Anfang April vorigen Jahres klingelte ein junger Mann an meiner Haustür. "Ich möchte in ein Studentenheim ziehen, und das kann ich nur, wenn Sie mir dies hier unterschreiben."

Ob Studentenheim oder sonstwas: Der Mann machte einen guten Eindruck. Ich unterschrieb und hatte damit für ein Jahr Focus abonniert. Als einer der ältesten Spiegel-Leser nutzte ich die Gelegenheit, die sich mir aufgedrängt hatte, um eigene Eindrücke zu gewinnen von dem umstrittenen Focus, der unbestreitbar in wenigen Jahren Erstaunliches erreicht hatte: aus dem Nichts eine Auflage von (damals) 782 000 (inzwischen 797 000) und den Gipfel des Anzeigengeschäfts. Also las ich ein ganzes Jahr lang jede Woche an zwei Tagen auf der einen Seite den Spiegel, auf der anderen Focus.

Es traf sich glücklich. Das erste Focus-Heft, das mir zugeschickt wurde, nämlich die Nummer 18 vom 29. April 1996, hatte die gleiche Titelgeschichte und das gleiche Titelbild wie der Spiegel vom gleichen Tage. Die gleiche Titelgeschichte gab es während des ganzen Jahres nur noch einmal: in der Nummer 22/1996 "Wer war Jesus?" (Focus) oder "Gesucht: ein Mensch namens Jesus" (Spiegel). Das gleiche Titelbild gab es nie wieder.

Was man während des Jahres jedoch nur in Focus und Spiegel Nummer 18/1996 lesen konnte, war eine Geschichte, die ich besser kannte als die Schreiber der Magazine. Es ging um den Verkauf der ZEIT an Holtzbrinck. Der Spiegel brachte das im Ressort Wirtschaft unter dem Titel "Nahezu unsichtbar". Wirklich unsichtbar war es für den Leser von Focus, der auf das Inhaltsverzeichnis vertraut und nicht, wie ich dieses eine Jahr lang, die Hefte Seite für Seite durchblättert. Der Blätterer freilich konnte die Geschichte als erste des ganzen Heftes entdecken, Titel: "Geräuschlose Transaktion". Sie geht unter in einem jener Tuttifrutti-Sammelkörbe, der in diesem Falle "Periskop" heißt.

Als nächste Betrachtung folgen dort "Camper - Neue Steuer auf Stellplätze" und 23 weitere Kurzgeschichten. Im Spiegel war die Sache 130 Zeilen lang; schwarzweiß, ein Photo - und richtig. In Focus 42 Zeilen, ein Photo - und voller Fehler. Eine bis dahin vor allem auf zu flüchtige Lektüre sich gründende Unvoreingenommenheit hatte ihre ersten Kratzer weg.

Ein paar Worte noch zu den Titelbildern der beiden Nummern 18/1996. Der Spiegel: eine doppelte weiße Dachzeile "Das Drama um Jan Philipp Reemtsma"; dann groß und gelb über die ganze Seitenbreite "Die Entführung". Darunter ein Reemtsma-Portrait, nur der Kopf, der durch den darüber liegenden vergrößerten Raster etwas Virtuelles, auch Bedrohliches suggeriert. Focus: ein ganz ähnliches, wohl etwas jüngeres Reemtsma-Photo, schön photographiert, mit Schlips und Kragen, was den Mann zu einem vermutlich klugen, aber keineswegs ungewöhnlichen Bildungsbürger macht. Links unten "Die Entführung", nur erratbar, da es durch die aufgeklebte und weder durchsichtige noch ablösbare Postadresse verdeckt wird. Weil jedoch Focus gern seine Behauptung "Wir haben auf jedem Titelblatt auch Politisches" stützen möchte, wird das ohnehin zu alltäglich wirkende Portrait umrahmt von einem blauen Balken "Buhmann Beamter: Warum Staatsdiener so unbeliebt sind", einem Photo in der rechten oberen Ecke, Text "Graf-Affäre: Ihre Anwälte enttarnen Vorwürfe gegen Steffi" (wobei "enttarnen" wohl das falsche Wort ist), und einem gelben Querbalken unten rechts, in roter und schwarzer Schrift: "Die Sparbeschlüsse - Was Kohls Maßnahmen konkret bedeuten".