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Heinz Penzlin ist Zoologe und Emeritus an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Im Gustav Fischer-Verlag erscheint sein "Lehrbuch der Tierphysiologie".

Das weitverbreitete Standardwerk liegt inzwischen in der 6. Auflage vor.

Wir alle beginnen als "naive Realisten". Wie selbstverständlich gehen wir davon aus, daß es, erstens, eine von unserem erkennenden Subjekt unabhängige Welt gibt und daß diese Welt um uns, zweitens, auch "in Wirklichkeit" so ist, wie wir sie erleben: daß der Himmel über uns blau und der Schnee auf dem Dach kalt ist, daß die Rose duftet und aus dem Radio Töne dringen.

Mit dieser "Weltanschauung" kommen wir im täglichen Leben gut zurecht. Wenn schon einmal Zweifel auftreten, werden sie als Sinnestäuschungen, als vereinzelte Kuriositäten abgetan. Dabei hatte schon vor über zweitausend Jahren Demokrit aus Abdera überzeugend gelehrt, daß die sinnlich wahrnehmbaren Qualitäten der Dinge subjektiv sind und nicht den Dingen selbst zugeschrieben werden können.

Wer diese philosophische Einsicht akzeptiert, wird zum "physikalischen Realisten". In der objektiven Welt gibt es in der Tat keine Farben, Töne, Geräusche oder Gerüche. In ihr gibt es nicht einmal Helligkeit. Licht kam erst mit den Lebewesen, die sehen konnten, in unsere Welt. Der "kritische" Realist geht aus gutem Grund noch einen Schritt weiter als sein physikalischer Kollege und läßt die Frage gänzlich offen, ob die von uns wahrgenommenen Merkmale der Welt, einschließlich der räumlichen und zeitlichen, auch solche der Außenwelt sind.

Was aber erfassen Lebewesen - und damit auch der Mensch - tatsächlich mit ihren Sinnen? Sie registrieren zunächst nur den Teil der Welt, für den sie entsprechende Empfangsstrukturen entwickelt haben. Während fast alle Tiere Tast- und Schweresinnesorgane und viele Augen besitzen, können nur wenige Tiere hören. Der akustische Sinn ist auf Wirbeltiere und einige Insekten beschränkt.