Catherine Genovese, Ende Zwanzig, war auf dem Weg nach Hause, als ein Mann sie anfiel. Zunächst konnte sie sich befreien, tatsächlich begann ihr langes und öffentliches Sterben. Der Mann verfolgte die junge Frau mehr als eine halbe Stunde lang durch ihr Wohnviertel. Er attackierte sie mehrmals, bis er schließlich ihre Hilferufe mit Messerstichen beendete. Achtunddreißig Nachbarn beobachteten die Tat von ihren Fenstern aus. Niemand rief die Polizei.

Dieser Mord geschah im New Yorker Stadtteil Queens. Im Jahre 1964.

Hamburg, 33 Jahre später. In der S-Bahn wird nachmittags ein 17jähriges Mädchen vergewaltigt. Nach den Ermittlungen der Polizei geschah die Tat in einem Waggon, in dem Sichtblenden die Bänke trennen. Das Opfer rief nach Hilfe. Niemand griff ein. Niemand rief die Polizei, obwohl es an mehreren Haltepunkten möglich gewesen wäre. An der Endstation stiegen Fahrgäste zusammen mit dem weinenden Mädchen aus.

In beiden Städten empörte sich die Öffentlichkeit: Warum waren die Zeugen so herzlos? Warum sprang niemand den Opfern bei, warum holte niemand Hilfe?

Die New York Times stellte diese Frage damals allen 38 Zeugen und erhielt nur ausweichende Antworten. Die Zeitung schloß daraus, die Zeugen hätten sich aus purer Gleichgültigkeit passiv verhalten. Die Amerikaner seien auf dem besten Weg, ein Volk von "abgebrühten Egoisten" zu werden. Das alles sei eine Folge der "Entmenschlichung" und der "Entfremdung des Individuums von der Gruppe". In der "cold society" schere sich eben niemand mehr um den nächsten. A. M. Rosenthal, Chefredakteur der New York Times, widmete dieser These ein ganzes Buch.

Genauso argumentiert 33 Jahre später Susanne Gaschke in der ZEIT Nr. 17/1997. Sie diagnostiziert eine "ichbezogene Wegschau-Gesellschaft", die sogar den Blick senkt, wenn im selben S-Bahn-Waggon eine Frau vergewaltigt wird. Als Grund dafür macht sie einen Verlust des Normengefüges in der Gesellschaft aus, da "zivilisatorische Rituale" lange Zeit als "Ausdruck gesellschaftlicher Repression denunziert" worden seien.