Bundeskanzler Konrad Adenauer reagierte zunächst arrogant: "Zur Beurteilung dieser Erklärung muß man Kenntnisse haben, die diese Herren nicht besitzen. Denn sie sind nicht zu mir gekommen." Marion Gräfin Dönhoff, immer wacker die Fahne der Liberalität verteidigend, konterte in der ZEIT: "Merkwürdig, wir dachten, in einer Demokratie könne jeder seine Meinung sagen, sogar zu außenpolitischen Fragen - sogar, wenn er nicht zuvor beim Regierungschef war."

Nachdem sich sein erster Schreck gelegt hatte, vermochte Adenauer den Göttinger Appell geschickt zu parieren. Zunächst lud er einige der Atomforscher zu einem Gespräch nach Bonn ein. Am Vormittag des 17. April erschienen neben Hahn und Laue die Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker, Walther Gerlach und Wolfgang Rietzler vor dem Palais Schaumburg. Der 44jährige Weizsäcker war Initiator und Organisator des Appells, "Drahtzieher" in Straußens Jargon.

Hahn deutete auf Adenauers Regierungssitz und meinte halb scherzend, halb bedenklich: "Wer weiß, ob er uns wieder herausläßt." Im Konferenzzimmer wurden die Professoren von zehn Männern erwartet, darunter Adenauer und Strauß, drei Staatssekretäre und zwei Generäle - zehn gegen fünf, wie Hahn gleich bemerkte. Adenauer widmete den Wissenschaftlern immerhin volle sieben Stunden. "Lange Einführung Adenauers: sehr versöhnlich und überlegt", notierte Hahn. "Aufgeregter und weniger gewandt: Herr Strauß . . . In einer Pause hielt mir Minister Strauß im Garten eine Standpauke. Was ich angestellt hätte, ersähe man ja wohl aus dem ,Triumphgeschrei` der Kommunisten."

Generalleutnant Adolf Heusinger erläuterte den Atomforschern auf einer großen Weltkarte mit dem Nordpol in der Mitte sowie vor einer Europakarte das militärische Kräfteverhältnis zwischen Ost und West. Es sei notwendig, die gesamte Nato, also auch die Bundeswehr, mit Atomwaffen auszurüsten. Nur so ließen sich die an Zahl weit stärkeren sowjetischen Truppen von einem Angriff abschrecken.

Was die Gäste nicht wußten: Intern äußerte sich Heusinger viel nachdenklicher.

Hahn faßte noch einmal zusammen, was der Appell bezweckte. Weizsäcker bemerkte, es sei sinnlos, andere aufzufordern abzurüsten, wenn man es selber nicht tue. Am Ende akzeptierten alle Beteiligten ein gemeinsames Kommuniqué. Die Regierung stellte - wahrheitswidrig, wie noch ausgeführt wird - "klar", daß die Bundesrepublik keine Atomwaffen produzieren wolle und man daher auch keine Veranlassung habe, an deutsche Atomphysiker mit einer Aufforderung zum Bombenbau heranzutreten. Außerdem betonte die Regierung, daß sie sowieso auf eine umfassende Abrüstung hinarbeite. "Der Bundeskanzler sprach den Wunsch aus, in diesen Fragen mit Vertretern der Wissenschaft in Verbindung zu bleiben . . . Die Vertreter der Wissenschaft begrüßten den vom Bundeskanzler ausgesprochenen Wunsch." Und so schien denn alles wieder in Ordnung zu sein.

Erfolgreich konnte Adenauer in den folgenden Monaten die Öffentlichkeit von einer Arbeitsteilung der folgenden Art überzeugen: Die Atomforscher folgten der Stimme ihres Gewissens und handelten aus ehrenwerten Motiven als Kanzler müsse er sich jedoch den harten Notwendigkeiten der Politik stellen. Im Kern wollten aber alle dasselbe, nämlich echte Abrüstungsvereinbarungen. In einem Vortrag attestierte Weizsäcker dem Kanzler auch genau dies: "Das wichtigste an diesem Gespräch war für uns Wissenschaftler ohne Zweifel der tiefe Eindruck, den wir bekommen haben, von der Stärke der Sorge des Bundeskanzlers vor der Atomrüstung in der Welt, von der Aufrichtigkeit seines Strebens nach Abrüstung." Mit dem heutigen Kenntnisstand wird deutlich: Adenauer hatte die Wissenschaftler eingeseift. Seine Politik erstrebte nämlich etwas ganz anderes.