Der Mann kommt gleich zur Sache. Und erzählt mir einen Witz: Papst Johannes Paul II. kniet in seiner Privatkapelle, versunken im Gebet, und weil die Geschichte Anfang der achtziger Jahre spielt, fragt er den lieben Gott: "Sag mir, Herr, wird Polen je vom Joch des Kommunismus befreit?" - "Nicht, solange du der Papst bist!" kommt die Antwort. - "Und sag: Wird es je wieder einen polnischen Papst geben?" - "Nicht, solange ich der Herrgott bin!"

Joaquin Navarro-Valls ist keiner, der laut über seine eigenen Witze lacht. Der Direktor des vatikanischen Presseamts lehnt sich nur hinter seinem gewaltigen Eichenholzschreibtisch zurück und setzt ein feines Lächeln auf. Auf dem Bücherbord hinter ihm stehen ein Dutzend Papstbiographien. Aus dem Augenwinkel beobachtet Navarro-Valls einen Monitor: Im großen Saal nebenan leitet sein Stellvertreter gerade eine Pressekonferenz zum Thema "Das Heilige Jahr 2000 ". Dann sagt er: "Ich habe diesen Witz auch einmal dem Heiligen Vater erzählt. Er hat sich sehr amüsiert."

Wenn einer päpstlicher Pressesprecher ist und ein so ausgefuchster Profi wie Joaquin Navarro-Valls, dann hat er in diesem Moment schon fünf vergleichsweise klare Aussagen gemacht. Erstens: Der Papst ist bei guter Gesundheit und lacht über Witze. Zweitens: Trotzdem ist es kein Tabu, über die Nachfolge und den nächsten Papst zu spekulieren. Drittens: Wenn es nach den Leuten im Vatikan geht, wird der nächste Papst wieder ein Italiener sein und kein Ausländer. Viertens: Im Witz kann sogar der liebe Gott irren (Polen! Kommunismus!). Und deshalb wird, fünftens, möglicherweise auch das nächste Konklave ganz anders enden, als alle hier in Rom (und alle Journalisten der Welt) sich das vorstellen.

Zur gleichen Stunde läuft auf dem Petersplatz, keine 400 Meter von Navarro-Valls' Büro entfernt, ein erschütterndes Schauspiel ab. Und zeigt, daß das mit der Wahrheit (siehe unter "Erstens") in päpstlichen Presseverlautbarungen ein ziemlich weites Feld ist.

Es ist Mittwoch, später Vormittag. Generalaudienz. Zwanzig-, dreißigtausend Pilger und Touristen sind gekommen, um den Papst zu sehen: Johannes Paul II., den "Bischof von Rom, Stellvertreter Christi, Nachfolger des Apostelfürsten, Patriarch des Morgenlandes, Primas von Italien, Souverän des Vatikanstaates, Diener der Diener Gottes". Oder den Menschen Karol Wojtyla. Pole. Weltreisender. Slawischer Sturschädel. Den ersten Papst, den man Ski fahren sah und beim Bergwandern. Der sich in seiner Sommerresidenz einen 50-Meter-Swimmingpool bauen ließ.

Doch die Gestalt, die jetzt im offenen Auto über den Platz gefahren wird, sieht ganz anders aus. Wie ein nicht ganz gelungenes Exemplar aus dem Wachsfigurenkabinett: zu aufgedunsen das Gesicht, zu ausdruckslos die Mimik. Roboterhaft die Bewegungen. Seine rechte Hand hat der Papst erhoben, mit ihr klatscht er wie zufällig die Hände ab, die sich ihm entgegenstrecken. Als der Wagen das Podium erreicht hat, kämpft sich der alte Mann zu seinem Thronsessel - mit kleinen, steifen Schritten, Halbmeter für Halbmeter. Und als er zu beten beginnt, hallt seine Stimme dünn und vernuschelt aus den Lautsprechern: "In no'ine Pat'is, e' Fil'i, e' Spi'i'us Sancti." Später liest er seine Katechese ab: einen drei Seiten langen Text über die Mitwirkung Marias am Erlösungswerk Christi. Mühsam, Wort für Wort, Satz für Satz.