Herzinfarkt durch Bakterien, Antibiotika können helfen". "Nach dem ersten Infarkt sollten Patienten Antibiotika einnehmen, um einen zweiten zu vermeiden". So lauteten Schlagzeilen über eine "sensationelle Entdeckung" in den vergangenen Wochen. Arteriosklerose und Herzinfarkt seien "ansteckende Krankheiten", deren Erreger so leicht übertragbar seien wie Grippeviren und gegen die sich bald impfen lasse. Seither fragen bei der Deutschen Herzstiftung in Frankfurt am Main ständig verunsicherte Patienten an, ob sie nun Antibiotika einnehmen sollten. Doppelter Alarm also für jeden Herzkranken: Werde ich mit Blutdruck- und Cholesterinsenkern falsch behandelt? Bin ich gar eine tödliche Gefahr für meine Umgebung?

Ruhig abwarten und keine Antibiotika auf Verdacht schlucken lautet der nüchterne Ratschlag der Deutschen Herzstiftung. Sie erkennt zwar an, daß die Entdeckung interessant ist, Mikroorganismen der Art Chlamydia pneumoniae könnten schleichende Entzündungen in Blutgefäßen hervorrufen und dadurch arteriosklerotische Erkrankungen fördern. "Es handelt sich um einen neuen Forschungsansatz, vergleichbar mit der inzwischen bestätigten Vorstellung, daß Magengeschwüre durch eine bakterielle Infektion mit Helicobacter pylori hervorgerufen werden", sagt Pressesprecher Martin Vestweber. Es sei durchaus sinnvoll, in umfangreichen Untersuchungen "den möglichen Einfluß einer antibakteriellen Therapie auf bestimmte Formen der Arteriosklerose zu prüfen. Aber erst wenn die Ergebnisse größerer Studien vorliegen, wird man wissen, ob praktische Folgerungen zu ziehen sind."

So richtig dieser Ratschlag ist - ob er die Patienten beruhigt, ist fraglich. Denn die Zunft der Chlamydienforscher kann inzwischen mit einer beachtlichen Argumentationskette ihre These erhärten.

Sie ist auch keineswegs brandneu, bereits Mitte vergangenen Jahres erregten Joseph Muhlestein und seine Kollegen aus Salt Lake City Aufsehen mit der Behauptung, Chlamydien könnten Arteriosklerose verursachen (ZEIT Nr. 24/1996). Muhlestein hat Gewebe aus sklerotisierten Herzkranzgefäßen untersucht und in 79 Prozent aller Fälle Chlamydien oder deren Spuren entdeckt. Die Amerikaner festigten damit einen Verdacht, den bereits in den achtziger Jahren skandinavische Ärzte geäußert hatten. Mittlerweile liegt ein knappes Dutzend von Forschungsberichten über Chlamydien und Arteriosklerose vor. Oft, beileibe nicht immer, wurde man fündig. Ferner konnte der finnische Mikrobiologe Pekka Saikku an Kaninchen zeigen, daß diese nach einer Chlamydieninfektion Anzeichen einer Arteriosklerose entwickeln. Und zwei Pilotstudien aus Großbritannien und Südamerika an kleinen Gruppen von Infarktpatienten deuten darauf hin, daß die Gabe von Antibiotika möglicherweise die Rate erneuter Infarkte senkt. Diese hoffnungsvollen Ergebnisse beruhen allerdings auf wenigen Fällen und bedürfen dringend einer langjährigen, sorgfältigen Überprüfung in Großstudien, die mehrere tausend Patienten umfassen.

Zur Stützung der Chlamydien-Infarkt-These wurde mehrfach auch eine Studie zitiert, die Anfang April im New England Journal of Medicine erschien. Diese Untersuchung an 1086 Ärzten erstreckte sich über mehr als acht Jahre und prüfte den Zusammenhang zwischen Gefäßverschlüssen (Herzinfarkt, Schlaganfall), Aspirineinnahme und Entzündungen. Als Gradmesser für Entzündungen diente die Menge eines bestimmten Eiweißes (C-reaktives Protein) im Blut. Es stellte sich heraus, daß Aspirin - wie bereits bekannt - vor Infarkt schützt und daß die Menge an entzündungsbedingtem Eiweiß im Blut ein Indikator für bevorstehende Gefäßverschlüsse ist: Je mehr C-reaktives Protein über längere Zeit im Blut vorkommt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit eines Herz- oder Hirninfarktes. Daher könnte das einfach meßbare C-reaktive Protein in Zukunft einen wichtigen Indikator für bevorstehende Infarktgefahr abgeben. Allerdings stützt die Studie nur wenig die Chlamydien-Infarkt-These. Denn das Entzündungseiweiß ist sehr unspezifisch, es taucht bei jeder Form von Infektion oder Zellzerstörung im Blut auf, egal ob Bakterien, Viren oder Rauchen den Körper belastet.

Nicht nur Chlamydien, sondern eine Fülle anderer Faktoren können entzündete Adern hervorrufen, insbesondere auch Viren. Leidige Erfahrungen mit Viren haben die Transplantationsmediziner gemacht, wie Axel Haverich von der Medizinischen Hochschule Hannover und Hellmut Oelert, Direktor an der Uniklinik in Mainz, bestätigen.

Vor allem Mikroben aus der Familie der Herpesviren, speziell das Cytomegalievirus (CMV), können nach einer Organtransplantation innerhalb weniger Wochen zu einer Verstopfung der Blutgefäße und damit zum Verlust des übertragenen Organs führen. Deshalb werden Spender und Empfänger vor einer Transplantation routinemäßig auf Herpesviren getestet. Diese sind, ähnlich wie Chlamydien, meist relativ harmlose Parasiten. Mehr als siebzig Prozent aller Menschen über 65 Jahre tragen CM-Viren in sich, bei 35jährigen ist etwa jeder zweite infiziert. Ähnlich wie der Lippen- oder Genitalherpes mit seinen brennenden Bläschen aufblüht, wenn das Immunsystem durch Krankheit oder körperlichen Streß geschwächt ist, so profitiert auch das CM-Virus von der Immunsuppression bei Organempfängern.