Vielleicht kommt Günter Grass. Oder Martin Walser. Oder auch Marcel Reich-Ranicki. Wenn sie, die Stars der Literaturszene, der Einladung folgen, dann, ja dann rücken auch die Medien an. Das hoffen zwei Bürgermeister und die Stadt- und Gemeinderäte zweier Orte am Fuße des 2000 Meter hohen Säulings im Ostallgäu.

Die ansonsten nicht gerade in großer Zuneigung verbundenen und durch den Lech getrennten Nachbargemeinden Füssen und Schwangau träumen jetzt schon von einem großen und spektakulären Ereignis im Herbst dieses Jahres. Dann nämlich wollen Füssen, das Städtchen im "Königswinkel", und Schwangau, das "Dorf der Königschlösser", gemeinsam der Öffentlichkeit ein "Literaturprojekt" präsentieren, das an den legendären Literaturzirkel Gruppe 47 erinnern soll. Der wurde im Herbst 1947 in einem Haus am Bannwaldsee bei Schwangau gegründet. Von dem Projekt versprechen sich die Vertreter beider Kommunen nicht nur eine landesweite kulturpolitische Anerkennung, sondern auch, was fast wichtiger ist, eine Tourismuswerbung mit Langzeitwirkung. An Tagesgästen mangelt es dem Ländchen am grünen Lech nicht. Denn hier verbrachte König Ludwig II. auf Schloß Hohenschwangau seine schönsten Kinderjahre und verwirklichte später mit Neuschwanstein seinen Traum von der Gralsburg in Stein. Über eine Million Touristen sehen sich jedes Jahr dieses Schloß an.

Angeregt hat das Literaturprojekt ein Kreis kulturbeflissener Bürger, die Arbeitsgemeinschaft Gruppe 47. Ihr allerdings fehlte das Geld, um die Sache in eigener Regie finanzieren zu können. Da sprangen die beiden Gemeinden und zwei lokale Sponsoren ein, die nun die sechsstellige Summe für das nostalgische Festival aufbringen werden. Das Projektmanagement wurde dem Augsburger Peter Grab übertragen, der bereits mit Literaturveranstaltungen in der Fuggerstadt Erfolg hatte.

Mit einer Großveranstaltung, einem "Paukenschlag", will Grab die 1967 zu Grabe getragene Gruppe 47 in Füssen und Schwangau wiederauferstehen lassen, um sie dann mit einer Reihe von Lesungen, Diskussionen und Ausstellungen weiter zu würdigen. Noch ist alles in der Planung.

Das Haus am See, wo alles begann, hat sich in den fünfzig Jahren nicht verändert, die Umgebung dafür um so mehr. Wo früher einsame Viehweiden und Enzianwiesen hinter raschelnden Schilfgürteln grünten, breitet sich nun ein großer Campingplatz aus, der zu den schönsten im Allgäu gehört, ein Platz zwischen den Bergen des Ammergebirges und der sanften, seenreichen Hügellandschaft des Voralpenlandes.

Heidrun Weidinger, die einen Kiosk auf dem Caminggelände führt, wohnt jetzt in dem Häuschen, in dem sich am 6. und 7. September siebzehn Autoren und Mitarbeiter der im April 1947 von den Amerikanern eingestellten Zeitschrift Der Ruf trafen. Herausgeber waren damals die Schriftsteller Hans Werner Richter und Alfred Andersch, die nun eine neue Literaturzeitschrift gründen wollten.

Von alledem hat Heidrun Weidinger keine Ahnung. Aber gerne zeigt sie die Zimmer und Zimmerchen, in denen damals die Literaten tagten, diskutierten, stritten und schliefen. Man muß ein Photo im Kopf und Phantasie haben, um sich zum Beispiel den Schriftsteller Wolfdietrich Schnurre vorstellen zu können, wie er, der Hagere, Dunkle und Großgewachsene, der "Berliner Hungerer", wie eine Zeitzeugin vermerkte, vor den niedrigen Fenstern stand und auf den See hinausblickte oder sich in einer Art Wintergärtchen mit dem Romancier Walter Kolbenhoff fetzte. Im Haus am See, das damals der Schriftstellerin Ilse Schneider-Lengyel gehörte, sollte 1947 ein Konzept für die neue Literaturzeitschrift Der Skorpion diskutiert und ausgearbeitet werden. Sie erschien nie.

Dafür, so heißt es in dem Sonderband "Die Gruppe 47" aus der Reihe "Text + Kritik", "wirkte die Arbeits- und Diskussionsatmosphäre der ersten Tagung legendenbildend". Traditionen und Riten, so liest man dort, "die später als charakteristisch für die Gruppe angesehen wurden, gehen auf dieses erste Treffen zurück: die unausgesprochene und nie bezweifelte Dominanz Hans Werner Richters, die demonstrative Nicht-Organisation, Härte und Offenheit der Kritik, das Verbot an den lesenden Autor, sich zu verteidigen".

In seinem Buch "Im Etablissement der Schmetterlinge" erinnert sich Richter an die Geburtsstunde der Gruppe 47: "Die Tage am Bannwaldsee gingen schnell vorüber. Wir kamen aus dem kleinen Haus fast kaum heraus, eine Vorlesung löste die andere ab . . . Die Zeitschrift, die ich ,Skorpion' getauft hatte und herausgeben wollte, hatten wir so gut wie vergessen. Es war in den drei Tagen etwas Neues entstanden, aber es war uns noch nicht bewußt." Nachdem in einer langen Nachtsitzung Schnurre ermahnt werden mußte, doch endlich seine Lesung zu beenden, notierte Richter: "So entstand das, was man später die Gruppe 47 nannte, in diesem Augenblick, als Schnurre sein dickes Romanmanuskript zusammenpackte und wir alle noch kurze Zeit zusammensaßen . . ."

An dem Häuschen am See wird nun eine Tafel angebracht, die an die Geburtsstunde der Gruppe 47 erinnern soll. Damit taucht auch der Name einer Frau wieder auf, die in der Erinnerung älterer Schwangauer Bürger noch sehr lebendig ist: Ilse Schneider-Lengyel, die "Hex' vom Bannwaldsee", wie damals die Einheimischen sagten. Und damit auf das ungewöhnliche Leben einer Frau anspielten, die allein in einem Haus am See lebte und arbeitete und alle Normen der ländlichen Gesellschaft zu ignorieren schien. Der achtzigjährige Josef Helmer, Land- und Gastwirt aus Schwangau, erinnert sich noch gut an das "luschtige und intelligente Weib", das mit rot lackierten Fingernägeln, langen Hosen, auffälligem Schmuck und wehendem schwarzen Haar auf einem Motorrad der Marke Victoria - andere sagen: Adler - herumbrauste, nicht selten einen Sack Kartoffeln auf dem Tank. Es war damals unerhört, wie die "Bannwaldseehex'" lebte und auch liebte in dem Idyll sonnenüberfluteter Nachmittage am See. Davon erzählen sie heute noch.

Der See gehörte Ilse Schneider. Sie hatte ihn von ihrem Vater geerbt. Arm war die 1910 in München geborene Schriftstellerin, Kunsthistorikerin und Ethnologin nicht, deren Name heute die gängigen Literaturlexika nicht mehr erwähnen. Die Welt der Masken liebte sie, und sie schrieb eine Lyrik, die damals niemand verstand: "wortsprechunfähig fliegen die Hexen aus den Häusern / der eisenriegel der hütten kommt aus dem boden / man schütze sich gegen die hauchlosen lider / der wenn-wölfe das wort ist ein unerklärliches / geräusch krank wurde der Mensch daran." Freia von Wuehlisch, die damals am Bannwaldsee dabei war, erinnert sich in ihren Tagebuchaufzeichnungen: "Frau Schneiders surrealistische Dichtung stieß auf Zweifel und Unverständnis, keiner konnte sich aber einer gewissen dichterischen Kraft und Schönheit verschließen."

An stillen Herbsttagen, wenn die Camper gegangen sind und die Spinnfäden durch den Altweibersommer tanzen, dann verzaubert die Stimmung am See auch heute noch: Am Morgen ziehen die Nebel über das warme Moorwasser des Sees, in dem die Fische springen und verschwommen Schilffelder stehen. Dahinter steigen gelb flammende Lärchenwälder die Berghänge hoch, wo auch der rote Bergahorn steht und auf den Bergwiesen die blassen Herbstzeitlosen blühen. Die Erlen am See werden braun und die Weiden gelbgrün. Der Herbst ist die ruhigste und für viele die schönste Zeit im Seenland rund um Schwangau und Füssen und die Schlösser Ludwigs II.

Das hatten damals auch die Literaten und Autoren so empfunden. Sie schwärmten vom See, der wie ein "Auge in der Landschaft schlummert". Drei Tage lang ernährten er und seine Besitzerin die hungrige Literatenschar, die, so sagt der Füssener Wildgroßhändler Walter Stanner, "eh nur zum Saufen und Fressen" an den Bannwaldsee gekommen war, weil "die doch genau wußten, daß die Ilse Schneider Pulver hatte".

Diese überaus profane Sicht der Dinge ist nicht ganz falsch, denn das Essen spielte in den Erinnerungen der Ruf-Autoren tatsächlich eine wichtige Rolle. Ihnen, den hohlwangigen Überlebenden, lief das Wasser im Mund zusammen, wenn sie an die Krebse und Hechte aus dem Bannwaldsee dachten, die damals auf den Tisch kamen. Freia von Wuehlisch schreibt: "Zum Essen wieder ein festlich angerichtetes Mahl im Kerzenschein - wer aus den Trümmern kommt, dem tut das fast weh. Krebse, Apfeleierkuchen. Wie man Essen genießen kann . . ." Für Richter waren die Hechte eine "Delikatesse", eine "ungewohnte, langentbehrte Mahlzeit".

Noch stehen die Hechte im Wasser. Im Sommer jedoch ist der See eine riesige Spielwiese und Freizeitarena für Tausende von Campingurlaubern. Dort, bei den Tannen und Erlen vor dem Häuschen, muß es gewesen, wo am 6. September nach einer langen, ermüdenden Reise Isolde Kolbenhoff ungeniert und nackt in den See sprang, während einige der wortgewaltigen Dichter sich verschämt umdrehten, andere dagegen mit "Wohlgefallen" (Freia von Wuehlisch) der "jungen Venus" nachblickten. Davon munkelte man damals in Schwangau auch. Unerhört, "a Nackerte" in aller Öffentlichkeit. Darüber ließ sich vortrefflich tratschen, was aber tatsächlich die siebzehn "Spinner" nach Schwangau an den Bannwaldsee geführt hatte, das interessierte im Herbst 1947 keine Menschenseele in dem Dorf vor dem Gebirge. Die Zeiten verlangten nach Brot, nicht nach Literatur.

Die Urlauber, die heute in Trainingsanzügen an dem Häuschen vorbeischlendern, ahnen nicht, daß einst auf ihrem Campingplatz deutsche Literaturgeschichte geschrieben wurde. Es ist allerdings anzunehmen, daß dies die Urlauber auch nicht sonderlich interessieren würde, es sei denn, Reich-Ranicki moderierte das "Literarische Quartett" im ehemaligen Haus der Ilse Schneider-Lengyel, die irgendwann in den fünfziger Jahren den See und das Haus verkaufte, wegzog und vergessen wurde.

"Innerfern" heißt ein Buch, in dem sich jemand liebend an sie erinnert - der Pfrontner Schriftsteller Gerhard Köpf. Seine Teilnahme am Literaturprojekt Gruppe 47 steht fest, ob der Grass oder der Walser oder der Reich-Ranicki kommt, nicht.