ZEIT: Herr Tronchetti Provera, früher war Fiat-Chef Agnelli "Mister Italy", heute gelten Sie als Sprecher der italienischen Wirtschaft. Wie gefällt Ihnen diese Rolle? Tronchetti Provera: Man soll Menschen nicht vergleichen.Herr Agnelli tut immer noch viel für Italien.Ich bin Unternehmer, ich liebe mein Land und möchte, daß es zu Europa gehört.Dafür arbeite ich mit vielen anderen. ZEIT: Konkret haben Sie mit 200 000 anderen Unternehmern gegen Ihre Regierung demonstriert.Warum dieser außergewöhnliche Schritt? Tronchetti Provera: Italien läuft die Zeit davon.Ohne Eingriffe in die Struktur der Staatsausgaben, besonders bei den abnormen Pensionen, ohne die Reform unserer Institutionen kann Italien nicht Mitglied der Währungsunion werden.Die Lage der Staatsfinanzen hat sich zwar entspannt, aber nur dank höherer Einnahmen die Strukturreformen sind ausgeblieben. ZEIT: Aber Italien ist doch den Stabilitätskriterien von Maastricht viel näher gekommen.War das alles nur Schau? Tronchetti Provera: Sicherlich wurde die Inflation eingedämmt. Unterblieben ist aber alles, was die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie hätte verbessern können. ZEIT: Sie werfen der Regierung von Romani Prodi unter anderem ihre angeblich "katholo-kommunistische Kultur" vor.Was ist das? Tronchetti Provera: Es gibt einerseits die Altkommunisten um Fausto Bertinotti und andererseits Teile des Linkskatholizismus beide stützen die Regierung, und beide zeichnen sich durch eine negative Einstellung zum Unternehmertum aus.Ihnen kommt es mehr darauf an, Staatsunternehmen zu führen und die Wirtschaft zu kontrollieren, als sich auf die Rolle als Gesetzgeber und Regulierer zu beschränken. Diese Kultur der Staatswirtschaft verhindert genau das, was unser Land braucht: Privatisierung und Liberalisierung.All dies bezeichne ich als Katholo-Kommunismus. ZEIT: Wie müßten denn die Strukturreformen aussehen, die Sie fordern? Tronchetti Provera: Eigentlich ist Italien ein äußerst flexibles Land.Aber es leidet unter einer äußerst rigiden staatlichen Regulierung. Würde Italien davon befreit, dann würden dadurch mehr Kräfte als in vielen anderen Ländern freigesetzt.Wir werden von vielen um unser System der Klein- und Mittelbetriebe beneidet.Die können sich aber erst richtig entfalten, wenn die Politik die Fallstricke der Bürokratie beseitigt und den Unternehmen hilft - nicht durch direkte Eingriffe von oben, sondern durch die Schaffung günstiger Rahmenbedingungen.Darum geht es bei den Reformen. ZEIT: Ist es wirklich nur der Staat, der die italienische Industrie behindert?Der Kapitalismus all'italiana ist doch selbst ein Problem - klein, abgeschottet, ohne einen richtigen Kapitalmarkt. Tronchetti Provera: Italienische Unternehmen sind viel wettbewerbsfähiger, als einige oberflächliche Beobachter meinen.Unsere Exporte wachsen - trotz der starken Lira.Aber Sie haben recht.Der Kapitalmarkt spielt noch eine sehr bescheidene Rolle bei der Steuerung der italienischen Wirtschaft - wegen fehlender privater Pensionsfonds, wegen einer fragilen Bankenstruktur und wegen eines Staates, der die Ersparnisse der Bürger abschöpft, um seine Defizite zu finanzieren. ZEIT: Sie leiten einen der wenigen internationalen Konzerne Italiens. Warum ist es so schwierig, so ein Unternehmen von Italien aus zu führen? Tronchetti Provera: Weil man es in unserer politischen Kultur vorzieht, direkte Macht über die Wirtschaft auszuüben, statt deren Entwicklung zu fördern.Deshalb ist es ja so schlimm, daß die Regierung die zweifellos notwendige Rigorosität ihres Sparkurses nicht mit Marktreformen ausgeglichen hat.Wenn die Finanzpolitik so restriktiv ist wie zur Zeit in Italien, und es geschieht sonst nichts, dann endet dies damit, daß die Nachfrage sinkt und die Unternehmer aufhören zu investieren. ZEIT: Man sagt Ihnen eine Vorliebe für den Chef der Postkommunisten, Massimo d'Alema, nach.Für einen Unternehmer eine überraschende Haltung. Tronchetti Provera: In unserer Regierung hat zur Zeit die Partei der Altkommunisten um Fausto Bertinotti mehr Gewicht als die sozialdemokratisch ausgerichtete PDS, die die relative Mehrheit hat und über ein Reformprojekt verfügt.D'Alema hat immer wieder versichert, daß er das Land modernisieren will.Deshalb müßte der Chef dieser Partei mehr Einfluß haben als der Sekretär einer Minderheitspartei, die die Regierung nur duldet und ein ganz anderes Programm verfolgt. ZEIT: Sie wollen in Italien ein System mit zwei Parteien, die künftig um die Macht streiten . . . Tronchetti Provera: . . . und die ihre Reformprojekte dem Wähler präsentieren und nach Hause geschickt werden, wenn sie keinen Erfolg haben. ZEIT: Der Reformwillen fehlt Ihnen bei der gegenwärtigen Regierungskoalition in Rom? Tronchetti Provera: Das ist das eigentliche Problem.Teile des Parlaments schauen in die Vergangenheit statt nach vorne.Sie wollen zu den alten Gebräuchen zurückkehren. ZEIT: Besonders unter deutschen Politikern grassiert die Angst vor Italien.Wenn die Italiener mit dabei sind, wird der Euro noch unpopulärer, als er es ohnehin schon ist.Können Sie die Deutschen verstehen? Tronchetti Provera: Ich verstehe Sie vollkommen.Deshalb halte ich es für so wichtig, daß wir unsere Strukturreformen anpacken. Wir müssen unseren europäischen Partnern ein Stabilitätssignal geben.Das ist unabdingbar. ZEIT: Wäre es denn eine Katastrophe, wenn Italien nicht von Anfang an beim Euro mit dabei wäre? Tronchetti Provera: Es kommt darauf an.Wenn wir 1999 nicht mit dabei wären, weil wir unsere Strukturreformen noch nicht angepackt hätten, dann wäre das sehr schlimm.Wenn wir aber unseren Beitritt um ein paar Monate verschieben, obwohl wir unsere Reformen angepackt haben, dann sehe ich darin überhaupt kein Problem.Solange wir auf dem richtigen Weg sind, ist eine Verspätung von einem Jahr keine Tragödie. ZEIT: Aber Italien hat nicht mehr viel Zeit, mit Strukturreformen zu beginnen. Tronchetti Provera: Es geht in diesem Frühjahr tatsächlich um unsere letzte Chance.Wenn aber jemand den Mut hat, zu sagen, was not tut, dann wird ihm das Land folgen.Er muß den Italienern unzweideutig erklären, daß Europa eine Chance ist und daß wir unser Land auf jeden Fall modernisieren müssen, weil wir sonst in eine sehr düstere Zukunft blicken. ZEIT: Das größte Hindernis für den Beitritt Italiens ist, glaubt man der italienischen Presse, vor allem die Deutsche Bundesbank. Wie sehen Sie die Rolle Deutschlands bei der Vorbereitung des Euro? Tronchetti Provera: Es liegt auch im deutschen Interesse, daß das europäische Projekt ein Erfolg wird und daß Südeuropa Teil dieses Projekts bleibt.Gegenwärtig ist Europa schwach und läuft Gefahr, zu einem Wirtschaftspartner minderen Ranges zu werden. In dieser Situation kann der Süden einen Beitrag zu mehr Stabilität in Europa leisten und dem Kontinent helfen, sich im globalen Wettbewerb zu behaupten.Er wird die EU auch in die Lage versetzen, die anstehenden politischen Fragen zu lösen: Außen- und Sicherheitspolitik, Einwanderung. ZEIT: Was würde es bedeuten, wenn der Euro scheitert? Tronchetti Provera: Fragmentierung, ökonomische Konflike in Europa, unter Umständen der Zusammenbruch des ganzen bislang so erfolgreichen europäischen Einigungsprozesses.Psychologisch, politisch und ökonomisch wäre dies ein Desaster. Ich kenne auch Europas Schwächen.Man muß sehr aufpassen, daß daraus kein bürokratisches Projekt wird.Wir müssen alle flexibler werden, deshalb wäre es wohl nützlich, wenn die Briten mit dabei wären.Sie haben die Probleme mit der Bürokratie viel besser gelöst als die anderen. ZEIT: Sie haben Angst, wenn die Franzosen und Deutschen allein Europa aufbauen? Tronchetti Provera: Ich sehe Gefahren für die Wettbewerbsfähigkeit Europas.Die Briten wären da eine Hilfe. ZEIT: Wenn die Währungsunion kommt, müssen besonders die Arbeitsmärkte flexibler werden.Können Europas Gesellschaften das aushalten? Tronchetti Provera: Schauen Sie nach Holland: Dort haben die Gewerkschaften begriffen, daß sie flexibler sein müssen, und sich gemeinsam mit den Arbeitgebern auf Reformschritte geeinigt.So hat Holland sehr schnell seine Wettbewerbsfähigkeit zurückgewonnen.Wir sollten vom holländischen Beispiel lernen.Der Abschied von der Überregulierung, der Fall der Monopople, die Entmachtung der gewerkschaftlichen Bürokratie sind unabdingbar. ZEIT: Was wäre denn von Italien zu lernen? Tronchetti Provera: Zunächst unsere Kultur der Klein- und Mittelbetriebe. Dann unsere strategische Lage: Wir geben Europa die Möglichkeit, seine Ökonomie zu seinen südlichen Anrainerstaaten zu öffnen. ZEIT: Inflationäre Verhaltensweisen und laxe Budgetpolitik sind nicht inhärente Bestandteile der italienischen Tradition? Tronchetti Provera: Heute ist die Inflation unter zwei Prozent. Mit der richtigen Politik kann Italien ein stabiles Land werden. Wer hätte vor drei Jahren vorherzusagen gewagt, daß Brasilien heute unter zehn Prozent Geldentwertung haben würde?Und dort waren die Probleme noch viel größer als bei uns.Wenn man Italien die Möglichkeit gibt, kann es seinen eigenen Beitrag für Europa leisten.Und vergessen Sie nicht: Wir sind ein Markt mit sechzig Millionen Verbrauchern. ZEIT: Wird Italien ohne Währungsunion auseinanderfallen? Tronchetti Provera: Zumindest würden die Spannungen zwischen Nord und Süd weiter zunehmen - niemand kann sagen, in welchem Umfang.

Marco Tronchetti Provera gilt als aufsteigender Stern der italienischen Industrie.Seine große Stunde schlug im Januar 1992.Der Mailänder Reifen- und Kabelkonzern Pirelli hatte zuvor versucht, den deutschen Konkurrenten Continental zu übernehmen, und war dabei katastrophal gescheitert.Leopoldo Pirelli, Repräsentant des italienischen Familienkapitalismus alter Prägung, übergab unter dem Eindruck von fast einer Milliarde Mark Verlust die Führung des Konzerns an seinen Exschwiegersohn.Die von ihm ge leitete Familienholding Camfin hat heute unter den Pirelli-Aktionären das Sagen.Als Manager und Finanzier gelang es dem 49jährigen Tronchetti Provera, Pirelli ohne Markt- und Machteinbuße zu sanieren. Tronchetti Provera steht für einen Generationswechsel in der italienischen Industrie.Er repräsentiert eine neue, international geschulte Generation von Manager-Unternehmern.Der Pirelli-Chef mischt sich zunehmend in die politische Debatte Italiens ein.Anfang April legte er einen Dreijahresplan zur Sanierung des Landes vor.Die Financial Times bezeichnete ihn etwas irreführend schon als "Kronprinzen" der italienischen Industrie.