Das gibt es also noch: Hundert Jahre nach Peter Rosegger, zwei Jahrzehnte nach Franz Innerhofers "Schöne Tage" und wahrlich nicht im würzigen Kielwasser der Wimschneiderischen "Herbstmilch" setzt sich jemand hin und schreibt seine Kindheit und Jugend in einem dumpfen niederbayerischen Dorfwinkel auf, nichts als das.

Ein Satz, der, kaum aufgeschrieben, sofort in Revision gehen muß.

Dumpf? Nichts als das? Hier wird Erfahrung so konsequent umgesetzt in Sprache, daß eine Welt aus spröder Wortwörtlichkeit entsteht, in der alles aufgehoben ist, zu leuchten beginnt, was einmal nichts als dumpf gewesen sein mag.

Eingeschränkt freilich ist der Gesichtskreis des Kindes, das hier Schritt um Schritt die Welt, das Leben lernt, regelrecht durchbuchstabiert.

Schritt um Schritt, oder besser wohl: Quader auf Quader, in kurzen, zu Sequenzen geordneten Textblöcken setzt Marianne Hofmann ihre Erinnerung zusammen. Nicht übersichtlich geordnet, schon gar nicht chronologisch, eher mit der verdeckten Bildlogik eines Traums fügt dieses Mosaik sich zusammen, aus Farben, Düften, Gesichtern, fragmentarisch angerissenen, abbrechenden Erzählepisoden. Nichts fließt, alles bleibt lapidar - was ja soviel heißt wie knapp in Stein geschnitten.

Niederbayern also, am Rande der Hollerdau, der Hopfenstangenhügel, an denen vorbei heutesüdlich von Ingoldstadt sechsbahnig die Autobahn sich durch die Landschaft schneidet, wo aber damals, in der dösigen Dorfstille der vierziger, fünfziger Jahre, die ganze Welt weit weg schien wie ein gewaltiges Gerücht. "Draußen brannte die Welt" - das bleibt als Satz übrig von den Bombenangriffen auf das gar nicht so weite Regensburg oder Landshut. Von draußen kommen, benannt wie Fremdkörper, auch die letzten "deutschen Wehrmachtangehörigen", wenig später, von noch weiter draußen die Amerikaner, der Kaugummi, die Fräuleins: "es ging alles sehr schnell" und ist auch schon aus und vorbei. Länger bleiben schon die Flüchtlinge, Herr Dohmke etwa aus Breslau ("Wie leicht er die Gabel hielt") oder eine sehr Unkeusche aus dem Egerland, die sich im Gefängnis und bei den Behörden auskennt, letzteres auch wegen der Vaterschaftsnachweise (immer weigert sich einer, "und mit ihm noch weitere zwei").

Aber das alles sind eher Störfälle, Erinnerungen daran, daß da draußen Geschichte passiert ist und noch passiert, während im Dorf - und in diesem Text - diese große Chronologie gar nicht greift. Weil da nur immer wieder der Winter kommt und der Sommer, das Eismachen, das Kühehüten, der Bierdienst in der elterlichen Wirtsstube, die Hopfenernte, das Kämpfen um die fremde Schriftlichkeitsprache im Schulaufsatz, das "schöne" Kranksein ("eine ganz besondere Speise") und einmal in der Woche, vielleicht, ein anderer außerordentlicher Zustand: "Am Sonntag spürt man Gott am meisten". Das lesend, verliert man fast alles Zeitgefühl, obwohl da doch der Ablauf einer Kindheit und Jugend erzählt wird. Gesteuert von einer ebenso unscheinbaren wie wirksamen Erzähltechnik fügen sich die lautlos vergehenden Jahreszeiten, die dahinschwindenden Jahre zusammen zum Bild einer wie stillstehenden, kompakten Sprach- und Dorfwelt.