Montag, 26. April, Markttag, früh am Nachmittag, die deutschen Flugzeuge der Legion Condor bombardierten Gernika dreieinhalb Stunden, in einander abwechselnden Formationen. Die Stadt wurde abgebrannt und vollständig vernichtet. Es gab 1650 Tote, ausschließlich Zivilisten . . .

Paul Eluard Auszug aus "Gernika 1937 - Une Revue Lyrique" der Anna Prucnal Kompanie, Höhepunkt eines dreitägigen Symposiums der IG-Medien in Berlin: "Gernika - Geschichte und Gedächtnis". Aufgeführt am 12. April im Theater Karlshorst, dem ehemaligen Theater der Offiziere der Roten Armee. Für dieses Spektakel ein symbolischer Ort, da die deutsche Aggression mit der Zerstörung Gernikas begann und in Karlshorst zu Ende ging.

Am 26. April 1937 eröffneten drei italienische Flugzeuge den Angriff auf die baskische Stadt. 21 deutsche Flugzeuge der Legion Condor flogen in den Qualm und warfen rücksichtslos ihre Bomben ab. Das Zerstörungswerk stand unter faschistischem Oberkommando. Hitler-Deutschland half den Franco-Putschisten. Spanien war zum Übungsfeld der Wehrmacht für den Zweiten Weltkrieg geworden. Der Angriff auf Gernika leitete eine neue Art der Kriegführung ein, Luftangriffe auf offene Städte und ihre schutzlose Zivilbevölkerung. Auf Gernika folgten Warschau, Rotterdam, Belgrad, Dresden. In Karlshorst wurde am 8. Mai 1945 die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht unterzeichnet.

Der 26. April 1937 ist das Geburtsdatum des französischen Regisseurs und Lyrikers Jean Mailland. "Gernika existiert für mich seit meiner Kindheit, seit ich zum ersten Mal das Gedicht ,Sieg von Gernika` von Paul Eluard las. Seitdem sage ich mir, ich wurde an einem Tag geboren, an dem 1600 Menschen starben, und ich muß sie repräsentieren."

Kinderschreie Schreie von Frauen Vogelschreie Blumenschreie Schreie von Gebälk und von Steinen Schreie von Ziegeln Schreie von Möbeln von Betten von Stühlen von Vorhängen von Bratpfannen von Katzen und von Papieren . . .

Pablo Picasso Gleich dem Gemälde "Guernica" von Pablo Picasso, das dieser im Auftrag der spanischen republikanischen Regierung für den Pavillon Spaniens auf der Weltausstellung 1937 in Paris malte, ist die lyrische Revue ein Versuch, die Erinnerung wachzuhalten. Die "Revue Lyrique" will Gedächtnis an das Jahr 1937 sein, an die politische Lage unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg - spanischer Krieg, Nazismus in Deutschland, die "Volksfront" in Frankreich, die UdSSR -, aber auch an das kulturelle und künstlerische Leben dieser Epoche, ihre Mode, ihre Frivolität, so als müsse man bis zuletzt lieben, bevor man untergeht. "Ein Spektakel muß nicht alles erklären", sagt Jean Mailland. "Aber es muß Emotionen auslösen, den Zuschauer provozieren, ihn sensibilisieren, ihn neugierig machen und dazu bringen, die Geschichte anschließend mit anderen Augen zu sehen."

Fröhlichkeit liegt in der Luft Doch plötzlich, da wach ich auf, lieg im Bett War alles nur Traum, der Himmel ist grau Doch glaub ich, der Traum, so falsch er auch war, war gut, hat er mir doch dieses Lied gebracht, Frühlingsweise, Liebesgesang, Jugendlied, Fröhlichkeit liegt in der Luft . . .

Charles Trenet Erster Teil der "Revue Lyrique": Paris. Der Tanz auf dem Vulkan.

Im Jahr nach dem Wahlsieg der "Volksfront"-Regierung breitet sich in Frankreich eine Stimmung aus, in der man sich nicht darum kümmert, was jenseits der Grenzen geschieht, obwohl sich bereits an allen Ecken die faschistischen Milizen versammelt haben. Anna Prucnal und Michel Hermon - sie im weißen Abendkleid, er im schwarzen Anzug - singen Music-Hall- und Operettenstücke, unterbrochen von den Chansons "Y'a de la Joie" von Charles Trenet und "Mon Légionnaire" der Edith Piaf, unterbrochen aber auch von Werbespots für Abführmittel und Zigaretten.

"Gernika ist für mich ein Symbol", sagt die Schauspielerin und Sängerin Anna Prucnal. "Ich habe das Gefühl, daß wir heute in einer Zeit leben, die den dreißiger Jahren sehr ähnelt, auch wenn sich die Dinge niemals wirklich wiederholen. In Frankreich ist der Faschismus inzwischen sehr stark geworden. Die Menschen leben in einer solchen Unsicherheit, daß sie ihr Glück in der ,Front National` suchen."

Anna Prucnal ist Polin, geboren während der letzten Bombenangriffe auf Warschau in einem Keller umgeben von Toten. Ihr Vater: von der Gestapo erschossen, weil er falsche Papiere für Juden und Zigeuner ausgestellt hatte, um ihnen das Leben zu retten. Anna Prucnal studierte in Berlin bei Hans Felsenstein, widerwillig, weil ihr die Deutschen nach wie vor als Feinde erschienen.

Zu ihren späteren Freunden zählte die Gruppe um Wolf Biermann und dessen Frau Eva Maria Hagen. Und hier begann auch ihre Liebe zu Jean Mailland, mit dem sie 1970 nach Paris zog. Paris wurde ihr "freiwilliges Exil", nachdem sie in "Sweet Movie" von Dusan Malavejew mitgespielt hatte. Der Film war in Polen fünfzehn Jahre lang verboten, weil er von den Verbrechen Stalins sprach. 1989 kehrte Anna Prucnal erstmals nach Polen zurück und trat in Warschau auf, aus Anlaß des 200. Jahrestages der Französischen Revolution.

"Ich bin inzwischen mehrere Male in Polen gewesen. Aber ich könnte heute nicht mehr dort leben. Ich bin mehr Französin als Polin und fühle mich zugleich weder als Polin noch als Französin."

In Nürnberg machten sie ein Gesetz, darüber weinte manches Weib, das mit dem falschen Mann im Bette lag.

Das Fleisch schlägt aus in den Vorstädten, die Trommeln schlagen mit Macht . . .

Bertolt Brecht/Hans Eisler Zweiter Teil der "Revue Lyrique": Ein Bordell in der baskischen Stadt Victoria, wo sich die deutsche Wehrmacht am Abend vor der Bombardierung Gernikas versammelt. Der Faschismus. Vor dem Hintergrund einer Diaprojektion, die Hitler in bürgerlicher Gesellschaft zeigt, schreitet eine Braut mit Violine langsam über die Bühne. Michel Hermon, diesmal im schwarzen Minikleid, Strapsen und Stöckelschuhen, die Hand am Ende zum Hitlergruß erhoben, singt den Chanson "Yes Sir", Anna Prucnal, in schwarzem Korsett, Frack, Zylinder und Netzstrümpfen, singt "Nur nicht aus Liebe weinen" von Zarah Leander.

Dazwischen Stücke von Jaques Prévert und Bertolt Brecht.

"Wenn Michel Hermon ,Yes Sir` singt und anschließend das ,Lied von der Judenhure Marie Sander`, dann ist das stärker als alles Theater", erklärt Regisseur Jean Mailland die Form der "Revue Lyrique Gernika 1937". Seit 1978 schreibt er für Anna Prucnal Chansons und inszeniert ihre Vorstellungen. Entstanden sind etliche Spektakel, mit denen sie in Frankreich zur gefeierten Sängerin wurde. "Seit dem Mittelalter wurden Verbrechen, Politik oder Liebesgeschichten durch den Chanson verbreitet. Heute ist das anders", sagt Jean Mailland. "Aber unser Stück spielt in den dreißiger Jahren, und in dieser Zeit hatte der Chanson einen enormen Erfolg."

Am Fuße von Gernikas toter Eiche, in Gernikas Trümmern, im klaren Bau des Himmels, kommt ein Mann zurück. Er singt das Lied der Rebellion, mit Dank an die Liebe, mit dem Nein zur Unterdrückung.

Gernika wie Oradour wie Hiroshima, Weltmetropolen lebendigen Friedens.

Lauter als das Greuel selbst hallt der Schrei ihrer Leere . . .

Paul Eluard Dritter Teil der "Revue Lyrique": Gernika. Klänge wie Sirenen, wie Schreie, wie Explosionen. Eine Kantate zu der Prosa-Lyrik "Gernika", die Paul Eluard für den Film von Alain Resnais schrieb, eigens komponiert von Xavier Rosselle. "Schmerz ist das wesentliche Wort unseres Spektakels. Für mich war die Arbeit an Gernika eine Art Exorzismus, um mich von meinem persönlichen Schmerz zu befreien", erzählt Jean Mailland.

Ein Versuch, zu dem er vor zehn Jahren schon einmal ansetzte.

Zum 50. Jahrestag von Gernika hatte er einen Film drehen wollen.

Fünf Frauen und Männer, die 1937 geboren wurden - in Hiroshima, Dresden, in Algerien, den USA und Gernika -, sollten in der baskischen Stadt mit ihren Erinnerungen zusammentreffen. Doch beim französischen Fernsehen stieß Jean Mailland auf Desinteresse, und im Baskenland verlangte die Eta, den Text für den Film selbst zu schreiben.

Jean Mailland wurde in einem Dorf in den Savoyen geboren, in dem es während des Krieges vier Widerstandskämpfer und 2000 Kollaborateure gab. "Zu den vieren gehörte mein Onkel", erzählt Mailland. "Nach der Befreiung waren es plötzlich 2000 Widerstandskämpfer mein Onkel wollte danach nichts mehr von Politik wissen."

Seine Familiengeschichte hat Jean Mailland geprägt. Von seiner Großmutter berichtet er, einer Kommunistin, deren Haus während des Krieges der Resistance als Versteck diente. 1960 drehte Mailland zusammen mit Armand Gatti einen Film über die Konzentrationslager in Jugoslawien. In ihren Erzählungen ließen ihn die Überlebenden an ihrer Todesangst, ihrem Grauen, aber auch ihrem Mut teilhaben.

"Das ging so weit, daß ich einen Moment lang das Gefühl hatte, selber die Konzentrationslager erlebt zu haben."

Mit Gatti ging der bis heute überzeugte Kommunist Mailland ein Jahr nach Kuba. Zurück in Paris, gehörte er während des Algerienkriegs zu den Gegnern der französischen Politik. Ein paar Jahre später drehte er mit der Defa "Hamida", seinen Algerienfilm. Bei den Schneidearbeiten in Babelsberg traf er Anna Prucnal.

Ein Mann singt, ein Mann hofft. Sein Jammer verweht unter der stechenden Sonne . . . Gernika! Deine Unschuld bezwingt das Verbrechen . . .

Paul Eluard Die "Revue Lyrique" ist ein Höhepunkt von Anna Prucnals und Jean Maillands Liebesgeschichte und Zusammenarbeit. Die Vorbereitungen für das Spektakel dauerten vier Jahre. Wenn Jean Mailland über seine Arbeit als Regisseur spricht, bezieht er sich immer wieder auf Picasso, der vor seinem endgültigen Gemälde fünfzehn andere malte. "Picassos Methode war es, von einem Punkt auszugehen und dann irgendwo anders anzukommen. Man muß alles wissen, alles kennen, und dann wieder alles vergessen, um ein eigenes Werk zu schaffen.

Ich will, daß die Zuschauer beim Verlassen des Theaters erschüttert sind und sich fragen: ,Warum bin ich erschüttert?`. Sie sollen sich ein bißchen schuldig fühlen. Und ich hoffe, daß sie sich, wenn sie später einmal wieder das Wort Gernika hören, an das erinnern, was sie während des Spektakels gefühlt haben."

Unter den Zuschauern im Theater Karlshorst war auch Edouardo Vallejo e Olejua, der Oberbürgermeister von Gernika, der zusammen mit spanischen Historikern und drei Überlebenden des Massakers für das Symposium "Gernika - Geschichte und Gedächtnis" nach Berlin gekommen war. In seiner Ansprache betonte Edouardo Vallejo de Olejua, "daß Gernika, für die Basken Symbol ihrer demokratischen Tradition, nicht berühmt ist, weil es bombardiert wurde, sondern daß es bombardiert wurde, weil es berühmt war."

Und er sagte, daß seine Stadt nach wie vor auf ein Schuldbekenntnis der deutschen Regierung warte, das bis heute ausgeblieben ist.

Ein Schuldbekenntnis, das die finanziellen Gesten, mit denen sich Bonn aus der Verantwortung ziehen möchte, nicht ersetzen können.

Am 10. November 1988 hatte der deutsche Bundestag auf Initiative der Grünen und der SPD zu Gernika erklärt: "Die Opfer der wehrlosen Zivilbevölkerung mahnen zu einer Geste des Friedens."

Der Beschluß war kein Bekenntnis zur deutschen Verantwortung, aber er forderte die Bundesregierung auf, "einen angemessenen Beitrag im Bundeshaushalt" für die Förderung von Kooperationsprojekten im Rahmen der Städtepartnerschaft zwischen Pforzheim und Gernika bereitzustellen. Die zwölf Millionen Mark, mit denen ein Berufsbildungszentrum finanziert werden sollte, wurden im November 1996, also nach neun Jahren der Verhandlung, auf ein Viertel reduziert, nun für die Anlage eines Fußballplatzes.

Wolfgang Wippermann, Historiker an der Freien Universität Berlin, sprach auf dem Symposium von einem Trauerspiel, das sich in die leidvolle Auseinandersetzung mit der Rolle der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg einreihe. "Während des Kalten Krieges wurde aus politischen Gründen auf Franco Rücksicht genommen. Franco-Spanien war, obwohl faschistisch regiert, ein Partner der sogenannten Freien Welt, den man nicht verärgern wollte, indem man auf Gernika verwies.

Der zweite Grund war die Rücksichtnahme auf die Legende der sauberen Wehrmacht. In vielen Publikationen wurde ohne jede Selbstkritik die Traditionspflege der Legion Condor von der demokratischen Bundeswehr übernommen." Mitglieder und Befehlshaber der Legion Condor haben später staatliche Pensionen bekommen, und einige, wie Johannes Trautloft, Hermann Aldinger und Heinz Trettner, haben in der Bundeswehr militärische Karrieren gemacht.

Die Pforzheimer SPD-Bundestagsabgeordnete Ute Vogt erinnerte an Äußerungen des CSU-Abgeordneten Erich Riedl bei einer Bundestagsdebatte im September 1996: Der erklärte die Zerstörung Gernikas mit "ungünstigen Windverhältnissen, Sichtbehinderung, unzureichender Zieltechnik" und "zahlreichen Fehlwürfen" und forderte dazu auf, die finanzielle Geste "auch mit Verantwortungsbewußtsein gegenüber dem deutschen Steuerzahler zu behandeln".

SPD und Grüne hatten nun zum 60. Jahrestag von Gernika eine Erklärung des Bundestages gewünscht, die ein Schuldbekenntnis einschließen sollte. Das Thema wurde nicht einmal auf die Tagesordnung gesetzt.

Mit der Begründung, es gäbe bereits den 27. Januar, den Gedenktag für die Holocaust-Opfer, hat die CDU/CSU die Debatte vermieden.

Da die Toten nicht zurückgekehrt sind.

was bleibt den Lebenden an Wissen?

Da die Toten sich nicht beklagen können, über wen oder was klagen die Lebenden?

Da die Toten nicht mehr schweigen können, haben dann die Lebenden das Recht zu schweigen?

Jean Tardieu Mit dem Gedicht von Jean Tardieu begann in Berlin die "Revue Lyrique - Gernika 1937", es hätte auch das Motto des Symposiums sein können.

Baskische Schreibweise Weitere Aufführungen der Revue sind beabsichtigt.

Die Termine stehen noch nicht fest.