Die Herren in der Vorstandsetage der Anglo American Corporation sollen "weißglühend vor Zorn" gewesen sein, erzählen sich die Broker in Johannesburg. Wochenlang hatten die Unterhändler des südafrikanischen Bergbauriesen gepokert. Allein im März und April nahmen drei Delegationen die beschwerliche Expedition nach Zaire auf sich, um die Rebellen über den Tisch zu ziehen. Am Ende mußten sie konsterniert mitansehen, wie ihr Bombengeschäft platzte und der schärfste Konkurrent den Zuschlag erhielt: Die US-Gruppe American Mineral Fields übernimmt 51 Prozent der Kobaltund Kupfermine von Kolwezi; der Rest bleibt im Besitz des halbstaatlichen Bergbaukonzerns Gêcamines. Der Kaufpreis liegt bei einer Milliarde Dollar, der veranschlagte Gesamtwert des Objekts bei acht bis dreizehn Milliarden Dollar.

Während die militärische Schlacht um Zaire zu Ende geht, hat die ökonomische gerade erst begonnen. Die Rebellen von Laurent-Desiré Kabila, verbündet in der Alliance des Forces Démocratiques pour la Libération du Congo-Zaïre (AFDL), haben bereits drei Viertel des Landes erobert und stehen vor den Toren der Hauptstadt Kinshasa. Die Übernahme der Macht ist nur noch eine Frage von Tagen. Doch die Aufständischen handeln schon seit Monaten so, als gehörte ihnen der Staat mitsamt seinen gewaltigen Ressourcen. Und auch die Kapitäne der internationalen Konzerne gehen davon aus, daß der kommende Machthaber in Kinshasa kein anderer sein wird als Monsieur Kabila.

"Wenn der große Elefant stirbt, feiern alle Messer", heißt ein afrikanisches Sprichwort. Die Messer sind geschliffen, der Wettlauf um Milliardenprofite läuft. In Zaires Erde ruhten die größten Kobaltvorkommen der Welt, schwärmten Rohstoffexperten schon 1988 im "Minerals Yearbook". Zudem verfügt das Land über die größten Reserven an hochwertigem Kupfer und liegt in puncto Diamanten weltweit an zweiter Stelle. Hinzu kommen Gold, Silber, Zink, Schwefel, Kadmium, Germanium, Uranerz. Und Zaires Regenwälder, sein Wasserreichtum und das hydroelektrische Potential sind schier unermeßlich. Drei Jahrzehnte plünderten Mobutu Sese Seko und seine Handlanger das Kongobecken, so daß der Präsident in einem der weltweit ärmsten Länder ein Privatvermögen von vier bis fünf Milliarden Dollar an sich raffte. Nun ist sein Spiel aus. Die Macht des Despoten erodiert schneller als sein Gesundheitszustand; hilflos muß er zusehen, wie sein Reich zusammenbricht und dessen Schätze neu verteilt werden.

Die Gewinner kommen aus Nordamerika - nicht umsonst hält der US-Vizebotschafter Dennis Hankins diplomatische Verbindung zu den Rebellen. So hat sich die in Kanada registrierte American Mineral Fields schon Ende 1996 die Zinkmine von Kipushi unter den Nagel gerissen. Im April, nach zähem Gefeilsche mit Kabilas selbsternannten Ministern, konnten AMF-Manager den Deal von Kolwezi verkünden. Es war ihnen, als hätten sie die begehrte Schloßallee im Monopoly ergattert: AMF sicherte sich eines der gewinnträchtigsten Objekte auf dem Spielbrett Zaire.

Geholfen hatten auch kleine Aufmerksamkeiten: Die zairischen Verkäufer durften zum Beispiel in einem Düsenflugzeug von AMF durch die Gegend jetten. Entscheidend für den Erfolg der künftigen Geschäftspartner dürfte die Rolle der alten Partner gewesen sein. Jahrelang profitierten Anglo, der Multi aus Südafrika, und das verschwisterte Diamantenimperium De Beers Consolidates Mines, das um seine Monopolstellung auf dem Weltmarkt kämpft, von der engen Kooperation mit dem Kleptokraten Mobutu. De Beers kontrollierte den Aufkauf von Diamanten im ganzen Land und war an einer Mine indirekt beteiligt. Nun gab es ein unangenehmes Erwachen: De Beers hatte nicht rechtzeitig die Seiten gewechselt.

"Wenn die glauben, sie könnten ihr Monopol in Zaire aufrechterhalten, sollen sie zur Hölle fahren", befand Kabilas "Finanzminister" Mwana Nanga Mawampanga. "Ich werde nicht warten, nur weil einige Millionäre in Johannesburg, Paris oder New York klare Verhältnisse wollen. Ich vergebe Arbeitsplätze an mein Volk." So unverfroren wird das militärische Eigeninteresse durch nationalen Gemeinnutz kaschiert. Denn den Aufständischen geht es zu allererst darum, ihre Kriegskasse zu füllen aber nicht mit dem Geld der langjährigen Freunde des Feindes.

Selbst Nicholas Davenport, der gerissene Direktor der Filiale von De Beers in Kinshasa, vermochte die Rebellen nicht mehr umzustimmen. Unterdessen sind vier der fünf Ankaufbüros seines Konzerns geschlossen sie lagen im "befreiten" Gebiet. Fortan dürfen die America Diamond Buyers (ADB), ermächtigt von Kabilas Kommissaren, den Reibach mit den Edelsteinen machen. Es mag die Chefs von Anglo und De Beers noch mehr erzürnen, daß die Konkurrenz ausgerechnet von Leuten angeführt wird, die aus dem eigenen Stall kommen. So ist Jean-Raymond Boulle der Begründer der America Diamond Buyers, zeichnet als Hauptaktionär von American Mineral Fields und hat den Milliardenkontrakt mit Kabila eingefädelt.

Der große Verlierer ist Frankreich, der einstige Schutzpatron Mobutus. Paris konnte das rapprochement zwischen den Rebellen und angelsächsischen Investoren nicht verhindern und ist hoffnungslos ins Hintertreffen geraten. Auch die Südafrikaner haben vielerorts das Nachsehen. Als stärkste Wirtschaftsmacht auf dem Kontinent haben sie Zaire als ihre künftige Einflußsphäre betrachtet. Der Rauswurf eines Topmanagers in der vergangenen Woche belehrt sie nun des Gegenteils: Die Rebellen gaben Patrick Claes, Direktor eines Joint-venture zwischen der südafrikanischen Eisenbahngesellschaft Spoornet, der belgischen Transurb und der zairischen Sizarail, exakt 24 Stunden zum Kofferpacken. Sie wollen das teilprivatisierte Verkehrsunternehmen wieder dem Staat zuführen.

Dem südafrikanischen Stahlkonzern Iscor ist der dicke Fisch von Kolwezi ebenso davongeschwommen wie dem Bergbaukonsortium JCI. Immerhin konnte JCI einen lukrativen Vertrag für die Renovierung der Schwefelschmelze in Likasi ergattern. Und Iscor darf das Potential der Mine von Kamoto erkunden. "Der potentielle Gewinn rechtfertigt alle Risiken", frohlockt Direktor Con Fauconnier.

Wen schert es da, daß die unterzeichneten Verträge jeder Rechtsgrundlage entbehren? Die Jagd auf die Ressourcen läuft, und das Motto lautet: erst mal einen Fuß in die Tür bekommen, über das Kleingedruckte reden wir später. "Verhandelt mit mir!" trommelt Rebellenführer Kabila. Vorige Woche empfing er dreißig Vertreter nordamerikanischer und britischer Konzerne. Die Veranstaltung wurde, so ein Zufall, gesponsert durch AMF.

"Wartet zumindest, bis eine Übergangslösung gefunden wurde", bremst Thabo Mbeki. Mbeki warnte - nicht zufällig in Washington - davor, daß der hemmungslose Wettbewerb lang schlummernde sezessionistische Gelüste wecken könnte. Ein Gutteil der Bodenschätze findet sich nämlich in den Südprovinzen Kasai und Shaba, die seit jeher mit der Abspaltung von Zaire liebäugeln. Thabo Mbeki vollzieht ein heikles Manöver: Einerseits will er die wirtschaftlichen Interessen der führenden Unternehmen seines Landes schützen, andererseits sind ihm durch diplomatische Selbstverpflichtungen die Hände gebunden. Die Südafrikaner sind die treibende Kraft beim Friedenspoker zwischen den Rebellen und der Regierung in Kinshasa.

Was immer Pretoria unternimmt, in Washington wurden die Weichen längst umgestellt. Die Amerikaner haben das wirtschaftliche Potential Afrikas entdeckt: einen Zukunftsmarkt mit ein paar hundert Millionen Verbrauchern und einer enormen Nachfrage nach Konsumartikeln, Investitionsgütern und Dienstleistungen. Ob Versicherungen, Bankwesen, Telekommunikation oder Getränke-herstellung - es winken große Geschäfte. Zudem verfügt Zaire über strategische Rohstoffe, vor allem Kobalt, das Computer, Auto- und Flugzeugindustrie brauchen.

Die wiedererwachte Begehrlichkeit wird durch den Africa Growth and Opportunity Act flankiert, ein Gesetz zum Investitionsanreiz, das der Kongreß Anfang Mai verabschiedet hat. Bill Clinton will das Thema Afrika sogar auf die Tagesordnung des Gipfels der sieben führenden Industrieländer in Denver setzen. Derweil bastelt seine Regierung emsig an einer neuen Afrikapolitik. Vordergründig wird die Demokratisierung unterstützt, tatsächlich soll amerikanischen Unternehmen geholfen werden.

Die Franzosen wittern einen perfiden Meisterplan hinter dem ökonomischen Vorstoß der Amerikaner; manche sprechen sogar von einer Verschwörung, die die neuerliche Kolonialisierung Afrikas zum Ziel habe. In Wirklichkeit macht Wa-shington nur nach, was Paris vorexerzierte: den Schwarzen Kontinent zum eigenen Nutzen und Frommen ausnehmen. La petite différence: Die Amerikaner können es vermutlich besser.