Friedrich Meinecke nannte ihn Ende 1945 "einen der besten historischen Köpfe, die noch da sind". Ein überraschendes Urteil, denn bis zu diesem Zeitpunkt hatte der bereits 57jährige Ludwig Dehio kaum mehr als einige Aufsätze veröffentlicht in den zwölf Jahren des "Dritten Reiches", das er, mütterlicherseits von jüdischer Herkunft, als Archivar im Brandenburgisch-Preußischen Hausarchiv in Charlottenburg überlebte, war ihm jede Publikationsmöglichkeit genommen. Aber ebendies war es: Durch das erzwungene Schweigen hatte sich Dehio, anders als die allermeisten deutschen Historiker, nicht kompromittiert.

Noch vor Ende des Zweiten Weltkrieges war Dehio an das Marburger Staatsarchiv abgeordnet worden, zu dessen Leiter er im April 1946 ernannt wurde. Eine Berufung auf den Lehrstuhl Wilhelm Mommsens in Marburg lehnte er - nobel, wie er war - ab, weil er unter keinen Umständen als "nichtarischer Konjunkturritter" gelten wollte.

Seit Anfang 1947 lehrte er dort aber als Honorarprofessor für Mittlere und Neuere Geschichte. Gleichzeitig übernahm er mit der Herausgeberschaft der einst von Heinrich von Sybel begründeten Historischen Zeitschrift, deren erstes Heft erst wieder im Mai 1949 erscheinen konnte, eine der einflußreichsten Positionen in der deutschen Geschichtswissenschaft. 1957 trat er, durch ein Augenleiden behindert, diese Funktion an den Kölner Historiker Theodor Schieder ab. Wenige Jahre später starb er. Heute ist Ludwig Dehio so gut wie vergessen.

Dieser Außenseiter der Zunft ist nun wiederzuentdecken mit seinem bedeutendsten Werk, dem 1948 veröffentlichten Buch "Gleichgewicht oder Hegemonie" - ein erstaunlicher Wurf, der in der Kühnheit der Gedankenführung, in der Originalität der Interpretation und der Kunst der Sprache seinesgleichen nicht wieder gefunden hat.

Dehio sah in dem Wechselspiel zwischen einer labilen balance of power und dem Streben nach Vormacht das eigentliche Bewegungsgesetz des europäischen Staatensystems seit der frühen Neuzeit.

Fünfmal wurde demnach der Kontinent durch die wiederkehrende Tendenz zur hegemonialen Machtzusammenballung erschüttert: durch das Spanien Philipps II., das Frankreich Ludwigs XIV. und das Empire Napoleons I., schließlich durch das Deutschland Wilhelms II. und das "Dritte Reich" Hitlers. Und jedesmal waren es die "Flügelmächte", vorab das Inselreich England, später, seit Napoleon, Rußland und, mit dem Ersten Weltkrieg, auch die Vereinigten Staaten, die der stärksten Kontinentalmacht entgegentraten und sie in die Schranken wiesen. Mit dem Anlauf des nationalsozialistischen Deutschlands zur Weltherrschaft fanden diese Hegemonialkämpfe laut Dehio nicht nur ihre äußerste Steigerung, sondern zugleich ihr Ende. Europa hat seither seine Rolle als Zentrum des internationalen Staatensystems ausgespielt.

Für Dehio war die entscheidende Antriebskraft für das ständige Auf und Ab zwischen Hegemonie und Gleichgewicht, für den "Rhythmus von Dünungswellen und dazwischenliegenden Wellentälern", ein gleichsam naturwüchsiger, nicht bezähmbarer Machttrieb. Mit dieser Betonung von Macht und Machtpolitik stand der Marburger Historiker noch ganz in der Tradition des Großmeisters Leopold von Ranke, auch wenn er, im Unterschied zu diesem, Wirtschaft und Gesellschaft nicht gänzlich aus seinen Betrachtungen ausklammerte.