Den Krieg zähmen

Seit Golfkrieg und Bosniendebatte durchzieht die Medien ein bisweilen naßforscher Bekennerton: Weg mit der pazifistischen Schlaffheit!

Der Krieg ist ins Denken zurückgekehrt. Er hat sich einen Platz im Feuilleton erobert.

Der Bremer Hochschullehrerin Sibylle Tönnies geht dieser Umschwung ein wenig zu schnell. In der neuen Begeisterung für "humanitäre Interventionen", schreibt sie, bleibe das Völkerrecht auf der Strecke. Zu wenig Phantasie werde auf die Ausgestaltung der internationalen Rechtsordnung, der Weltorganisation(en) und ihrer exekutiven Funktionen ("Weltpolizei") verwendet. Ein Gesinnungskostüm wiege sich im Glanz einer neu gewonnenen Überzeugung, während die politische Urteilskraft im Lendenschurz davonschleiche.

Mit Scharfblick macht Tönnies einen Wandel von Stil und Denken, Habitus und Mentalität aus. Im Gestus, nun endlich "erwachsen" und "realistisch" geworden zu sein, erprobe sich eine Haltung, die sich - vorerst? - negativ dadurch definiere, was sie hinter sich gelassen zu haben glaubt: Menschenketten, Kerzendemos, Betroffenheitsgesten.

Der altbundesdeutsche Pazifismus ist in dieser Optik megaout, einfach uncool sein Impuls aus Angst, Schuld und Moralgewißheit, so das Verdikt, laufe in der heraufziehenden neuen Weltordnung leer.

Sibylle Tönnies sieht diesen politischen Wandel illusionslos und mit einem an Selbstbeobachtung geschulten Gespür für die Veränderung von Wahrnehmungen. Ihr Gegenvotum gilt nicht den Stilfragen, sondern dem Prinzip. "Auch wenn man eine militärische Aktion im Ausnahmefall für unumgänglich hält, auch wenn man die Moral der Bergpredigt nicht in der Politik erwartet, muß man den echten Kriegsgeist . . . in Schach halten, und das kann man nicht, wenn man den Pazifismus diffamiert. . . . Die militaristischen Tendenzen einer Gesellschaft (müssen) durch eine starke pazifistische Gegenbewegung in Grenzen gehalten werden."

Man braucht nicht jedes Argument, mit dem die Autorin die historischen wie moralischen oder politischen Grundzüge des Pazifismus umreißt, zu teilen, um ihr Anliegen zu begrüßen. Es geht ihr um die zivilisatorische Aufgabe des Pazifismus. Mit gutem Recht argumentiert sie, daß ebendies an der Wiege von Völker- und Menschenrecht, Vereinten Nationen und letzlich auch dem staatlichen beziehungsweise überstaatlichen Gewaltmonopol gestanden habe. Selbst die modernen Nationen sind kein Kind des Krieges allein komplementär dazu sind sie Geschöpfe innerstaatlicher Friedensstiftung.

Den Krieg zähmen

Wie aber ist beides zu verbinden? Dies führt Tönnies auf die Suche nach einer Haltung, die Ambivalenzen zuläßt zwischen zwei "Rationalitätstypen", dem friedlichen und dem kriegerischen. Hier freilich gerät der polemische Impetus ins Stottern, denn beide, so Tönnies, seien moralisch "polar", und das heißt unvereinbar. Was nun? Flickwerk tritt an die Stelle politischer Pragmatik. Für den Pazifismus, der sich doch selbstbewußt und attraktiv zum "rationalen Pazifismus" mausern soll, verlangt die Autorin "geschützte Nischen" die Gewaltfrage hingegen möchte sie auf "Polizeiaktionen" beschränkt wissen.

Beides ist nicht schlechthin falsch, aber leider entschieden zu wenig. Der Pazifismus muß raus aus einer politischen Nischenexistenz.

Dazu verurteilt ihn aber - je länger, desto drastischer - jener pazifistische Affekt, der das kriegerische Geschehen für prinzipiell unkontrollierbar hält und damit einer Beschäftigung mit dem - horribile dictu - Kriegshandwerk ausweicht. Sibylle Tönnies tut hier genau das, was sie den "Bellizisten" vorwirft. Sie eilt der Wirklichkeit voraus und vernachlässigt damit, was ebenso wie eine "Weltpolizei" der Vereinten Nationen dringender Reglementierung und strafbewehrter Kontrolle bedürfte: die Wiedererlangung und Bekräftigung der Fähigkeit, den Krieg zu zähmen. Indem sie sich dieser Anforderung verweigert, bleibt ihr fulminantes Plädoyer für den Pazifismus unvollständig.