Im quadratischen Klosterhof von Cismar hallen Schritte. Die sonntäglichen Kirchgänger verlassen die große gotische Steinkirche. Um bis zum Stufengiebel zu blicken, der mit seinen Backsteinzähnen in den Himmel beißt, muß man den Kopf schmwerzhaft in den Nacken legen, so hoch sind die Mauern. Danach kehrt wieder morgendliche Stille ein zwischen den drei Gebäuden, die das Rasenviereck im Klosterhof säumen.

An der Südseite wird der Hof begrenzt vom langgestreckten, zweigeschossigen Brunnenhaus, so benannt nach der Quelle, die in seinem Keller sprudelt. In dem Bau waren einst die Wirtschaftsräume des Klosters untergebracht, darüber lag das Refektorium, der Speisesaal der Mönche. Auch heute wird hier wieder gespeist. Im Erdgeschoß des Brunnenhauses gibt es ein Café. Im ersten Stockwerk leben vier Künstler, die das Land Schleswig-Holstein mit einem Stipendium für ein bis sechs Monate in die Abgeschiedenheit "diesseits des Meeres" schickt. Zur Zeit sind es zwei Konzeptkünstlerinnen und zwei Literaten, die hier, sieben Kilometer nordöstlich des Ostseebades Grömitz, arbeiten.

Eine von ihnen ist die 52jährige Hamburger Dichterin Frederike Frei. Vom Fenster ihres Ateliers im Dachgeschoß blickt sie auf den Wassergraben, der das Kloster umgibt. "Schlittschuh sind wir darauf gelaufen, als es so kalt war", sagt sie. Dahinter liegt der kleine Wall, einst Schutz gegen die Ostsee. Er grenzt an die Wiese, die zu Bauzeiten des Klosters noch Ostsee war. Jetzt ist das Meer vier Kilometer weit weg; so weit, daß man es nicht mehr sehen kann, obwohl das flache Land dem Blick nichts in den Weg stellt.

Für sechs Monate lebt Frederike Frei im Kloster. "Ein Geschenk des Himmels" nennt sie die Möglichkeit, sich hier in Ruhe nur aufs Schreiben konzentrieren zu können, "eine Belohnung!" Ganz anders empfanden die Benediktinermönche, die das Kloster Mitte des 13. Jahrhunderts aufbauten. Sie waren aus Lübeck strafversetzt worden, angeblich wegen ihres lockeren Lebenswandels, hatten sie doch mit Nonnen in ein und demselben Kloster gelebt.

Wahrscheinlicher ist jedoch, daß sie aus politischen Gründen aus der damaligen Weltstadt Lübeck vertrieben wurden. Zu jener Zeit spalteten sich die Zisterzienser von dem Benediktinerorden ab, um zur reinen, strengen Lehre zurückzukehren. Die Zisterzienser gewannen die Oberhand, die aufmüpfigen Benediktiner wurden exkommuniziert. In die Einöde am Meer geschickt, so hoffte man, würden sie Ruhe geben. Oder zumindest nicht zu hören sein.

Zunächst übten sich die streitbaren Mönche in passivem Widerstand, bauten nur eine kleine Kapelle und ein paar Unterkünfte. Doch als ihnen 1256 alle Rechte und Güter wieder zuerkannt wurden, legten sich die frommen Männer ins Zeug. Befestigte Gebäude entstanden, ein Graben wurde ausgehoben, ein Hafen gebaut. So entstand in Cismar eine der größten Klosteranlagen Norddeutschlands.