Die Wissenschaft produziert Wissen am laufenden Band und häuft dieses zu einem gewaltigen Berg an. Haben wir noch die Chance, mit all dieser Information etwas anzufangen, oder ergeht es uns wie im Märchen vom süßen Brei, der durch sein unaufhörliches Wachstum vom Segen zum Fluch wird?

Zum Wachstum des Wissens geistern immer wieder abenteuerliche Behauptungen durch die Medien. "Alle fünf Jahre verdoppelt sich das Wissen der Menschheit" und "Zwischen dreieinhalb und fünf Jahren dauert es heute, bis das Wissen der Menschheit von den jeweils neuen Erkenntnissen völlig überholt wird", hieß es etwa in der Süddeutschen Zeitung. Hätte diese "Explosion des Wissens" tatsächlich von 1992 bis 1996 genausoviel Wissen produziert wie von Adam und Eva bis 1991, dann wäre die Vermittlung von konkretem Wissen in Schule und Universität praktisch sinnlos. Zum Glück verläuft die reale Entwicklung wesentlich langsamer.

Die These vom kurzfristigen Verfall allen Wissens unterstützt den zu Fatalismus und Beliebigkeit tendierenden Zeitgeist bei permanenter Umwälzung des Wissens erübrigt sich die fundierte Auseinandersetzung mit den Ergebnissen der Wissenschaft. Dies zeigt sich auch in der Beliebtheit von Relativitäts- und Chaostheorie, deuten deren Namen doch scheinbar darauf hin, daß nichts mehr sicher und alles möglich ist.

Woher kommt nun die These von der "Explosion des Wissens"? Vermutlich stützt sie sich auf das rasante Wachstum der weltweit gespeicherten Information, für die Klaus Haefner in seinem Buch "Mensch und Computer im Jahre 2000" eine Verdopplungszeit von drei bis fünf Jahren angibt. Dabei handelt es sich nur um gedruckte oder elektronisch gespeicherte Information, deren Wachstum vor allem auf der Produktion von Information durch den Computer selber beruht. Wenn Speicherplatz vorhanden ist, wird er meist auch mit Daten gefüllt (sehen Sie mal auf die Festplatte Ihres Computers). Bei Haefner ist allerdings von Information die Rede und nicht von Wissen, und dies ist ein gewaltiger Unterschied. So enthält beispielsweise die Gehaltsabrechnung eines Großunternehmens eine enorme Menge Information, die vernünftigerweise nicht zum Wissen der Menschheit gezählt wird.

In welchem Umfang das Wissen wirklich wächst, kann schon deshalb nicht genau bestimmt werden, weil es kein universelles Maß für Wissen gibt. Die in den fünfziger Jahren durch Derek De Solla Price begründete quantitative Wissenschaftsforschung (Scientometrie) hat Ansätze zur Quantifizierung von wissenschaftlichem Wissen entwickelt. Eine Möglichkeit ist das Zählen einschlägiger Publikationen.

So nahm die Zahl naturwissenschaftlicher Publikationen in den sechziger Jahren sehr stark zu, wächst aber seit Beginn der siebziger Jahre bis heute langsam und mit einigen Schwankungen ungefähr linear. Die Anzahl sozialwissenschaftlicher Veröffentlichungen pro Jahr ist seit 1976 sogar nahezu konstant. Mit anderen Worten, das exponentielle Wachstum des Wissens und damit die Phase konstanter Verdoppelungszeiten ist vorbei, aber trotzdem wächst der Publikationsberg jedes Jahr beträchtlich (1995 um 834 000).

Es ist offensichtlich, daß Publikationen in sehr unterschiedlichem Maß zum Wissen der Menschheit beitragen. Dies reicht vom Anstoß zu einer wissenschaftlichen Revolution (beispielsweise die erste Arbeit Max Plancks zur Quantenhypothese) bis zur wiederholten Publikation falscher Ergebnisse über einen uninteressanten Gegenstand.