MAGDEBURG. - Stuttgart und Magdeburg - zwei deutsche Großstädte mit unterschiedlicher Geschichte, Lebenssituation und Einwohnerzahl - haben eine Gemeinsamkeit. Beiden Kommunen wird attestiert, daß sie außerordentlich viel für die Jugendarbeit aufwenden. In Stuttgart wurden neben knapp 30 Jugendhäusern im Verlauf der letzten 25 Jahre 15 Projekte mobiler, aufsuchender Jugendarbeit eingerichtet.

Magdeburg weist ein hochentwickeltes Netz an Einrichtungen für Jugendliche aus. Es wird zielgruppennah und stadtteilbezogen gearbeitet.

Die fachlichen Standards der Jugendarbeit liegen oftmals über denen vergleichbar großer westdeutscher Kommunen.

Stuttgart wird als Stadt gesehen, in der besonders mobile, stadtteilbezogene Jugendarbeit dazu beigetragen hat, auffälliges, gewalttätiges Verhalten Jugendlicher zu reduzieren. Magdeburg hingegen rangiert immer wieder als Stadt mit dominanter rechter Gewalt in den Schlagzeilen.

Ein Mord an einem Jugendlichen in Magdeburg führt zu Bildern von der "brennenden Stadt" (Spiegel), vom "Zentrum rechter Gewalt" (Frankfurter Rundschau), in welchem speziell der Problemstadtteil Olvenstedt "auf schmalem Grad zwischen Abgrund und Normalität" liegt - so Klaus Hartung in seinem ansonsten sehr einfühlsam recherchierten Beitrag in der ZEIT vom 19. März.

Seit im Mai 1992 ein junger Mann bei einem Überfall von Skinheads auf den Magdeburger Elbterrassen erschlagen wurde, steht die Stadt in schlechtem Ruf. Zwischen jenem Jahr und 1996 wurden in Stuttgart mehr Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene durch Fremdeinflüsse getötet als in Magdeburg. Der Tod der jungen Menschen in Stuttgart wurde jedoch immer nur von den örtlichen oder regionalen Medien wahrgenommen. Auch der Umstand, daß es in Stuttgart Stadtviertel gibt, in denen die Republikaner in zwei aufeinanderfolgenden Landtagswahlen Ergebnisse zwischen 15 und 24 Prozent erreichten, hat nie zu einer Charakterisierung von Stuttgart als "rechter Hochburg" geführt.

Die Identifikation von Rechtsextremismus in der Bundesrepublik benötigt offensichtlich die Konstruktion symbolischer Orte, an denen das Bedrohliche begreifbar und wiedererkennbar wird. Diese Orte können wechseln: Rostock, Hoyerswerda, Mölln, Magdeburg.

Sie sind zu Synonymen für "Gewalt oder Mord von rechts" geworden.

Magdeburg bietet sich für derlei Zuschreibungen leider an. Ein vordergründig unwirtliches Gemeinwesen mit nur wenigen, auf den ersten Blick attraktiven städtischen Räumen. Eine Stadt, in der ohnmächtige Gesten angesichts des Verlusts der einst dominanten Schwermaschinenindustrie häufig sind, in der auch der Kampf um die letzten Sket-Arbeitsplätze bereits mit dem Gestus der Verlierer geführt wird. Hier existieren - im Unterschied zu Dresden oder Leipzig - keine "Speckgürtel" als Zeichen neuer wirtschaftlicher Prosperität im Umland. Magdeburg besitzt nicht das anheimelnde Zentrum Erfurts. Es weist auch keine charismatischen Persönlichkeiten in der Landes- und Kommunalpolitik auf. Selbst der einst ruhmreiche 1. FC Magdeburg, 1974 erfolgreich im Europapokal der Pokalsieger, spielt in den Niederungen der vierten Liga.

An einem solchen Ort wird dann auch bei tragischen Ereignissen nicht mehr richtig hingeschaut. Der Mörder ein Skin? Das Opfer ein Punk? Frank Böttcher, erzählt mir sein Betreuer, war ein siebzehnjähriger, eher kontaktscheuer Jugendlicher, der sich erst wenige Tage vor seinem Tod einen "Iro" schneiden ließ. Sein wahrscheinlicher Mörder: ein Einzelgänger, der in keiner der örtlichen Skingruppen zu Hause war. Aber das paßt nicht ins Bild von "eskalierender linker und rechter Gewalt" in Magdeburg.

Titus Simon ist Professor an der FH Magdeburg mit dem Lehrgebiet Jugendarbeit und Jugendhilfeplanung.