Von übertriebener Höflichkeit zeugt es nicht, daß die Vereinigten Staaten den Chefsessel in ihrer Bonner Botschaft seit nunmehr fast einem Jahr unbesetzt ließen. Sensiblere Gemüter könnten in der Vakanz gar ein Zeichen mangelnden Respekts entdecken. Zu tiefgreifender Verstimmung besteht jedoch kein Anlaß. Der US-Präsident läßt auch andere wichtige Länder auf seine diplomatischen Vertreter warten.

Er zögert, weil er - nach einigen Pannen - mit seinen Personalentscheidungen im zustimmungsberechtigten Senat ganz sichergehen will. Zumindest im deutsch-amerikanischen Verhältnis klaffen dennoch keine Kommunikationslücken.

Wirklich wichtige Dinge regeln Bill und Helmut ohnehin im Direktverkehr.

Doch nun hat der Präsident entschieden. John Kornblum soll im frühen Sommer Washingtons Botschafter am Rhein werden. Noch muß der Auswärtige Ausschuß des Senats sein Plazet geben. Gegen Clintons Vorschlag dürfte jedoch nicht einmal der häufig sperrige Ausschußvorsitzende Jesse Helms Einspruch erheben. Kornblum bringt für den Bonner Posten einfach zu überzeugende Voraussetzungen mit. Sein diplomatisches Geschick hat er in den vergangenen drei Jahren auf besonders glattem Terrain perfektionieren können. Als Amerikas Chefvermittler für Bosnien mußte der Leiter der Abteilung für europäische und kanadische Angelegenheiten im State Department eine Art Sisyphusrolle ausfüllen.

Mehr als ein Dutzend Verhandlungsrunden mit Milosevic verlangten ihm ein Maximum an Selbstbeherrschung ab. Die Mühen könnten sich demnächst als mentales Training für seine künftige Aufgabe erweisen.

Die Deutschen werden Kornblums Geduld und Vernunft zwar nicht auf die gleichen Proben stellen wie die Bewohner des Balkans.

Überraschungen wird John Kornblum aber auch hierzulande einkalkulieren.