Seit dem Start vor über fünf Stunden war Erik Zabel damit beschäftigt, nicht müde zu werden. Ausreichend zu trinken, rechtzeitig zu essen, keine Kraft zu vergeuden. Mailand-San Remo ist das erste klassische Straßenrennen der Saison, zugleich ist es mit 294 Kilometern das längste. Es gibt keinen Radrennfahrer, der nicht einmal davon geträumt hat, es zu gewinnen.

In den Steigungen der Riviera Caps beginnt das Finale. Noch gut eineinhalb bis San Remo. Erik Zabel liebt diese kurzen, harten Steigungen nicht, zählt für sich "noch fünf, noch vier, noch drei . . ."

Als vorletzte kommt die Zypressa, das ist die schlimmste. "Jetzt bloß nicht noch abgehängt werden", denkt er, und zum erstenmal an diesem Tag erscheint der Schatten eines Traumes in seinem Bewußtsein . . .

Drei Wochen später geht für ihn in einem Hotel bei Gent, wo sich ein Teil des Teams Telekom wieder auf ein Rennen vorbereitet, ein Arbeitstag zu Ende. Wie jeden Abend auf der Massagepritsche.

Am Vormittag haben sie viereinhalb Stunden trainiert, gut 180 Kilometer. "Das ist mein Lebensinhalt", sagt Erik Zabel und kneift dabei kurz die Augen zusammen, weil die Hände des Masseurs gerade tief in das Gewebe seiner Beinmuskulatur hineingreifen.

"Wenn das nicht der Lebensinhalt ist, steht man diese Rennen nicht durch. Dafür sind sie zu schwer." Er lebt dafür, aber trotzdem hatten sie ihn bei der Rundfahrt Tirreno-Adriatico abgehängt auf der letzten Etappe gab er auf. Danach hatte sein Körper zwei Tage lang Zeit, sich für Mailand-San Remo zu erholen.

Als Erik Zabel 1992 mit 22 Jahren Berufsrennfahrer wurde, dachte er nicht daran, sich auf dem Rad eine Existenz aufbauen zu können.

Er wollte das ausprobieren, zwei, drei Jahre, und dann sehen, was er als Rennfahrer wert sei. Er war schnell. So schnell, daß er seine Träume einholte, ehe ihm richtig bewußt geworden war, daß er sie überhaupt hatte. In seinem zweiten Profijahr gewann er gleich eines der klassischen Straßenrennen, Paris-Tours. Im folgenden Jahr wurde er Etappensieger bei der Tour de France, im vergangenen Jahr Gewinner des wertvollen grünen Trikots bei der Tour de France als spurtstärkster Fahrer.

"Das waren schon Träume", sagt er, "aber das sind ja auch Sachen, über die man nicht offen spricht." Bei Eintagesrennen wurde er der Kapitän seines Telekom Teams. Die anderen schuften für ihn während des Rennens, damit er seine Kräfte für das Finale aufsparen und ihrer aller Arbeitgeber die erwünschte Publizität präsentieren kann. Von seiner Spurtschnelligkeit hängt der Erfolg des Teams, hängen Arbeitsplätze ab.

"Hinter jedem Rennfahrer steht ja eine Familie", sagt er, "und wenn die sich im Rennen für dich den Arsch aufreißen und du versagst, dann kriegst du schon Schuldgefühle. Dann mußt du auch Rückgrat haben und dich vor der Mannschaft entschuldigen." Nicht, daß es am guten Willen gemangelt hätte. Das Problem sei nur, daß man sich in den letzten ein bis zwei Stunden eines Rennens am Rande äußerster Erschöpfung bewege. "Und wenn du am Limit fahren mußt", sagt Zabel, "gibt es nie eine Garantie, wie lange du das an diesem Tag aushältst."

Manchmal weiß er schon während des Rennens, daß er es nicht aushält.

Dann gibt er seinem Team freie Fahrt und macht die Arbeit im Feld, die sonst für ihn gemacht wird, für andere. Die Domestiken, wie die Dienstleistungsfahrer jedes Teams genannt werden, sind ja auch gute Radrennfahrer und nicht bloß eine Art "rollender Materialwagen" für den Chef. "Jedenfalls ist das meine Meinung. Und wenn jetzt bei Mailand-San Remo das Team nicht so gut für mich gearbeitet hätte . . ."

Die Zypressa lag hinter ihnen. Er fühlte sich immer noch frisch.

Nun kam nur noch der Poggio. Vierzig Fahrer waren an der Spitze übriggeblieben. Bloß jetzt keine Gruppe weglassen, dachte er.

Und: Irgendwie muß ich den Poggio mit der Spitze hochkommen. Er fuhr die ganze Zeit schon am Limit . . .

Das war es, was sein Vater damals gemeint hatte. "Paß uff", sagte sein Vater, "entweder du machst et richtich, oder du machst et jahnich." Erik war elf. Sie lebten noch alle in Ost-Berlin. Sein Vater war selbst Radrennfahrer gewesen.

Erik hatte Talent, kam in den Kader, die Nationalmannschaft. Im Sommer sah er manchmal heimlich eine Etappe der Tour de France im Westfernsehen bei SFB III. Die Berge, die Streckenlängen, das war alles beeindruckend, doch es sagte ihm nichts. Schon gar nicht rief es Wünsche in ihm wach. "Das war nicht besser als unsere Friedensfahrt", sagte er, "hatte man uns jedenfalls eingebleut."

Als die Mauer fiel, war es nicht so, daß er nun "Hurra, auf zur Tour de France!" geschrien hätte oder auf die Radsportmythen losgesaust wäre, Paris-Roubaix, Mailand-San Remo. "Man war ja doch 'n Kind aus dem Osten. Als ich 1990 von Berlin nach Dortmund ging, kam ich mir zuerst wie 'n Verräter vor."

Sollte er das wirklich tun? Er kam von der Ardennen-Rundfahrt nach Berlin zurück und zeigte seinem Vater die Visitenkarte, die ihm der sportliche Leiter eines Dortmunder Radsportklubs gegeben hatte. Ob er nicht dorthin kommen wolle. "Mein Vater mußte sich erst mal hinsetzen, als er den Namen auf der Karte las. Mensch, Hennes Junkermann, stöhnte er nur. Er erzählte mir, was das für 'n großer Renner gewesen war, und es ist mir heute noch peinlich, daß ich damals nicht wußte, wer Junkermann war."

Also fuhr er ab 1990 für den OSC Dortmund und fand sein Lebensglück.

Nicht auf den legendenumworbenen Landstraßen von Flandern, sondern beim Amateurrennen Westfalenpreis Dortmund. Er mußte es einfach gewinnen, weil ihn die junge Frau am Straßenrand jedesmal, wenn er vorbeikam, begeistert anfeuerte. Nach dem Rennen fuhr er hin, um sich bei ihr zu bedanken, und dann hatte sie gar nicht ihn, sondern ihren Bruder Wolfram gemeint, der mit ihm in der Spitzengruppe fuhr und dem er den Sieg wegschnappte. Cordula hat ihn dann aber trotzdem geheiratet, und inzwischen haben sie einen Sohn.

Wenn seine Frau Angst um ihn hat, dann nur, wenn er vom Training nicht zur ausgemachten Zeit zurück ist, aber niemals beim Rennen.

Dabei meinen selbst viele Rennfahrer, daß die Art, auf die Erik Zabel seine Rennen gewinnen müsse, die gefährlichste im Radsport sei. Nämlich im Massensprint des großen Feldes. Die Straße ist eigentlich immer ein bißchen zu schmal, wenn sie mit siebzig Sachen über den letzten Kilometer sausen. Aber keine Lücke scheint ihnen schmal genug.

"Ich habe den Nerv und die Moral, mich voll mit Adrenalin in so einen Spurt zu werfen. Das ist ein kontrollierbares Risiko. Die Rennen in Flandern sind gefährlicher. Wenn du auf diesen Straßen mit ihren Steinen und Löchern zehn Sekunden nicht konzentriert genug bist, kannst du schlimm stürzen. Aber wenn ich im Sprint entscheide: Nee, die Lücke ist mir zu klein, da brems' ich lieber, macht mir niemand hinterher einen Vorwurf."

Er erhebt sich von der Massagepritsche und geht noch zu den Mechanikern hinunter, die vor dem Hotel den ganzen Tag an den Rädern gearbeitet haben geschraubt, gereinigt, justiert. Da sitzt er gerne und redet. Über Rennen, Räder, technische Details. Seinen Beinen sieht man die Explosivkraft nicht an, aber beim Spurt auf der Zielgeraden von San Remo haben sie eine Übersetzung von 53

11 getreten 53 Zähne vorne, auf dem Kettenblatt, 11 hinten. Das Rad legt dann bei einer Pedalumdrehung "mehr als zehn Meter zurück . . .".

Als sie den Poggio herunterkommen, beschäftigt sich Erik Zabel zum erstenmal an diesem Tag mit der Möglichkeit, das Rennen zu gewinnen. Der rote Lappen über der Straße, der letzte Kilometer.

Auf einmal besteht das Rennen nur noch aus einem zischenden Asphalttunnel, der schmaler werdend zwischen einer Wand aus Geschrei auf das Ziel zuführt. Bloß keinen Fehler machen, bloß nichts versauen, schießt es ihm durch den Kopf. Die letzte S-Kurve, noch vierhundert Meter. Hundert Meter in gut fünf Sekunden. Eine Lücke, er stößt hindurch und fährt und fährt und kein Atmen hinter ihm, kein Schatten neben ihm auf der Straße. "Und dann kam auch niemand mehr." Der Traum war Wirklichkeit geworden.

"Nach so einem Erfolg fällt man immer kurz in ein Loch", sagt er drei Wochen später in Gent. "Aber mal so richtig fallen lassen kann man sich nicht. Dann kommt man im nächsten Rennen schon nicht mehr an." Die ergrauten Mechaniker nicken dem jungen Kapitän zu, der in der Welt, die ihr Leben ist, sein Glück gemacht hat.