Wo bleibt Kabila? So wütend hatte man Nelson Mandela selten erlebt. Seit sechs Monaten hatten der südafrikanische Staatschef und seine Topdiplomaten an einem Friedensplan für Zaire gearbeitet, seit zwei Wochen das erste Gipfeltreffen zwischen den Kriegsparteien vorbereitet. Nun, am Mittwoch voriger Woche, sitzt Mandela schon seit 24 Stunden auf dem Polarschiff Outeniqua vor der Küste der Republik Kongo - in einer Koje, die kleiner ist als seine Gefängniszelle auf Robben Island. Selbst Diktator Mobutu Sese Seko, todkrank und machtlos, ist an Bord gekommen. Nur der Rebellenchef fehlt.

Am Abend des zweiten Tages platzt Mandela der Kragen. Er greift zum Satellitentelephon auf der Kommandobrücke und ruft Laurent-Désiré Kabila persönlich an. Der Zorn des alten Mannes soll "furchterregend" gewesen sein, berichtet ein Ohrenzeuge. Seine Botschaft war eindeutig: Entweder Kabila kommt sofort aufs Schiff, oder er, Mandela, fliegt zurück ans Kap. Kurz nach Sonnenuntergang war der bullige Rebellenführer da, Mandela nahm ihn sich sogleich zur Brust. Anderntags saß Kabila wie ein Schüler, dessen Trotz gebrochen wurde, neben Mandela und einem schwächlichen Mobutu. Das einstündige Treffen der Erzfeinde endete im Patt. Aber immerhin, sie waren erstmals aufeinandergetroffen.

Nelson Mandela ist vermutlich die einzige Autorität, der sich Laurent Kabila beugt. Wer sollte ihm sonst noch etwas befehlen können? Kabilas Rebellenbund, die Alliance des Forces Démocratiques pour la Libération du Congo-Zaire (AFDL), hat binnen sieben Monaten drei Viertel von Zaire im Sturmschritt erobert. Seine Kommissare verhökern die Bergwerke und Bodenschätze des Landes, als wären sie der billige Jakob auf einem Flohmarkt (siehe auch Seite 17). Mag an diesem Mittwoch vielleicht wieder auf der Outeniqua verhandelt werden - das Volk feiert Kabila jetzt schon als Befreier vom Joch des Mobutismus. Und wenn Kinshasa, die Hauptstadt, gefallen und der Despot gestürzt ist, dann hat der 56 Jahre alte Berufsrevolutionär sein Lebensziel erreicht: Er wird der neue starke Mann in Zaire.

Aber was ist das für ein Mann? Je näher die Stunde seines Sieges rückt, desto unheimlicher wird er. Selbst seine Mentoren in Amerika, die etliche CIA-"Berater" nach Zentralafrika abkommandierten, wissen nicht mehr so recht, was sie von ihm halten sollen. "Er ist wie eine Sphinx", meint ein Diplomat aus Washington, "niemand kann mit Gewißheit sagen, wie dieser Kerl agieren oder reagieren wird." Besonders eine Mahnung von Yoweri Museveni - der ugandische Staatschef ist neben Ruandas Vizepräsident Paul Kagame der engste Verbündete des Rebellenchefs - nährt die Skepsis: Er glaube nicht, daß Kabila ein "geeigneter Führer der Zukunft" sei.

Über Kabilas Weltanschauung, sein Vorleben, seine Privatverhältnisse ist wenig bekannt; er weigert sich beharrlich, der Presse Rede und Antwort zu stehen. Soviel weiß man: Kabila studierte in Frankreich Philosophie und kehrte als Maoist zurück nach Afrika. Er war ein Anhänger des Afro-Sozialisten Patrice Lumumba, der die erste Regierung des unabhängigen Zaire - damals noch Kongo - anführte. 1961, nach der Ermordung des Premiers, tauchte Kabila in den Untergrund ab. Er führte eine Rebellion in der ostzairischen Ruzizi-Ebene an, die sogar Ernesto Che Guevara veranlaßte, zwecks Förderung der Weltrevolution ins Kongobecken zu fliegen. Doch einen nachhaltigen Eindruck scheint Kabila nicht hinterlassen zu haben. Er verstehe sich mehr aufs Trinken und die Hurerei denn aufs Kämpfen, befand Fidel Castros Kampfgefährte.

Die Geschichte schien Guevara zunächst recht zu geben. Einem gewissen Joseph-Désiré Mobutu, der sich 1966 an die Macht geputscht hatte, gelang es elf Jahre später, den Unruhestifter ins Exil nach Tansania zu treiben. Kabila geisterte wie ein Buschgespenst durch die abgelegenen Ostprovinzen; alle paar Jahre wieder gelang es ihm, Mobutu und seine Getreuen zu erschrecken. Aber ernsthaft in Bedrängnis bringen konnte er sie nicht.