Im Zeichen des Techno begannen Diskjockeys, Soundpioniere und Elektronikanarchisten vor mehr als zehn Jahren, das musikalische Weltbild zu verändern. Was in schummrigen Clubs, leerstehenden Industrieruinen und obskuren amerikanischen Radiostationen seinen Anfang nahm, hat mittlerweile das Lebensgefühl einer Generation geprägt. Außerhalb des Rave- und Clublebens fristet Techno hierzulande allerdings ein Schattendasein. Das Radio interessiert sich - von wenigen Ausnahmen abgesehen - kaum für die elektronisch generierten Klänge.

Aufgeschlossener zeigt sich die Werbebranche. Die Technogeneration ist eine wichtige Zielgruppe: Konsum- und markenorientiert, erlebnishungrig und technikfreundlich ziehen drei Millionen Deutsche von Rave zu Rave, selbstbewußt, offen und integrativ. Was den Werbeleuten bislang fehlte: ein großes Medium, die Szene sicher zu erreichen. Das könnte sich nun ändern, denn am 1. Mai geht ein bundesweites Raverradio auf Sendung. Schon im März, als noch die Frequenzverhandlungen liefen, trafen im Kölner Haus der EvoSonic Gmbh & Co. KG erste Buchungswünsche für Werbeminuten ein.

Frank Heitmeyer, 35, Hauptgesellschafter und im Sender für das Geschäft verantwortlich, will nur so viel Werbung, wie nötig ist, um das Eigentliche zu finanzieren: 24 Stunden "neue elektronische Musik" am Tag. Wortbeiträge einschließlich Werbespots (nur drei Minuten pro Stunde, und das lediglich zwischen 7 und 21 Uhr) sollen nicht mehr als zehn Prozent vom Programm ausmachen. Heitmeyer und sein zwölfköpfiges Team aus Produzenten, Marketing- und Internetfachleuten sind Enthusiasten, die ein Radio aus der Szene für die Szene machen wollen.

So werden denn auch nicht Musikredakteure, sondern DJs für den passenden Mix sorgen. Statt der radioüblichen News und Moderationen liefert das parallel arbeitende EvoNet übers Internet (www.evosonic.de) Informationen zur Musik, zum Sender, zu Veranstaltungen. Außerdem soll EvoNet als Kommunikationsplattform dienen: "Der Sender ist das Push- und das Internet das Pull-Medium", erläutert Andreas Lohaus, Internetverantwortlicher bei EvoSonic. Er rechnet mit 10 000 Zugriffen pro Tag auf den "einzigen Internetserver, der einen eigenen Radiosender hat".

Der chat im net, auch der Hörer untereinander, soll das ausgereizte Ritual der Live-Anrufe ersetzen. Künftig sitzt man vor dem Computerbildschirm, hört Radio und hackt seine Wünsche in die Tastatur. Die Zielgruppe findet beim Herumsurfen auch Informationen, die eigentlich für die Werbekundschaft gedacht sind: Drei Milliarden Mark Umsatz war die Technoszene 1994 wert, die Werbesekunde beim neuen Sender ist ab dreizehn Mark zu haben, auch das Anlegen einer Adressenkartei für Mailing-Aktionen aus Internetzugriffen und Hotline-Anrufen gehört zum EvoSonic Programm.

Wenn die Einschaltquoten den hochgespannten Erwartungen entsprechen, könnte das Radio eine Lücke im Medienhaushalt der fernsehkritischen Technoszene schließen. Technische Innovationen wie der Satellitenempfänger für das Auto bieten dem Sender eine zusätzliche Chance, weil die Raver dann auch unterwegs zuschalten können. Die von Beginn an zweisprachig, englisch und deutsch, gestaltete Netzpräsenz zeigt zudem, daß EvoSonic Radio über die Bundesrepublik schon hinausdenkt.