Der "Englische Patient" von Michael Ondaatje ist ein außergewöhnlich guter Roman und ein bemerkenswerter Film. Er schildert im Rückblick eines Sterbenden am Ende des Zweiten Weltkriegs dessen zwei Hauptleidenschaften: die Liebe zur Frau eines andern und zur ägyptischen Wüste. Dabei greift diese Liebesgeschichte ständig auf wirkliche Personen und wahre Gegebenheiten zurück, allen voran auf den Grafen Laszlo von Almásy, den tragischen Helden dieser Geschichte, und auf seine Reisen in der östlichen Sahara.

Wer dort heute als Wissenschaftler arbeitet, wandelt auf den Spuren der Romanfiguren. Diese waren denn auch lange vor Erscheinen des Films Gesprächsthema bei unseren monatelangen geologischen und archäologischen Geländearbeiten, bei Fahrten durch wegloses Gelände und auf der Suche nach Passagen durch Dünengebiete, Gebirgsplateaus und Täler. Vor diesen standen in den dreißiger Jahren auch die Protagonisten des "Englischen Patienten".

Die Filmfassung allerdings hinterläßt trotz ihres fesselnden Aufbaus, der vollendeten Aufnahmen und hervorragenden Schauspieler beim Sahara-Kenner gemischte Gefühle, ja, der halb dokumentarische Charakter und einzelne Elemente des Szenarios fordern zum Vergleich von Fiktion und Fakt geradezu heraus.

Warum ist gerade die östliche Sahara mehr als andere Regionen der größten Wüste der Erde so reich an außergewöhnlichen Gestalten, an Forschern wie Abenteurern, deren Namen eng mit den Örtlichkeiten verknüpft bleiben? Es mag an der geographischen Besonderheit, der gänzlichen Unbewohntheit und späten Erforschung der "Libyschen Wüste" Ägyptens und des Nordwestsudan liegen, des trockensten und leblosesten Teils der Sahara. Außerhalb der großen Oasen fehlt Wasser völlig. Seit Jahrtausenden gibt es in einem Gebiet, doppelt so groß wie ganz Deutschland, weder Siedlungen noch Beduinen und nur wenige Pflanzen, Tiere und Pfade. Selbst die alte Sklavenkarawanenroute vom Nordsudan nach Südägypten, die Darb el Arbain, die "Straße der vierzig Tage", wurde vor hundert Jahren aufgegeben.

Die erste wissenschaftliche Expedition in diese Wüste wurde im Winter 1873/74 von dem zu Unrecht oft als Abenteurer geschmähten Gerhard Rohlfs geführt. Erst fünfzig Jahre später folgte die Entdeckung des legendenumwobenen Jebel Uweinat, des höchsten Berges der östlichen Sahara, durch den ägyptischen Diplomaten Hassanein Bey. Zu gleicher Zeit erkundete Douglas Newbold, der Gouverneur der sudanesischen Darfur-Provinz, auf der letzten mit Kamelen durchgeführten Forschungsreise den südlichen Teil der Libyschen Wüste. Die flächenhafte Erforschung begann jedoch erst in den dreißiger Jahren mit den ersten geländegängigen Kraftfahrzeugen.

Die Pioniere waren hauptsächlich enthusiastische Laien auf der Suche nach verschollenen Oasen, Bergen oder Armeen.

So verbinden sich mit den Weiten dieser Wüste die Namen von englischen, ägyptischen, deutschen, italienischen und ungarischen Personen, die alle irgendwie in den Roman Eingang fanden. Da ist der Prinz Kemal ed Din Hussein, der auf den ägyptischen Thron verzichtete, um mit dem Geographen John Ball die Wüste seines Landes zu erschließen und der sich als erster im Januar 1926 mit Citroën-Raupenschleppern dem sagenumwobenen Gilf Kebir näherte, einem Sandsteinplateau von der Größe Korsikas in der Südwestecke Ägyptens. Oder der britische Offizier Ralph Bagnold, der in seiner Freizeit mit selbst umgebauten Fahrzeugen in die Wüste vordrang und als erster die östlichen Täler des Gilf Kebir für das Geographical Journal beschrieb. Peter Clayton war Inspektor beim Desert Survey und traf im April 1931 erstmals auf die geheimnisumwitterte Western Side of the Gilf Kebir. Der Deutsche Hans Rhotert machte mit Leo Frobenius die ersten wissenschaftlichen Aufnahmen der Felsbilder der Libyschen Wüste, deren Auswertung zum Teil im Bombenhagel des Zweiten Weltkrieges erfolgte und zur umfassendsten Darstellung dieser Felsbildkunst führte.