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Weltweit wandelt sich die Arbeit - und zwar so grundlegend, daß dieser Prozeß im 21. Jahrhundert auch die Zivilisation verändern wird. In allen Wirtschaftszweigen werden raffinierte Computer, Telekommunikation, Roboter und andere Technologien des Informationszeitalters mit rasender Geschwindigkeit menschliche Arbeitskraft ersetzen.

Nirgends ist dieser Trend bereits heute augenfälliger als in Deutschland, wo die Arbeitslosigkeit nunmehr bei knapp zwölf Prozent liegt. Mancher Job ist gewiß der Konkurrenz billigerer ausländischer Arbeitsmärkte zum Opfer gefallen. Sehr viele Arbeitsplätze sind aber durch die zunehmende Automatisierung und neue Technologien vernichtet worden; die anhaltenden Wellen betrieblicher Restrukturierungen beschleunigen diesen Prozeß.

Nur sehr zögernd nehmen Ökonomen und Politiker den tiefgreifenden Wandel in der Produktion und den Dienstleistungsbranchen wahr. Dabei ist dieser Wandel jenem in der Landwirtschaft vergleichbar, wo im Verlauf dieses Jahrhunderts Maschinen die Produktion ankurbelten und Millionen von Bauern verdrängten. Viele der verlorengegangenen Arbeitsplätze werden nie ersetzt werden. Fabrikarbeiter, Sekretärinnen, Empfangsdamen, Sachbearbeiter, Verkaufspersonal, Bankkassierer, Telephonvermittler, Bibliothekare, Großhändler und Manager der mittleren Ebene: dies ist nur eine Auswahl von Berufen, denen praktisch die Ausrottung droht.

Früher ersetzten industrielle Technologien die körperliche Arbeit: Maschinen- statt Muskelkraft. Die neuen computerisierten Technologien ermöglichen einen Ersatz für den menschlichen Geist - in allen Bereichen des wirtschaftlichen Lebens werden Menschen durch denkende Maschinen verdrängt. Dies hat weitreichende Folgen. Der Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Wassily Leontief warnt, daß durch die Einführung immer leistungsfähigerer Computer "die Bedeutung des Menschen als des wichtigsten Produktionsfaktors in der gleichen Weise schwinden wird, wie die Bedeutung des Pferdes für die landwirtschaftliche Produktion durch die Einführung von Traktoren zunächst abnahm und schließlich völlig eliminiert wurde".

Der Wandel der Arbeit ist in der Produktion am offensichtlichsten. In den Vereinigten Staaten sank der Anteil der Fabrikarbeiter an den Erwerbstätigen in den vergangenen dreißig Jahren von 33 Prozent auf unter 17 Prozent, obwohl die Industrieproduktion kräftig stieg. In zehn Jahren werden weniger als zwölf Prozent der arbeitenden Bevölkerung Amerikas in Fabriken beschäftigt sein, im Jahre 2020 werden es weniger als zwei Prozent der arbeitenden Weltbevölkerung sein. Im Laufe des nächsten Vierteljahrhunderts werden wir die praktische Abschaffung des Fließbandarbeiters im Produktionsprozeß erleben.

Noch bis vor kurzem hofften Wirtschaftswissenschaftler und Politiker, daß die entlassenen Arbeiter neue Jobs in den klassischen Dienstleistungsbranchen finden würden. Inzwischen hat auch in diesem Bereich die Automatisierung längst begonnen, viele Arbeitsplätze für Angestellte gehen verloren. Bei Banken und Versicherungen, im Groß- und Einzelhandel wird umstrukturiert. Schicht um Schicht werden Management und betriebliche Infrastruktur abgetragen, die traditionelle Hierarchiepyramide und Massen von Angestellten werden durch kleine, hochqualifizierte professionelle Teams ersetzt, wobei neueste Software und Telekommunikationstechnologie zum Einsatz kommen.

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Deshalb setzen Ökonomen und Politiker ihre Hoffnungen nun auf neue Arbeitsplätze entlang der Datenautobahnen und im Cyberspace. Der Informationsbereich wird gewiß einige neue Arbeitsplätze schaffen, doch es werden zu wenige sein, um die Millionen von Angestellten und Arbeitern aufzunehmen, die von den neuen Technologien verdrängt wurden. Der Grund: Dieser Bereich bietet schon seinem Wesen nach nur einer Elite, nicht aber den Massen Arbeit. Ingenieure, hochspezialisierte Techniker, Programmierer, Wissenschaftler, Ausbilder und Fachleute werden nie massenhaft gebraucht werden, um Güter und Dienstleistungen für das Informationszeitalter zu produzieren. Dies aber unterscheidet das Informations- vom Industriezeitalter. Das Industriezeitalter beendete die Sklavenarbeit, das Informationszeitalter wird die Massenbeschäftigung abschaffen. Die neuen Technologien verheißen für das 21. Jahrhundert einen enormen Anstieg der Produktion von Gütern und Dienstleistungen - doch dafür wird nur ein Bruchteil der heute beschäftigten Arbeitskräfte gebraucht werden. Da nahezu menschenleere Fabriken und virtuelle Firmen die Zukunft prägen werden, muß sich jede Nation mit der Frage befassen, was mit den Millionen von Menschen, deren Arbeitskraft immer weniger oder überhaupt nicht mehr benötigt wird, anzufangen ist.

Wenn früher neue Technologien die Produktivität dramatisch steigerten - zum Beispiel in den zwanziger Jahren, als Öl, Elektrizität und das Fließband die kohle- und dampfbetriebenen Fabriken ersetzten -, forderten Arbeiter ihren Anteil an den Produktivitätszuwächsen und organisierten sich, um kürzere Wochenarbeitszeiten, höhere Löhne und bessere Sozialleistungen zu erstreiten. Heute verkleinern die Unternehmen ihre Belegschaften, statt die Arbeitszeiten zu kürzen - und verweigern so Millionen von Arbeitern und Angestellten, an den Wohltaten der neuen technologischen Revolution beteiligt zu werden.

Die Arbeitgeber argumentieren, es komme zu teuer und verschlechtere die Wettbewerbsfähigkeit, wenn die Arbeitszeiten verkürzt und die Produktivitätsgewinne mit den Beschäftigten geteilt würden. Das aber muß so nicht sein. Unternehmen wie Hewlett Packard in Frankreich und BMW in Deutschland senkten ihre Arbeitszeit von 37 auf 31 Stunden - bei vollem Lohnausgleich. Als Gegenleistung erklärten sich die Arbeiter bereit, durch neue Schichtmodelle die Maschinen länger laufen zu lassen. Die Geschäftsleitungen kalkulierten: Wenn sie die modernen High-Tech-Fabriken rund um die Uhr betreiben könnten, würde sich die Produktivität verdoppeln oder verdreifachen lassen, und man könnte es sich leisten, den Beschäftigten für weniger Arbeit mehr zu bezahlen.

In Frankreich zieht der Staat nur noch etwa die Hälfte der vom Lohn einbehaltenen Abgaben ein, wenn die Unternehmen die Arbeitszeit um fünfzehn Prozent verkürzen und neue Jobs schaffen. Die Steuereinbußen werden, so argumentieren Ökonomen, wieder wettgemacht. Bei kürzerer Arbeitszeit werden mehr Menschen einen Job haben, weniger Menschen benötigen Sozialhilfe, und die neu eingestellten Arbeiter werden über Kaufkraft verfügen und Steuern bezahlen, wovon alle profitieren: die Arbeitgeber, die französische Wirtschaft und der Staat.

Auch in Deutschland sollte man erwägen, solchen Unternehmen Steuerabzüge einzuräumen, die sich verpflichten, die Arbeitszeit zu verkürzen und eine Gewinnbeteiligung einzuführen, durch die ihre Arbeitskräfte direkt von den Produktionsgewinnen profitieren. Außerdem sollte festgeschrieben werden, daß die Bezüge des Managements und die Aktiendividenden sich nicht unproportional zu den an die Belegschaft ausgeschütteten Leistungen verhalten. Solche Anreize könnten viele Arbeitgeber zu derartigen Veränderungen ermutigen - besonders, wenn sie dadurch deutliche Vorteile gegenüber ihren Konkurrenten erhalten.

Die 30-Stunden-Woche sollte die Hauptforderung der Beschäftigten in Deutschland werden. Kürzere Arbeitszeiten, mehr Freizeit, höhere Löhne und bessere Sozialleistungen waren die Qualitätskriterien für den Erfolg des Industriezeitalters in diesem Jahrhundert. Nichts weniger sollten wir vom Informationszeitalter des kommenden Jahrhunderts erwarten.

Doch auch bei einer kürzeren Wochenarbeitszeit wird Deutschland und jede andere Nation alternative Arbeit für die Millionen von Menschen suchen müssen, die für die Herstellung von Waren und Dienstleistungen nicht mehr gebraucht werden. Bislang setzte man fast ausschließlich auf den freien Markt und den öffentlichen Sektor. Heute, da die Wirtschaft immer weniger fähig ist, ausreichend Arbeitsplätze zur Verfügung zu stellen, und die Regierung sich von ihrer Rolle als Not-Arbeitgeber zurückzieht, ist es der dritte Bereich - der gemeinnützige -, von dem man sich noch am ehesten die Überwindung der Jobkrise erhoffen kann.

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Der gemeinnützige Bereich ist ein Querschnitt der Gesellschaft. Gemeinnützige Aktivitäten umfassen ein breites Spektrum: soziale Dienste und Gesundheitswesen, Erziehung und Forschung, Kunst, Religion und Interessenvertretung. In Deutschland gibt es gegenwärtig mehr als 300 000 gemeinnützige Organisationen. Man findet sie praktisch in jedem Stadtteil und in jeder Gemeinde. Ihre Reichweiten stellen oft die von privatem und öffentlichem Sektor in den Schatten. Sie erstrecken sich über das Leben jedes einzelnen Bürgers und sind für ihn oft wichtiger als die Marktkräfte oder die öffentliche Bürokratie.

Neue Jobs im gemeinnützigen Bereich werden aber Geld kosten. Man müßte daher auf den Wohlstand, der in der neuen Cyberspace-Ökonomie erwirtschaftet wird, eine geringe Steuer erheben und die so gewonnenen Mittel in die Stadtteile und Gemeinden, in die Schaffung von Arbeitsplätzen und den Aufbau des sozialen Gemeinwesens umleiten. Das gäbe uns eine neue Agenda und eine kraftvolle Vision von der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts.

Die Suche nach neuen Visionen aber verlangt, daß wir unseren Begriff von Politik überdenken. Politiker betrachten die deutsche Gesellschaft traditionell als ein polares Spektrum, das sich vom Markt auf der einen zum Staat auf der anderen Seite erstreckt. Man sollte sich die deutsche Gesellschaft aber vielmehr als einen dreibeinigen Hocker vorstellen, dessen Beine der marktwirtschaftliche Bereich, der staatliche Bereich und der sozial-gemeinnützige Bereich sind. Das erste Bein schafft wirtschaftliches Kapital, das zweite öffentliches Kapital und das dritte soziales Kapital. Und der älteste und wichtigste, aber am wenigsten anerkannte ist der dritte Bereich. Wir dürfen nicht vergessen, daß sich im Verlauf der Geschichte soziale Gemeinschaften immer vor den Märkten und Regierungen etablierten und sozialer Austausch immer dem Warentausch voranging. Der dritte Bereich wurde zwar im 20. Jahrhundert in den meisten Ländern marginalisiert, doch er ist in Wirklichkeit immer noch die Grundlage, auf der die beiden anderen Bereiche stehen. Künftig kann es nicht mehr nur um die Balance von Markt und Staat gehen, sondern alle drei Bereiche müssen ins Gleichgewicht gebracht werden.

Ob es wirklich gelingt, die politische Landschaft Deutschlands umzugestalten, wird von dem Willen abhängen, den dritten Bereich stärker zu profilieren und ihn zu einem ebenbürtigen Partner von Markt und Staat zu machen. Da jedoch der gemeinnützige Bereich für sein Überleben auf Markt und Staat angewiesen ist, ist für seine Zukunft vor allem die Etablierung einer neuen politischen Kraft notwendig, die diesen Willen umzusetzen versucht.

Das Potential für eine neue Kraft im politischen Leben Deutschlands ist vorhanden, aber noch nicht zu einer breiten sozialen Bewegung erwacht. Es besteht aus den Millionen Bürgern, die Woche für Woche ihre Zeit, ob haupt- oder ehrenamtlich, in den Dienst der vielen gemeinnützigen Organisationen stellen. Diese Bürger wissen längst, wie wichtig es ist, soziales Kapital in ihren Gemeinden und Stadtteilen zu schaffen.

Bisher haben sich diese Menschen noch nicht als Teil einer potentiell mächtigen Wählergruppe begriffen, die die politische Tagesordnung umschreiben könnte. Doch sie glauben an die Wichtigkeit ihres Dienstes an der Gemeinschaft. Könnte aus diesem gemeinsamen Grundwert eine gemeinsame Identität erwachsen, könnte die politische Landkarte neu gezeichnet werden.

Die sich verschärfenden Probleme von Automatisierung, Rationalisierung und Arbeitsplatzschwund im Übergang vom Industrie- zum Informationszeitalter werden wohl in allen Ländern die entscheidenden Themen der nächsten Jahre sein. Die wachsende soziale Unruhe und politische Instabilität, die aus diesem historischen Wandel der Arbeit entstehen, zwingen die Gesellschaften, nach einer neuen Orientierung zu suchen, die die Sorgen und Hoffnungen der Wähler anspricht. Die politische Debatte verharrt bis heute im Spannungsfeld von Markt und Staat - und wird so den Herausforderungen und Chancen des neuen Zeitalters immer weniger gerecht. Würde der gemeinnützige Bereich als dritte Säule zwischen Markt und Staat ernst genommen, änderte sich das Wesen des politischen Diskurses grundlegend. Denn endlich würde sich eine vollkommen neue Sicht von Politik und Wirtschaft, vom Wesen der Arbeit und der Gesellschaft eröffnen.

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Jeremy Rifkin, Vorsitzender der Foundation on Economic Trends in Washington, ist Autor des Buches "Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft"

Aus dem Amerikanischen von Jamie Ettelson und Uwe Ritter