hoffnung auf ein Ende . . . auch wenn kein neues Licht ins Dunkel kommt, (. . .) wollen wir und die Nation doch die Genugtuung haben, daß in dieser Tragödie die Gerechtigkeit ihren Lauf genommen hat."

Joe Brown, der zuständige Richter, war schon zur Zeit des Mordes 1968 ein Anhänger Kings, wiewohl er ihn ein wenig "zu passiv" fand. Als King damals nicht bloß die Rassentrennung verurteilte, sondern auch gegen den Vietnamkrieg zu predigen begann, befiel Brown eine unheimliche Vorahnung. "Ich wußte, daß ihm etwas passieren würde", erinnerte er sich an damals.

Am Ende lehnte er einen neuen Prozeß doch noch ab. Gar so dünn waren die Indizien gegen Ray schließlich nicht gewesen. Bei jenem vor der Pension gefundenen Gewehr, einem Remington 30.06, fand sich auch ein Radio. In das Gehäuse des Geräts war Rays Gefängnisnummer eingeritzt - ein starkes Indiz, daß es sich um seine Habe handelte, die dort beim Tatort lag. Auf dem Remington-Gewehr wurden seine Fingerabdrücke gefunden. Und die Kugel, die King tötete, war vom selben Typ wie jene, die noch im Magazin des Gewehrs steckten. Brown konnte kaum ignorieren, was andere Richter bewogen hatte, ein neues Verfahren abzulehnen. Eine Wiederaufnahme bedarf handfester neuer Beweise. Aber immerhin ließ der Richter zu, daß die Waffe erneut untersucht wird. Allerdings muß seine Entscheidung erst noch von einem Appellationsgericht gebilligt werden.

Was er von den Verschwörungstheorien halte, wurde Dexter Scott King auf einer Pressekonferenz im Anschluß an das Treffen mit Ray gefragt. Er antwortete vieldeutig: "Ich bin nicht Oliver Stone." King hat bereits mit dem Regisseur der Kennedy- und Nixon-Filme verhandelt, unter welchen Bedingungen er sich einverstanden erklären könnte, daß das Leben seines Vaters verfilmt wird. In den Streifen über die beiden Präsidenten freilich hat Stone die Chance zur wahrheitsgemäßen Darstellung vertan.

Für geradezu "gefährlich" hält der King-Biograph Taylor Branch den Versuch, einen neuen Prozeß zu erwirken. "Dann wird aus dem Verbrecher Ray, der höchstwahrscheinlich den Finger am Abzug hatte und rassistisch motiviert war, das Opfer einer Staatsverschwörung."

Genau so hat Dexter Scott King den Verurteilten wohl jetzt schon gesehen. Während seines Gesprächs mit Ray im Gefängnis sagte er zunächst, er glaube ihm, daß er nicht der Mörder sei. Später fügte er hinzu: "Auf seltsame Weise sind wir beide Opfer."