In der Unendlichkeit des Universums, glaubten Himmelskundler bislang, gibt es kein Oben und kein Unten, weder Nord und Süd noch Ost und West. Nun jedoch machten amerikanische Astronomen einen beachtlichen Fund: Sie entdeckten eine Art kosmischen Kompaß mit einem Nordpol im Sternbild Sextant (nahe Löwe und Zwillinge) und einem Südpol im Sternbild Adler. Entlang dieser kosmischen Achse bewegt sich Strahlung - und damit auch Licht - offenbar anders als in andere Richtungen. Das Ausmaß des Effekts hängt vom jeweiligen Winkel zur Achse ab. Sollte sich das bewahrheiten, hätte dies nicht nur Konsequenzen für die Urknall-Theorie - sie geht von einem gleichmäßig expandierenden Weltall aus -, sondern auch für Einsteins Relativitätstheorie.

Die beiden Astrophysiker - Borge Nodland von der University of Rochester, US-Bundesstaat New York, und John Ralston von der University of Kansas - werteten Strahlungs-Daten von 160 kosmischen Radio-Quellen aus. Die Strahlung stammt von fernen Galaxien, in deren Zentrum ein rotierendes schwarzes Loch sitzt. Ein solcher kosmischer Vielfraß erzeugt ein extrem starkes elektromagnetisches Feld. Ein rotierendes schwarzes Loch kann nicht alles fressen, erklärt Andreas Tamman, Astrophysiker an der Universität Basel. "Bis zu zwanzig Prozent des einfallenden Materials werden direkt in Energie umgewandelt und entweichen als Strahlung, die rund tausendmal heller ist als das gesamte Licht unserer Milchstrasse." Solch kosmische "Synchroton-Strahlung" - sie entsteht auch, wenn Elektronen in großen Ringbeschleunigern (Synchrotons) ihre Kreise ziehen - hat eine auffällige Besonderheit: Ihre Schwingungen liegen alle in einer Ebene, wie bei einem einseitig festgebundenen Seil, dessen anderes Ende von Hand hoch- und runterbewegt wird: Das Seil schwingt dabei nur nach oben und unten, nicht seitlich. Physiker nennen solche Schwingungen polarisiert.

Bewegt sich die Synchroton-Strahlung Milliarden Kilometer durchs All, dann dreht sich ihre Schwingungs-Ebene zuweilen - immer dann nämlich, wenn andere Galaxien mit ihren Magnetfeldern dazwischenfunken. Diesen Effekt - die Faraday-Rotation - beobachten Astrophysiker schon seit längerem. Nodland und Ralston haben jetzt festgestellt, daß die Strahlung auch dann, wenn der Faraday-Effekt herausgerechnet wird, ständig entlang ihres gesamten Weges rotiert. Ihre Spur ähnelt einer gewundenen Strickleiter, die Forscher sprechen vom "Korkenzieher-Effekt". Die Spirale benötigt für eine komplette Umdrehung rund eine Milliarde Jahre. Von den fernsten Radio-Galaxien bis zur Erde hat sie sich gerade fünfzehnmal gewunden. Das Tempo dieser Drehbewegung hängt - und das ist das aufregende - von der Himmelsrichtung ab. Sie ist maximal entlang der kosmischen Achse Sextant-Adler, wird mit wachsendem Winkel dazu immer kleiner und sinkt senkrecht dazu auf Null, erklärt Nodland. Der Richtungssinn erinnere an eine kosmische Kompaßnadel: Welch ein Zufall, daß einer der Pole gerade im Sternbild Sextant liegt, wo doch Sextanten die Navigationsinstrumente der alten Seefahrer waren.

Die Untersuchung, betonen die beiden US-Astronomen, bedürfe weiterer Überprüfung. Fehler seien jedoch wegen der hohen Zahl der untersuchten Galaxien - insgesamt 160 - statistisch nicht sehr wahrscheinlich. Die Ursache des Korkenzieher-Effekts ist bislang unbekannt. Eine zumindest theoretische Erklärung liefern Nodland und Ralston: Die Polarisations-Ebene könnte sich drehen, weil sich das Licht mit zwei geringfügig voneinander abweichenden Geschwindigkeiten durchs All bewege. Dem steht jedoch Einsteins Relativitätstheorie entgegen, nach der die Lichtgeschwindigkeit im gesamten Kosmos konstant ist.

Die beobachtete Strahlungs-Drehung könnte aber auch gleichsam eine Geburtswehe unseres Universums sein. Die meisten Astrophysiker glauben zwar, daß der Urknall völlig symmetrisch verlief - das Universum also in seiner langen Expansion von Stecknadelkopf-Größe bis zur heutigen Ausdehnung stets rund geblieben ist. "Vielleicht aber war es kein perfekter Big Bang", meint Nodland. "Womöglich gab es Verdrehungen in Raum und Zeit." Dann könnte die Achse Sextant-Adler das späte Relikt dieser Asymmetrie sein. Warum auch sollte eine solch unperfekte Welt wie die unsrige ausgerechnet aus einem perfekten Urknall hervorgegangen sein?

Nodlands und Ralstons Fund ist Wasser auf die Mühlen derjenigen Astronomen, die schon lange die Existenz weiterer Universen vermuten. Wenn unser Universum asymmetrisch ist, gleichzeitig aber - wie viele Physiker glauben - der Kosmos in übergeordnetem Sinn letztlich doch symmetrisch sein müsse, ist es womöglich aus einer "ZwillingsGeburt" hervorgegangen: Es könnte, so die Spekulation, gleichzeitig ein zweites Universum mit entgegengesetztem Dreh-Sinn entstanden sein. In einem gewagten Analogieschluß spannen die beiden US-Astronomen den Bogen von rotierenden Elementarteilchen zu verwundenen Universen, die sich möglicherweise in einem bislang unbekannten "vierdimensionalen Vakuum-Feld" drehen. Den Korkenzieher-Effekt würde dann ein Zusammenspiel aus der Strahlung und diesem Feld verursachen. "An diesem Punkt freilich", räumt Nodland ein, "sind die Fragen so offen wie der große weite Weltenraum."