Wenn er mit fast betulichen Trippelschritten auf die Bühne kam, ein kleiner Herr mit kahlem Kopf und nüchterner Brille, wollte man nicht glauben, daß dieser anscheinend schüchterne Weltfremdling die atemraubende Virtuosität und kraftvolle Klangfülle, aber auch dieses äußerste Maß an Sensibilität in der Tongebung, der Artikulation, in der Klangfarbe wie im Rhythmus präsentieren werde, die uns von seinen Platten gegenwärtig sind. Wenn er dann seine Wunderwaffe, eine eigens für ihn konstruierte zehnsaitige Gitarre präparierte, wenn er noch einmal über das Griffbrett strich, sich sammelte - da verstummte das letzte Räuspern: Narciso Yepes verschaffte sich binnen Sekunden volle Aufmerksamkeit und tiefen Respekt.

1927 wurde er in der Nähe von Murcia geboren dem Vierjährigen erfüllte der Vater auf dem Jahrmarkt den Wunsch nach einer Gitarre der Sechsjährige erhielt bereits Unterricht auf einem Konzert-Instrument am Konservatorium von Valencia wechselte er in die Pianistenklasse in Paris unterrichteten ihn George Enescu und Walter Gieseking.

1952 schrieb er gar Filmmusik, zu René Cléments Film "Jeux interdits".

Narciso Yepes hat die Grenzen eingerissen zwischen einer hochelitären Kunst aus stillem Mittelalter und fülligem Barock hier und der folkloreverbundenen Rausch-Kunst der frühen iberischen Moderne dort hat sich keinen Werte-Unterschied geschaffen zwischen dem verspielten Virtuosentum bei Scarlatti und dem todessüchtig machenden Melos in den Präludien von Villa-Lobos hat keine Wand errichtet zwischen den Tanzsätzen aus Bachs Lautensuiten und den danzas von Pipó oder den Etüden von Fernando Sor, zwischen der schillernden Leichtigkeit de Fallas und der Gefühligkeit von Rodrigos "Concierto de Aranjuez". Am vergangenen Samstag erlag Narciso Yepes in seiner Heimat einem Krebsleiden.