BERLIN. - Im Herbst 89 hatte ich Andrej zum letzten Mal gesehen.

Es war bei einer der zahllosen Diskussionen, die das Ende der DDR begleiteten. Zuvor war ich ihm gelegentlich bei seinen Eltern begegnet, dem Schriftsteller Stephan Hermlin und seiner Frau Irina, einer Russin, mit der Andrej nur russisch sprach.

Er ist sofort bereit, mit mir spazierenzugehen. Wenige Tage später ruft er mich an. Sein Vater sei gerade gestorben. "Ich hab' ihn sehr lieb gehabt", sagte er. Ihn tröste, daß der Vater auf ein erfülltes Leben habe zurückblicken können und daß er so schnell, ohne langes Leiden, gestorben sei.

Wir sprechen über den Vater. "Fußball hat er nie mit mir gespielt oder mir das Fahrrad repariert, trotzdem hatte ich als Kind ein sehr inniges Verhältnis zu ihm. Er hat mir vorgelesen und Geschichten erzählt. Wir haben zusammen Musik gehört."

Inzwischen ist das Kind 31 Jahre alt, verheiratet, Vater einer Tochter und erfolgreicher Jazzmusiker. Andrej Hermlin-Leder wohnt nicht weit von seinem Elternhaus, im Nordosten Berlins, in einem der schicken neuen Häuser, die hier zwischen die alten Häuser gebaut wurden. Die Mischung, sagt er, gefalle ihm.

Er empfängt mich vorm Haus. Ein großer, genau 1,91 Meter, junger Mann, allerdings nicht mehr so schmal, wie ich ihn in Erinnerung habe. Er habe zuviel Gewicht, seufzt er, "immer nur im Auto hocken oder am Telephon. Ich sollte viel häufiger so spazierengehen".

Wir fahren mit dem Lift in seine Wohnung im obersten Stock. Er stellt mir seine Frau vor, Bettina, und die einjährige Laura, von der die russische Großmutter behauptet, das Kind sähe sie mit seinen schönen blauen Augen verständnisvoll an, sobald sie ihm klassische Musik vorspiele. Bettina ist nicht nur Sängerin der Band, sondern auch Musiklehrerin: "Die Jungen sind in sie verknallt, und die Mädchen mögen sie", sagt Andrej stolz. Sie wirkt zu Hause mütterlich und häuslich, kaum wiederzuerkennen, wenn man sie in Andrejs Swing Dance Orchestra gesehen hat, wo sie im tief dekolletierten, seitlich geschlitzten Samtkleid, geschminkt und sexy, Jazzstandards aus den dreißiger Jahren singt.

Andrej sieht auch im Alltag so aus wie einer aus jener Zeit: der Haarschnitt, der Anzug mit Weste, die Krawatte passend dazu beim Spazierengehen ein langer dunkler Mantel und ein schwarzer Hut.

Andrej besitzt noch mehr Hüte, viele. Und er fährt, ganz comme il faut, einen Oldtimer: "Chevrolet Master de luxe von 1939, mit Werbung für die Band an der Seite, in Art-déco-Schrift." Zu Andrejs Band gehören Bettina und sieben Musiker, drei Bläser - Trompete, Klarinette, Saxophon - und Gitarre, Kontrabaß, Schlagzeug, am Klavier Andrej. "Wir spielen Swing, alles ganz originalgetreu, selbst die Mikrophone, die Pulte sind alt. Wir klingen und sehen aus wie eine amerikanische Swing-Band aus den späten dreißiger Jahren. Die Arrangements machen wir selbst. Wir spielen Sachen, die man kennt, und auch eigene Titel, aber die im Stil jener Zeit."

Die Band ist erfolgreich. Sie ernährt ihre Männer und ihre Frau, nicht nur mit Wasser und Brot.

So aufgeregt wie früher wirkt Andrej nicht mehr, aber er spricht noch immer so schnell, daß ich beim Zuhören kaum mitkomme. Ob er noch in der PDS sei, frage ich ihn. "Doch, doch. Ich bin im Februar 1990 eingetreten, als alle andern ausgetreten sind." Im Herbst 89 wollte ihn sein Freund Christian, Sohn von Jens Reich, überreden, beim Neuen Forum mitzumachen. "Ich war sehr dafür, daß es zugelassen wird, aber es vertrat politisch nicht ganz meine Linie. Mein Weg war mehr der von Gorbatschow. Und dann sah ich eine Demonstration von SED-Mitgliedern, nicht eine der üblichen SED-Veranstaltungen, sondern das war die Basis, die etwas ändern wollte, und ich sagte mir: Da muß ich hin." Anfang Februar ging er zur Pankower Kreisleitung der SED/PDS: "Eine Frau empfing mich, Berge von Parteidokumenten vor sich von Leuten, die alle austreten wollten. Als ich zu ihr sagte, ich möchte eintreten, starrte sie mich an, als käme ich vom Mars."

Auf der ersten Gruppenversammlung erklärte er, warum er eintreten wolle: "Wegen Gregor Gysi, Gorbatschow und wegen meines Vaters."

Damals war er 25. Vermutlich hätte er in der PDS Karriere gemacht.

Er kann reden. Stasi-Enttarnungen waren bei ihm nicht zu befürchten.

Er wurde in den Landesvorstand der Berliner PDS gewählt und für die Wahl zum Abgeordnetenhaus nominiert. Doch dann zog er sich zurück. Musik war ihm wichtiger, sie war es ihm schon immer.

Schon mit drei, vier Jahren hat er sich für Jazz interessiert.

"Mein Vater hatte vielleicht vier oder fünf Jazzplatten. Wenn er eine davon auflegte, dann hörten die Eltern schon oben mein Tapp, Tapp, Tapp. Ich kam die Treppe runter und setzte mich neben den Lautsprecher. Klassische Musik höre ich von außen. Jazz ist wie ein Körperteil von mir. Wenn man mir das wegnehmen würde, würde ich vermutlich sterben. Als ich zwölf war, hat mir Hans-Joachim Friedrichs einmal fünfzehn Jazzplatten mitgebracht. Die habe ich heute noch."

Und dann erzählt er von einem Dialog mit dem Vater. Er war sechs: "Die DDR ist das beste Land der Welt." Der Vater: "Warum?" - "Sozialismus ist doch besser als Kapitalismus." Der Vater: "Kann man so sagen."

- "Und da ist die DDR am besten." Der Vater, zögerlich: "Na ja . . ."

- "Also ist die DDR das beste Land der Welt." Der Vater: "So kann man das nicht sagen."

Bei Hermlins ging es immer um Politik und Literatur. Wer denkt, ein Dreißigjähriger sei zu jung, um schon viel erzählen zu können, kennt Andrej nicht. Schließlich hat er schon mit sechs Jahren Pablo Neruda, einen Freund seines Vaters, kennengelernt, und das nicht etwa in Berlin, sondern Vater und Sohn haben ihn in Paris besucht, wo Neruda Chile als Botschafter vertrat. "Ich sehe sein Gesicht noch so deutlich vor mir, daß ich es malen könnte. Als der Putsch in Chile war, habe ich furchtbar geheult, damals war ich acht Jahre alt. Habe genauso geheult, als Willy Brandt zurückgetreten ist. Damals ging ich in die zweite Klasse."

Nie vergessen wird Andrej den großen Friedenstreff 1987 in Moskau, zu dem ihn sein Vater mitgenommen hatte. Da traf er auf Gregory Peck, Gromyko und Schewardnadse. "Wir frühstückten mit Frisch und Dürrenmatt. Auf dem Weg zur Abschlußveranstaltung trat Marcello Mastroianni mir auf den Fuß und sagte: Scusi. Hinter uns saß Sacharow, neben mir Claudia Cardinale."

Obwohl gerade elf, hat Andrej die Biermann-Affäre sehr bewußt erlebt. "Ich hatte Angst vor einer Mathe-Arbeit, sagte deshalb dem Lehrer, ich sei krank." Vor der Haustür wunderte er sich über die vielen Autos. Seine Mutter benahm sich ungewöhnlich.

"Meine typisch russische Mama, die immer so besorgt um mich war, wenn ich etwas hatte, sagte ungeduldig: ,Ja, ja, schon gut, geh nach oben.`" Andrej hockte sich statt dessen in die Garderobe, und was er durch einen Vorhang beobachtete, schrieb er in ein Oktavheft: "Heym sitzt an der Schreibmaschine, Papa steht hinter ihm." Und: "Christa Wolf geht in die Küche." Seine Mutter hat später vorsichtshalber das Heft verbrannt. "Wäre gar nicht nötig gewesen, die Stasi hat jedes Wort mitgehört. Erst neulich hat jemand auf dem großen Sessel gesessen, und plötzlich machte es: plom, plom - da fielen zwei Wanzen aus dem Sessel."

In der Schule sagte der Klassenälteste zu ihm: "Da hat sich dein Vater aber was geleistet!" Das sei so eine Mischung von Bewunderung und Empörung gewesen. Ein paar aus der achten Klasse pöbelten ihn an: "Ihr Konterrevolutionäre! Haut doch ab!" Andrej: "Ich war immer ein bißchen Außenseiter, das habe ich auch ausgenutzt."

In der vierten Klasse lautete ein Aufsatzthema: "Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen". Er schrieb: "Wir müssen lernen, was Stalin angerichtet hat, daß er Millionen Kommunisten umgebracht hat, daß das nie wieder passieren darf." Es war das erste Mal, daß er eine Vier bekam.

Damals ging er in eine Schule mit erweitertem Russischunterricht.

Später machte er auf der Ossietzky-Schule sein Abitur, jener Schule, über die wir Korrespondenten immer mal wieder berichteten, wegen ihrer aufmüpfigen Schüler. Doch Andrejs Leidenschaft galt der Musik. Seit seinem siebten Lebensjahr hatte er Klavierunterricht, fand sich aber viel zu schlecht, um sich für ein Musikstudium zu bewerben. Das besorgte jedoch hinter seinem Rücken ein Freund.

"Ich kam zum Chef der Jazzabteilung, Herrn Wonneberg. Der war ein Swing-Fan und selig, daß einer mit achtzehn nicht Rock oder Pop, sondern nur Swing, Swing, Swing im Kopf hatte." Bei der Prüfung fiel er durch. "Ich ging ein paar Wochen später noch mal zu Wonneberg, fragte ihn, ob es Sinn habe, es noch einmal zu versuchen. Der wunderte sich, daß kein Beschwerdebrief vom Vater gekommen war.

Das hätte mein Vater nie gemacht. Hätte ich mir auch schwer verbeten.

Ich konnte mit in den Westen fahren, hatte satte Privilegien.

Aber alles andere wollte ich allein machen."

Nach einem halben Jahr bestand er die Prüfung, mußte jedoch vorher anderthalb Jahre Armee absolvieren, in der man, wie er gehört hatte, den Sohn des Dirigenten Kurt Sanderling als Judenschwein beschimpft hatte. Andrej war ähnliches bereits in der Schule passiert, als Kinder ihn mal während der Wehrerziehung Jude gerufen hatten.

Da hatte der zuständige Funktionär gesagt, auch er sei Jude. "Ich fragte: Wußte ich ja gar nicht, daß du Jude bist? Da sagte der: ,Immer wenn ich saufe und hinterher das Kotzen kriege, dann bin ich Jude.`" Andrej wurde allerdings eher als "Russenpiepel" angepöbelt, seiner russischen Mutter wegen.

Übergangslos fängt er wieder von seiner Band an: "Die habe ich schon während meines Musikstudiums gegründet." Seit Sommer 88 tritt sie regelmäßig auf. "Wir hatten einen Auftritt in der Musikhochschule.

Da hörten uns Leute, die sagten: ,Kommt mal zu uns!` Ein Konzert gab das nächste. In der Musik ging es in der DDR relativ freizügig zu." Damals spielten sie als Amateure, zwei Monate nach der Wende wurden sie Profis.

"Unseren tollsten Auftritt hatten wir beim Staatsempfang zum 40.

Jahrestag der DDR, Oktober 89. Viele haben gesagt: Kannst du nicht machen. Aber ich wußte, warum. Ich wollte eine Rede halten, habe ich auch gehalten. In einem der Säle, wenn auch nicht in dem, in dem Honecker saß, sagte ich in etwa: "Bevor wir hier mit dem Swing anfangen, möchte ich ein paar Worte zu Ihnen sagen. Sie sehen vor der Tür die Demonstration. Dies ist heute kein Tag zum Feiern. Wir sind heute hier zusammen, aber morgen müssen wir dafür sorgen, daß sich was ändert." Ein Drittel klatschte Beifall, der Rest verließ den Saal.

"Heute sind wir gut im Geschäft. Wir treten vor allem in Berlin auf, spielten aber auch schon auf dem Bundespresseball in Bonn.

Wir spielen in verräucherten Jazzclubs und im Operncafé. Was wir spielen, klingt wie Benny Goodman, wie Glenn Miller oder Tommy Dorsey."

Das Gerede von der Ost-West-Trennung geht ihm auf den Geist: "Das ist eine Scheindiskussion, künstlich gezüchtet, um von den wirklichen Problemen abzulenken. Ich kann das nicht mehr hören: Die Westler würden hier alles aufkaufen, die Ostler können angeblich nicht arbeiten. Natürlich: Es gibt klassische Konflikte. Die einen ziehen die andern über den Tisch, aber die lassen sich eben auch ziehen."

Das Dilemma der Menschen in den neuen Bundesländern sei: Sie fühlen sich im eigenen Haus nicht heimisch. "Eine Kollegin von Bettina sagt: ,Ich wohne seit vielen, vielen Jahren in der Schönhauser Allee. Jetzt fühle mich in der Straße aber nicht mehr zu Hause.`"

Alles in allem sei er noch nie im Leben so unpolitisch gewesen wie jetzt. "Ich bin zu zufrieden, zu satt. Würde der Andrej von 1987 den Andrej von 1997 sehen, er würde ihm nicht gefallen. Das System macht die Menschen mit allen möglichen Dingen zufrieden, es sind genug Überdruckventile da, um Dampf abzulassen. Der Sinn des Lebens verflüchtigt sich, bleibt nur das Kind, die Band.

Wie habe ich mich in Staatsbürgerkunde manchmal mit den Lehrern angelegt! Jetzt muß ich sagen: Manches war richtig."

Die Angriffe des Literaturkritikers Corino gegen seinen Vater findet er ungeheuerlich: "Weil ich es besser weiß. Aber es ist nichts Neues für mich. Ich kenne frühere Angriffe von SED-Leuten, weil Vater Dinge gesagt hat, die andere nicht gesagt haben. Und die Angriffe aus dem Westen, weil der die DDR nicht verlassen hat. Mich stört, daß vor allem die ihn angreifen, deren gefährlichste Entscheidung im Leben vermutlich war, bei Rot über die Straße zu gehen. Mein Vater hat aber auch sehr viel Solidarität erfahren."