Manchen fällt gerade noch Che (Guevara) ein meistens aber löst das Kürzel CHE nur Kopfschütteln aus. "Centrum für Hochschulentwicklung" - eine Zutat mehr in der ungenießbaren Buchstabensuppe deutsch-bürokratischer Bildungsverwaltung: HRK, KMK, DAAD, HIS, BLK wen kümmert's? Wer freilich genau hinsieht, dem wird das dezente Logo mit dem leicht affektierten C für Zentrum immer häufiger begegnen. Es prangt fast überall da, wo Veränderung und Bewegung in den Hochschulapparat gebracht werden sollen. Wenn die wirklich heiklen Themen wie Eingangsprüfungen an den Hochschulen, Studiengebühren, Leistungskontrollen bei Professoren, Wettbewerb und Hochschulmanagement verhandelt werden, dann steckt oft das CHE dahinter.

Und unauffällig allgegenwärtig ist auch sein Chef, Detlef Müller-Böling, Betriebswirt und vormals Rektor der Universität Dortmund. Ob an Wissenschaftsminister Rüttgers Rundem Tisch zum Hochschulgesetz, ob als wissenschaftlicher Beirat in Niedersachsen, Mitglied der Hochschul-Strukturkommission in Baden-Württemberg, Berater des Bundes Norddeutscher Hochschulen - kaum eine prominente Tagung oder eine der vielen kleinen bildungspolitischen Verschwörer-Runden, an denen der stets gutgelaunte freundliche Herr nicht teilnähme.

Denn zu seinen Vorlieben gehört, neben Segeln und gutem Essen, die Runderneuerung des deutschen Hochschulwesens, das erklärte Ziel des CHE.

Die Öffentlichkeit hat noch kaum bemerkt, wie hier innerhalb von nur drei Jahren eine Institution entstand, ein Think Tank, der die Probleme deutscher Hochschulen benennt, Alternativen zeigt und Gegenmodelle entwirft. Nach diesem Muster inszenierte das CHE etwa das Thema "Hochschuleingangsprüfung" mit viel Medienauftrieb, einer großen Tagung und einer gemeinsam mit Sachsens Wissenschaftsminister Hans Joachim Meyer verabschiedeten "Leipziger Erklärung". Ein Aufwand, der nicht ohne Folgen blieb: Inzwischen dürfen Baden-Württembergs Hochschulen bereits ihre Studenten selbst wählen (die Universität Heidelberg will jetzt damit beginnen), Bayern steht kurz vor einer ähnlichen Entscheidung, und möglicherweise landet diese Bestimmung auch in der bevorstehenden Novelle des Hochschulrahmengesetzes.

Ebenso stringent durchgezogen wird die Kampagne für Studiengebühren: Tagungen, Veröffentlichungen (auch in der ZEIT), Modelle. Hier allerdings zeigt sich, daß diese Strategie nicht ungefährlich ist: Im Übereifer einiger Bundesländer wie Berlin oder Baden-Württemberg, mit dem Geld der Studenten nicht die Hochschulen, sondern ganz allgemein die leere Landeskasse zu sanieren, drohen vernünftige Vorschläge unterzugehen. "Das macht mir Sorgen", sagt Müller-Böling, "hier sind wir noch nicht soweit. Aber nach der bevorstehenden Novelle des Hochschulgesetzes kommt das Thema wieder hoch. Dann werden wir mit einem ganz konkreten Vorschlag aufwarten." Vorerst wird der Kriegsschauplatz "Studienfinanzierung" verlagert: In dieser Woche richtet das CHE eine internationale Tagung zur "staatlichen Hochschulfinanzierung" in Hannover aus.

Wer aber steht hinter diesem "wir"? Worin gründen Selbstbewußtsein und Macht einer so jungen Organisation, derart heikle Entwicklungen steuern zu wollen? Und vor allem: Wohin will sie sie steuern?

Steuermann des CHE ist die Bertelsmann Stiftung, und sein Initiator ist der Stiftungschef Reinhard Mohn persönlich. Als Mohn 1993 knapp 70 Prozent der Anteile am Grundkapital der Bertelsmann AG auf die 1977 gegründete Stiftung übertrug, bekam diese mächtig Aufwind. Das Stiftungskapital stieg auf 355 Millionen, und Mohn hat sich ihr auch ganz und gar verschrieben. "Eigentum verpflichtet zur Verantwortung für die Gesellschaft", lautet sein Bekenntnis.