Gisela, alleinerziehende Mutter aus Grevesmühlen, sitzt im "Saloon" hinter einer Eisenpfanne mit Pan Mexiko, einem Fleischspieß mit Mais, Bohnen und Kartoffelplätzchen für 13,90 Mark. Sohn Alex hat den "Räuber-Teller" gewählt: "Ihr bekommt von uns einen Teller und ein Besteck und eßt dann bei Papa und Mama etwas weg." Räubern geht gratis durch.

Kurt und Carla aus Flensburg haben in einer der Trapperhütten ihre Kühltasche ausgepackt: Frikadellen, Nudelsalat, Kaffee kein Pfennig wird mehr dazubezahlt.

Aber gibt es das: Ein Looping grinst? Etwas verunsichert unterzieht sich der Tester nunmehr der wichtigsten seiner Aufgaben, der Würdigung der neuen Attraktionen. Fast fünfzehn Millionen Mark, sagt Christoph Andreas Leicht, der 34jährige Geschäftsführer und Mitgesellschafter, habe die Firma in den vergangenen Monaten in den Park investiert. 70 000 Quadratmeter Gelände wurden neu ausgebaut. "Nervenkitzel und Vergnügen haben wir sowieso. Jetzt wollen wir unsere besonderen Qualitäten - Familienfreundlichkeit und die unvergleichliche Lage am Meer - durch den Ausbau von Themenbereichen stärker akzentuieren."

Hinter den blauen Hüpfbergen, von denen sechzehnjährige Glatzenträger vor Begeisterung quietschend zur Erde kullern, wird sich demnächst "Piratenland" erstrecken. Schon liegt die Nina in einem Holsteiner Tümpel vor Anker, der originalgetreue Nachbau des Kolumbus-Schiffes, einst Glanzstück einer Ausstellung im Berliner Gropiusbau. Daneben verkleiden Zimmerleute Stahlträger mit ausgehöhlten Baumstämmen und verwan-:

deln so ein simples Eisengerüst in eine "Thingstätte" der Wikinger. Work in progress, und trotzdem ist, der Wahrheit die Ehre, die Gruppe derer, die sich um den computergesteuerten Piraten, den Vorboten seiner Zunft, scharen, der streng im Dreizehnminutenrhythmus Döntjes und Shanties zum besten gibt, größer als die, die fleißige Handwerker in echt sehen will.

Im Geäst eines Baumes jenseits des Außenzauns hängt ein Spielhaus aus verrottenden Brettern. Eine romantische Provokation, ohne Zweifel, und der Tester, kulturkritischen Überlegungen stets aufgeschlossen, empfindet sehr wohl den Symbolgehalt des Bildes: hier das unverwechselbare Produkt kindlicher Kreativität, dort die sorgfältig geplanten Abläufe des TÜV-kontrollierten, beliebig wiederholbaren Instant-Abenteuers, dessen größte Herausforderung die Vordrängler in der Warteschlange bilden. Hätte freilich, sinniert der Tester, jedes der schätzungsweise acht Millionen Kinder unter den bisher zwanzig Millionen Besuchern des Hansaparks sein eigenes Baumhaus in freier Natur . . . - genug, zurück an die Arbeit.

Auch "Crazy Mine" ist neu. Ganz neu. Im Aufgang zum Förderturm riecht es nach dem Gummi des Läufers, am rötlichen Betonsandstein fehlt nur das Schild "Frisch gestrichen", das Wellblech über den Stollen ist malerisch aufgerissen, aber vollkommen rostfrei. Noch fehlt die Patina, die eine Attraktion erst zum Klassiker macht. "Finde ich nicht", widerspricht Karsten aus Hamberge, Polizist. "Die alten Bahnschwellen, die vergammelten Loren, auch der künstliche Klettermaxe - da steckt doch Liebe zum Detail drin."