Teheran Auf dem Podium der Heydarnia-Sporthalle im Zentrum von Teheran stimmt ein hagerer Mann einen Trauergesang an. Um Hussein geht es, den Enkel des Propheten Mohammed, dessen Märtyrertodes die Schiiten in diesem Monat gedenken. Immer eindringlicher, immer schmerzvoller füllt die Stimme den Saal. Tief erschüttert vom Leid Husseins - und vielleicht vom eigenen -, wischt sich so mancher die Tränen vom Bart. Tausend Menschen haben sich versammelt, darunter dreißig schwarzverhüllte Frauen, um nach dem traurigen Gesang Ali Akbar Nateq Nuri zu hören. Er kandidiert für das Präsidentenamt des Iran. Am 23. Mai wird gewählt.

Die Wahlveranstaltung gleicht einer religiösen Trauerfeier im Schatten von Revolutionsführer Chomeini, dessen Bild überlebensgroß von der Wand lächelt. Milde und freundlich spricht Nuri zu seiner Anhängerschar. Der zarte kleine Mullah mit dem schneeweißen Bart hält ihr eine Moralpredigt. Die Staatsdiener mahnt er, höflich und geduldig zum Volk zu sein, das soziale Nöte quälten - und das jetzt auch noch von einem schweren Erdbeben mit Tausenden von Toten, Verletzten und Obdachlosen wahrlich heimgesucht sei.

Gerechter, so fordert Nuri, solle es künftig zugehen, die Inflation müsse bekämpft werden. "Nieder mit den USA! Nieder mit Israel!"

brüllt daraufhin die Menge - der Schlachtruf der Revolution bedeutet nichts weiter als Beifall für das Wahlversprechen und überhaupt Solidarität mit dem islamischen Regime.

Nicht nur angesehene Geistliche und Theologen der heiligen Stadt Qom, auch Piruzi, das erste Fußballteam des Iran, unterstützt Nuri, den 54jährigen begeisterten Bergsteiger und islamischen Philosophen, der einst im Libanon für den Guerillakampf ausgebildet wurde.

Sein Konkurrent im Kampf um die Präsidentschaft, Mohammed Khatemi, muß sich mit dem zweitgrößten Fußballklub begnügen. Der hochgelehrte Geistliche leitete vor der Revolution die Moschee in Hamburg.

Im Iran hat er heute viele Intellektuelle, Technokraten und einflußreiche Ajatollahs, die dem Regime distanzierter gegenüberstehen, auf seiner Seite. Khatemi zieht auch viele Frauen an. Zu Hunderten fahren sie in Bussen heran, um ihrem Kandidaten im Teheraner Schahid-Afrasiabi-Stadion zuzujubeln. Fayzeh Haschemi, die sympathische Tochter des Präsidenten Rafsandschani, wirbt für diesen relativ offenen, relativ modernen islamischen Intellektuellen und Berater ihres Vaters. Ihre Stimme hat Gewicht, bei den Parlamentswahlen vor einem Jahr gewann die junge Frau in Teheran die größte Stimmenzahl nach Nuri. Sie fordert Verständigung und Gedankenaustausch zwischen allen Fraktionen und plädiert für Toleranz "im Rahmen des Grundgesetzes".