Die zierliche Dame im schwarzen Kostüm zieht das Publikum in ihren Bann. Rund 700 Hörer haben sich in den engen Stadtsaal von Limoges gedrängt, um der Autorin des Erfolgsessays "Der Wirtschaftshorror" zu lauschen. Mit einfachen Worten erklärt Viviane Forrester, wie die harte ökonomische Ratio zunehmend alle Lebensbereiche beherrscht.

Das kalte Kosten-Nutzen-Kalkül wird damit zum einzigen Maßstab bei der Beurteilung von Menschen - und das könnte grauenhafte Folgen haben. "Noch herrscht in unserer Demokratie ein Konsens darüber, daß auch Arbeits- und Obdachlose ein Lebensrecht haben", sagt die Rednerin: "Doch wer weiß, ob wirtschaftlich nutzlose Menschen in einem totalitären Regime - etwa unter Le Pen - nicht in Lager gesteckt oder gar eliminiert würden?"

Tosender Applaus zeigt, daß die 71jährige Literatin ihrem Publikum aus dem Herzen spricht. Und nicht nur in Limoges, überall in Frankreich wird die Frau, die bisher als preisgekrönte Van-Gogh-Biographin einen Namen hatte, mit ihrer Anklage gegen die vermeintlich menschenverachtende Wirtschaftsgesellschaft gefeiert. Gut 300 000 Exemplare des 200-Seiten-Werks wurden seit September verkauft. Das Büchlein belegt seit 33 Wochen Spitzenplätze in den Bestsellerlisten und stieß dort gar Brigitte Bardots Autobiographie "B. B." von Platz eins. Präsident Jacques Chirac und Sozialistenführer Lionel Jospin gehören zu Forresters Lesern. Forresters Argumente dürften auch die Debatten im laufenden Parlamentswahlkampf prägen. Denn "Der Wirtschaftshorror" ist zur Bibel all jener geworden, die sich von ökonomischen Veränderungen bedroht fühlen. Das US-Magazin Newsweek sieht in dem Essay gar Zündstoff für "eine neue französische Revolution".

Das mag übertrieben sein, doch wie 1789 springt der Funke auch aufs Ausland über - und das, obwohl das Werk bislang nur auf französisch vorliegt. US-Börsenguru George Soros war von der Lektüre so beeindruckt, daß er Forrester in Paris zum Mittagessen bat. Im mexikanischen Parlament diskutierten Abgeordnete das Werk. Politiker aus Peru luden die Autorin zu Lesungen nach Lateinamerika ein. Derzeit wird die Anti-Ökonomismus-Brandschrift in neun Sprachen übersetzt.

In den kommenden Monaten soll "Der Wirtschaftshorror" dann in den meisten Ländern Westeuropas, den Vereinigten Staaten, Brasilien, den spanischsprachigen Staaten Südamerikas und in Südkorea erscheinen.

Die deutsche Ausgabe kommt Anfang August auf den Markt.

Der Erfolg hat der Literatin nichts von ihrer bescheidenen Natürlichkeit genommen. Mit entwaffnendem Lächeln erklärt sie in Talk-Shows, bei Autorenlesungen und Diskussionsabenden die Entstehung des "Wirtschaftshorrors". Schon seit Jahren wollte sie dagegen aufbegehren, daß in einem reichen Land wie Frankreich die Zahl der Arbeitslosen ständig steigt und immer mehr Obdachlose die Straßen bevölkern.

Daß sie von Ökonomie nach eigenem Eingeständnis nichts versteht, hat Forrester nicht am Schreiben eines Wirtschaftsessays gehindert.

Denn Analysen und Statistiken wollte sie nicht liefern, Lösungen nicht vorschlagen. Das Buch sollte ein Protest sein gegen ein System, "das bis aufs Knochenmark aus den Menschen heraussaugt, was ihnen noch an Menschlichkeit geblieben ist". Den flammenden Stil und den Titel des Pamphlets hat die Literatin beim französischen Poeten und Konventionenbrecher Arthur Rimbaud entliehen.

Eine Mischung aus Kapitalismuskritik, Verschwörungstheorie und Anklage gegen ökonomische Rationalität ist das Ergebnis. Für Forrester entsteht der "Wirtschaftshorror", weil durch Profitgier, Automatisierung und Globalisierung immer mehr Güter von immer weniger Menschen produziert werden. Arbeitslosigkeit ist in Forresters Szenario das künftige Los der meisten Menschen.

In einem Komplott versuchen Politiker, Wirtschaftskapitäne, Ökonomen und internationale Organisationen, diese "Tatsachen" zu verbergen.

So wollen sie das Schamgefühl der Arbeitslosen und die Angst der Jobinhaber aufrechterhalten. "Beide Gefühle sollten an der Börse notiert werden, denn sie sind entscheidend für die Entstehung von Profit", meint die Autorin. Denn schamerfüllte Arbeitslose verstecken sich, statt aufzubegehren. Verängstigte Angestellte duckmäusern, statt für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen. Gleichzeitig setzt sich für Forrester weltweit die Ansicht durch, Menschen hätten nur dann ein Lebensrecht, wenn sie nützlich und rentabel sind. In internationalen Organisationen wie der OECD, der Weltbank oder dem Internationalen Währungsfonds, die für mehr Flexibilität und weniger soziale Absicherung plädieren, sieht die Autorin die Agenten dieser Mentalität. Die logische Fortsetzung dieses Denkens ist für Forrester ein Wirtschaftsgenozid, um sich der nutzlosen Massen von Arbeits- und Obdachlosen zu entledigen.

"Als Jüdin, der vom Vichy-Regime das Lebensrecht genommen wurde, weiß ich, wie es ist, als unnütz und ausgeschlossen zu gelten", kontert Viviane Forrester Vorwürfe, sie würde übertreiben. "Auch damals haben nur sehr wenig Leute begriffen, was passieren würde."

Erste Anzeichen für eine "Jagd auf die Armen" sieht sie etwa darin, daß seit vergangenem Sommer immer mehr französische Städte Bettler aus den Stadtzentren vertreiben.

Frankreichs Politiker und Ökonomen reagieren hilflos auf Forresters Buch. Ökonomen schrecken davor zurück, den "Wirtschaftshorror" zu besprechen, da seine irrationalen Argumente zu einer wissenschaftlichen Diskussion nicht taugen. Politiker wissen, daß sie bei der Bevölkerung unglaubwürdig sind, nachdem die Arbeitslosigkeit trotz aller Wahlkampfversprechungen in den vergangenen Jahren auf fast dreizehn Prozent angestiegen ist. Der liberale Wirtschaftsautor Alain Minc sprach für beide Gruppen, als er Forresters Buch "Quatsch" nannte, zugleich aber einräumte, die Autorin habe einen "Schrei" ausgestoßen, der "die Verwirrung der Gesellschaft über das Wirtschaftsgeschehen" ausdrücke.

Mehr als tausend Zuschriften an Forrester zeigen, daß die ökonomisch ungebildete Literatin das Wirtschaftsgeschehen mit den gleichen Augen wie ihre Leser betrachtet. "Sie schreiben, was ich schon lange dachte, aber nicht zu sagen wagte", heißt es dort oft. Wie die Autorin empören sich die Leser darüber, daß die Börse mit Kurssprüngen reagiert, wenn Renault eine Fabrik schließt und so 3000 Beschäftigte ihren Arbeitsplatz verlieren. Wie die Autorin empfinden es auch ihre Leser als skandalös, daß Zentralbankchefs und internationale Organisationen das Gefühl der Arbeitsplatzunsicherheit als gutes Mittel gegen Inflationsgefahr loben. Immer mehr Franzosen betrachten das internationale Wirtschaftssystem als zynischen Mechanismus, der sie zu Verlierern macht. So ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts CSA, daß siebzig Prozent der Franzosen sich "wie Waren" behandelt fühlen und "Angst und Empörung" empfinden, wenn sie an das Wirtschaftssystem denken.

Inzwischen ist "Der Wirtschaftshorror" in Frankreich zum Symbol für den Widerstand gegen dieses System geworden. Allein der Kauf des Buches wird von vielen Kommentatoren als Akt des stillen Protests gewertet - ähnlich wie die Tatsache, daß die meisten Franzosen die großen Dezemberstreiks 1995 trotz der erheblichen Unannehmlichkeiten unterstützt hatten. Forresters Buchtitel ist heute das geflügelte Wort bei Protestbewegungen aller Art. Ob gegen die Kürzung der Gesundheitsausgaben oder verschärfte Ausländergesetze demonstriert wird, Transparente gegen den "Wirtschaftshorror" fehlen nie.

Damit ist die Schriftstellerin dabei, zur Symbolfigur einer Verweigerungsbewegung links von der parlamentarischen Linken zu werden. Der Soziologe Pierre Bourdieu, Anführer einer Gruppe von Intellektuellen im Kampf gegen ein wirtschaftsliberales Europa, schrieb Forrester, seit dem Erscheinen ihres Buches fühle er sich "weniger allein".

Immer häufiger fordern Leser wie bei der Lesung in Limoges: "Stellen Sie sich an die Spitze einer politischen Bewegung. Ergreifen Sie die Macht!"

In solchen Fällen winkt Viviane Forrester bescheiden ab. "Ich will den Leuten nur ihr Selbstvertrauen wiedergeben, das ihnen unser unmenschliches System geraubt hat", sagt sie. Sie erzählt dann gern von dem Arbeitslosen, der ihr geschrieben hat, die Lektüre des "Wirtschaftshorrors" habe ihm das Schamgefühl über seine Arbeitslosigkeit genommen. Er habe daraufhin Kopien der wichtigsten Passagen ihres Buches gemacht und im Arbeitsamt seiner Stadt aufgehängt. "Selbstvertrauen ist die Voraussetzung für Widerstand, doch Widerstand muß jeder selbst leisten. Ich höre von immer mehr Leuten, die in den Widerstand gehen."

Viviane Forrester: L'horreur économique Librairie Arthème Fayard, Paris 1996 206 S., 98,- Franc